| André Herrmann

Der Leipziger City-Tunnel: Gaschwitz wird's freuen!

Am Samstag, den 14. Dezember, eröffnet nach zehnjähriger Bauzeit der Leipziger City-Tunnel. Eine Magistrale des 21. Jahrhunderts sollte er werden. Mit fast doppelt so hohen Kosten, wie ursprünglich geplant, ist das Projekt zur Rentabilität verdammt. 

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da lag so etwas U-Bahn-Mäßiges noch in weiter Ferne. Per Zug unter der Stadt entlang huschen, das war nur Berlin und Hamburg vorbehalten.

Am kommenden Sonntag nun öffnet nach jeweils zehn Jahren Planung und zehn Jahren Bau der Leipziger City-Tunnel. 3,6 Kilometer vom Nord- bis zum Südportal, dazwischen vier unterirdische Stationen.

Für jemanden wie mich, der als Bahnerkind geboren wurde und bis heute an jedem Bahnhof so abgeht, wie dieses kleine Mädchen bei seiner allerersten Zugfahrt, könnte es geiler quasi nicht sein. Nur über das Projekt nachdenken sollte man nicht allzu verbissen. Denn obgleich der sächsische Verkehrsminister Mr Morlok davon spricht, dass hier eine Investition in die Infrastruktur der Zukunft getätigt wird, so scheint sie doch in der unmittelbaren Gegenwart nur so mittelmäßig bis wenig nachvollziehbar. Aber der Reihe nach.

„Ein bisschen“ teurer als geplant

Auf rund 572 Millionen Euro schätzte man im Jahr 2000 die Kosten für den City-Tunnel. Wenn am kommenden Sonntag der geregelte Betrieb startet, werden insgesamt 960 Millionen Euro in die Erde gebohrt worden sein. Leicht verschätzt, könnte man also meinen. Und vermutlich würde ein normaler Mensch für solch einen Rechenfehler achtkantig aus jedem Unternehmen geworfen werden. Aber so lang der Freistaat, EU, Bund, Bahn und die Stadt Leipzig zahlen, ist doch alles wunderbar.

Willkommen zurück, Grünau

Einen Stadtteil wird der City-Tunnel besonders freuen. Grünau wird offiziell wieder ans S-Bahn-Netz angeschlossen und bekommt tatsächlich seine Züge zurück, die man 2011 noch wegen zu geringer Nutzung aus dem Verkehr gezogen hatte. Ob sich seither die potentiellen NutzerInnen Plattenbau-Connection sonderlich vermehrt haben, wage ich zu bezweifeln. Eher noch hätte ein Nicht-Wiederanschluss vermutlich schlichtweg dazu geführt, dass man in Grünau dazu aufgerufen hätte, das 960-Millionen-Grab eigenhändig zuzuschütten.

Schneller vortwärts

So richtig profitieren wird man vermutlich trotzdem nur im Westen und im Süden der Stadt von unserem lustigen Tunnel. Zwar hat sich das Projekt großspurig den Untertitel schneller vorwärts verpasst, faktisch erhöhen sich durch den Umweg über die MDR- und Völkerschlachtsdenkmal-Haltestellen für alle Verbindungen Richtung Osten die Fahrzeiten um bis zu 20 Minuten. Die wirklichen Fahrzeiteinsparungen greifen vor allem in Richtung Flughafen und Süden. Klasse, wenn man unbedingt nach Gaschwitz will.

Also doch nur Prestige?

Aber, aber: Täglich pendeln gut 87.000 Menschen nach Leipzig und 11.000 aus der Stadt heraus. Sicher ist für genau diese Leute jedwede Erleichterung angebracht und auf Dauer lohnenswert. Insbesondere wenn sich Leipzigs Wachstumsprognosen auch nur halbwegs bestätigen und Leipzigs Unterwelt in Zukunft womöglich noch weiter vernetzt wird. Zweifellos liegt es nicht an diesen Leuten, dass es sich uns Doch-relativ-innenstadtnah-Wohnenden nicht direkt erschließt, warum man beispielsweise vom Hauptbahnhof zum Markt fahren sollte, obwohl man zu Fuß vermutlich schneller wäre. Oder wie es dazu kommt, dass man einfach vergisst, die Stationen und Unterführungen zu hundert Prozent behindertengerecht zu gestalten. Aber es ist doch immerhin schön, dass man am Leuschner-Platz mal wieder ein paar Glasbaustein-Fetischisten aus dem Jahr 1950 einen Platz zum Sich-Austoben geben konnte. Auch wenn der Architekturpreis, den das zugehörige Büro dafür bekommen hat, wohl eher als Pro-Forma-Schutzwall gegen ästhetische Kritik zu verstehen ist.

