| André Herrmann

Kulturförderung in Leipzig: Nur fünf Prozent Etat für mehr als die Hälfte der Kultur

Leipzig sonnt sich in der Vielseitigkeit und Hipness der Freien Kulturszene. Trotzdem erhält sie bis heute nicht einmal fünf Prozent des jährlichen Kulturetats, während auf vier städtische Häuser allein 70 Prozent entfallen. Muss das so sein oder läuft hier etwas ganz schön schief?

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da war die Kulturlandschaft noch übersichtlich: Oper, Gewandhaus, Schauspiel und wer keinen Anzug trug und nicht dauernd „Dieses Streicher-Arrangement war wirklich exquisit!“ sagte, der durfte nicht rein, fertig.

Doch die Leipziger Kulturlandschaft hat sich glücklicherweise ausdifferenziert. Heute gibt es täglich Dutzende Lesungen, Einradfahrer- und Extremhäkler-Shows, Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerte abseits der großen Häuser, die der Stadt eben jene Vitalität verleihen, welche ganz Baden-Württemberg die Umzugskisten packen lässt.

Zur Info: Leipzigs derzeitiger Kulturetat liegt bei grob 115 Millionen Euro jährlich. Nur mal als Vergleich: Rund 70 Prozent (= 80 Millionen) davon gehen an die Big Four, das heißt Oper (43), Gewandhaus (17), Schauspiel (15) und TdjW (3), der Rest entfällt auf Zoo, Bibliotheken, Musikschulen und so weiter.

Dem gegenüber steht die Freie Szene. Eine riesige lose Sammlung von KulturmacherInnen und Vereinen, die sich meistens in drei Punkten gleichen: 1) viel Elan und Lust an der freien Kultur 2) gemeinsam mindestens genau so viel Publikum wie die städtischen Eigenbetriebe und 3) einem katastrophalen Stundenlohn. Ach ja: 2012 lag der Anteil der Freien Szene am Kulturetat bei 3,3 Prozent.

Bisschen wenig dafür, dass man sich im Stadtmarketing immer so gern mit den Freien brüstet, dachte sich schon 2007 die Initiative Leipzig+Kultur und startete eine Kampagne namens 5 für Leipzig. Diese erreichte mit viel Aufwand, dass der Stadtrat 2008 beschloss, bis 2013 den Anteil der gesamten Freien Szene am Kulturetat auf 5%, also insgesamt 1/14tel (!) des Anteils der Big Four, zu erhöhen. Das entspräche im Jahr 2012 etwa 5,75 Millionen Euro. Aber der Reihe nach.

Wir schreiben nunmehr das Jahr 2013. Was ist geschehen? Fünf Prozent für die Freie Szene gibt’s immer noch nicht. Wird es so ganz koscher vielleicht auch so schnell nicht geben. Warum? Weil im letzten Jahr spontan eben jener Stadtratsbeschluss von 2008 gekippt und die schrittweise Erhöhung bis 2015 verlängert wurde. Weil gleichzeitig durch ein paar Rechenspiele, wie das plötzliche Hinzuzählen von sechs kommunalen Einrichtungen zur Freien Szene, ihr bestehender Anteil am Etat künstlich erhöht wurde. Ja, der Anteil der Freien Szene wird bis 2015 steigen, was zweifelsfrei gut und richtig ist. Aber es ist eben auch ein abgerungener Erfolg, der jahrelang auf sich warten lässt und dann trotzdem nur mit fadem Beigeschmack durchgesetzt wird.

Warum läuft das so komisch? Warum kann die Freie Szene in Leipzig nicht als gleichberechtigter Teil neben der „Hochkultur“ existieren, ohne dauernd wie ein Stiefkind behandelt zu werden? Warum gibt es bei der Oper mal eben 3 Millionen für eine neue Drehbühne, während die Schaubühne Lindenfels von 250.000 Euro existiert?

Ganz einfach: Weil Leipzig ein Haushaltsloch von 40 Millionen Euro hat. Und weil sich niemand an den Big Four vergreifen will, schon gar nicht der Oberbürgermeister. Noch dazu, weil man dort auch nur marginal sparen könnte. Das hat sich die Stadt sogar doppelt bestätigen lassen, per Gutachten im Jahr 2011 und per Arbeitskreis im Jahr 2013. Für insgesamt 258.000 Euro, haha. Und weil Leipzig mit einem Kulturbürgermeister gestraft ist, der die Freie Szene gern mal als „Kompensationsraum für Problemgruppen“ ohne überregionale Ausstrahlung bezeichnet. Und deshalb versucht man lieber zuerst dort zu sparen, wo man ohnehin noch nie eine allzu starke Bindungen aufgebaut hatte. Und fördert damit wieder einmal den Unmut all jener, die großen Anteil daran haben, dass es den Spiegel-Autoren im Leipziger Nachtleben immer so ausgesprochen gut gefällt.

Ich bin gespannt, was bis 2015 noch passieren wird. Dass Stadtratsbeschluss nicht gleich Stadtratsbeschluss ist und damit die 5% noch lange nicht sicher sind, sollten wir mittlerweile ja wissen. Natürlich, wir sind hier nicht in Hannover, wo die Freie Szene mit weniger als einem Prozent abgespeist wird. Aber darum geht es gar nicht.
Außerdem wäre Hannover-Sein auch wirklich schade.
 

Über den Autor:

André findet die deutsche Trennung zwischen E- und U-Kultur sinnlos und kontraproduktiv. Umso mehr freut es ihn, wenn sich die offiziellen Häuser auch der verpönten U-Kultur öffnen und beispielsweise Poetry Slams auf ihre Bühnen lassen.

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