Ich hätte mir gewünscht, dass der City-Tunnel den Hauptbahnhof zu einem teilweisen Durchgangsbahnhof gemacht hätte, der ICEs von Nord nach Süd unter der Stadt entlang leitet. Damit hätte man zumindest ein gewichtiges Gegenargument zur neuen ICE-Strecke Leipzig-Halle-Erfurt gehabt, die ab 2015 dafür sorgen wird, dass man vom Hauptbahnhof nur noch alle zwei Stunden nach Berlin und München kommen wird.

Und auch, wenn derzeit überall berichtet wird, dass sehr wohl ICEs Richtung Dresden den Umweg durch den Südausgang des Tunnels nehmen werden, so liegt dies doch nur daran, dass bis 2015 die Ferngleise am Hauptbahnhof umgebaut werden. Danach wird der City-Tunnel vermutlich zum reinen Nahrverkehrstunnel mit ganzen vier Stationen verstauben.

Am „lustigsten“ finde ich jedoch, dass weder die derzeitigen Schülerkarten, noch das Semesterticket für den City-Tunnel gelten werden, weil diese reine LVB-Angebote sind. Andersherum aber haben die LVB schon jetzt ganz heimlich angekündigt, ihre Fahrkartenpreise zum 01. August 2014 zur Abwechslung mal wieder zu erhöhen, weil dies der MDV so diktiert. Klingt ein bisschen nach Doppelmoral oder schlechter Planung, aber was weiß denn schon ich?!

Ich werde mich am Sonntag trotzdem in die Massen der neugierigen ErstfahrerInnen einreihen, die Ellbogen aus- und einmal quer durch den City-Tunnel fahren. Nicht, weil ich nicht trotzdem beim Nachdenken über Sinn und Unsinn des Tunnels Kopfschmerzen bekomme, sondern weil ich nach Halle muss.

Und das ist auf seine ganz eigene Art und Weise schade.

 

Über den Autor:

André ist schon vor langer Zeit aufs Fahrrad umgestiegen. Damit fährt man in Leipzig doch noch immer am besten und vor allem am billigsten.

Kommentare

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LVB und MDV-Fahrkarten

Ja, diese Zweiteilung des Nahverkehrs in Angebote des MDV und LVB finde ich recht merkwürdig. In anderen Städten (Berlin, München,..) gibt es doch auch nur eine Sorte Fahrkarten und mit denen kann ich in der bezahlten Zone alle angebotenen Nahverkehrsmittel benutzen.

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Felix Kohlmann kommentierte auf Facebook

Selten einen so schlechten Artikel gelesen ?

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Ohh man...

...wieso die ganzen Ungenauigkeiten und Halbwahrheiten im Artikel? Man hat das Gefühl, jetzt wo so manchem langsam dämmert, dass der Tunnel doch sinnvoll sein könnte, muss halt alles Mögliche als Kritik herhalten. Wäre doch einfach zu recherchieren gewesen, dass die Semestertickets der HTWK sehr wohl MDV-Karten und damit im Tunnel gültig sind, diejenigen der Uni, deren Studenten sich vor nicht allzulanger Zeit per Wahl (m.W. bis 2015) dagegen entschieden hatten, jedoch nicht. Auch wird man künftig weiterhin stündlich nach Berlin kommen, die S1 in Grünau wurde nicht wegen zu geringer Fahrgastzahlen, sondern aufgrund von Mittelkürzungen zur Haushaltskonsolidation seitens der sächsischen Staatsregierung und weil in dem Bereich sowieso Gleise und Bahnsteige erneuert werden sollten, eingestellt und die Fahrtzeiten in Richtung Osten erhöhen sich auf genau einer Linie (nämlich der nach Wurzen) um 10 Minuten, und das auch nur, wenn man der Meinung ist, das Hauptziel aller Pendler und Gäste sei der Hauptbahnhof.

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Ach...

...so schlecht finde ich den Tunnel ja gar nicht. Ich drücke sogar die Daumen, dass sich das rentiert. Man muss ihn wohl wirklich zuallererst als Investition in den Nahverkehr sehen. Und insofern dabei größtenteils Fahrzeiteinsparungen erreicht werden, ist das doch schön. Und sollte daraus irgendwann mal eine U-Bahn oder Stadtbahn entstehen, hab ich auch nichts dagegen. Deshalb sage ich ja auch gar nicht, dass es ein sinnloses Projekt ist. Was mich stört, ist eben die Trennung von MDV und LVB (ich erinnere mich auch noch an die Abstimmung in Uni und HTWK bzgl. MDV-Anteil im Semesterticket, die unterschiedlich ausgingen). Und dass es überhaupt nicht sicher war, ob Grünau wieder angeschlossen wird, weshalb ich denke, dass die Stilllegung schon etwas mit den Fahrgastzahlen (infolge der Mittelkürzung) zu tun hatte. Und soweit ich das immer gelesen habe, fährt mit der Leipzig-Halle-Erfurt-Verbindung tatsächlich (spätestens ab 2017) nur alle zwei Stunden ein ICE die Strecke Berlin-Leipzig-Erfurt-Nürnberg-München, ebenso wie Berlin-Halle-Erfurt-Nürnberg-München. Oder lese ich das immer gänzlich falsch? Z.B. hier: http://de.wikipedia.org/?title=Neubaustrecke_Erfurt%E2%80%93Leipzig/Halle#Betriebskonzept

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Nutzerbild von DaseDase kommentierte

Die LVZ...

...hatte dies bereits vor ein paar Monaten kolportiert (http://www.lvz-online.de/nachrichten/mitteldeutschland/bahn-startet-ost-offensive-im-fernverkehr-leipzig-wird-wichtiger-knotenpunkt/r-mitteldeutschland-a-203511-1.html): es wird eine neue ICE-Linie 11 mit der Streckenführung Hamburg-Berlin-Leipzig-Erfurt-Frankfurt-Stuttgart geben, die dafür sorgt, dass es weiterhin einen umsteigefreien Stundentakt nach Berlin und Hamburg und neu nach Frankfurt gibt.

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Alles klar...

...danke, das habe ich tatsächlich überhaupt nicht mitbekommen. Gut so, dass es beim Stundentakt bleibt.

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Nutzerbild von KrawehlKrawehl kommentierte

Zweifel am Sinn sind angebracht

Ich will ja gar nicht pessimistisch klingen, aber bislang ist mir (trotz gründlicher Recherche) noch kein Argument untergekommen, welches den City-Tunnel in ein halbwegs positives Licht tauchen könnte. Ich vermute viel eher, damit sollte die massive Kritik am teuren, überdimensionierten Flughafen in Schkeuditz gelindert werden, nach dem Motto: "Ach, so schlimm ist der ja gar nicht, beim Tunnel wurde das Geld noch viel sinnloser verbrannt." Ganz nebenbei konnte sich der OBM Tiefensee als Macher profilieren, was ihm ja auch kurzfristig den Posten als Bundesminister eingebracht hat. Eine Zwickmühle der modernen Politik eben, wer neue Infrastruktur schafft (egal wie überflüssig), wird gelobt, wer jedoch Bestehendes saniert und somit die Substanz erhält, ist schnell wieder weg vom Fenster. Zu glauben, dass sich die Investition von 960 Mio Euro (so das denn stimmt, was ich nicht glaube) rentieren wird, dazu gehört schon eine gehörige Portion Ignoranz oder mathematische Unbefangenheit. Allein die Unterhaltskosten werden Unsummen verschlingen, was die Stadt auch in Zukunft zu einigen Sparrunden zwingen wird.

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Nutzerbild von DaseDase kommentierte

Mal ganz davon abgesehen...

...dass es mehr als genügend Pro-Argumente gibt, sofern man sich die Mühe macht, sich mal ein wenig mit dem Thema zu beschäftigen: der Tunnel wird von der DB-Netz betrieben, die Stadt hat damit nichts zu tun und wird deswegen auch nicht zu irgendwelchen Fantasie-Sparrunden gezwungen. Die Unterhaltskosten betragen laut Sachsenspiegel 4 Mio. Euro / anno, die Einnahmen über Trassengebühren grob überschlagen 9 Mio. Euro / anno, die DB-Netz dürfte also voraussichtlich 5 Mio. Euro Gewinn machen. Zu wünschen wäre, dass diese in den weiteren Ausbau des Netzes und die Verbesserung der periphären Stationen gesteckt wird, beispielsweise in ordentliche Digitalanzeiger und roßflächige Überdachungen.

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Nutzerbild von MartinMartin kommentierte

Klasse

Dann sind ja schon in 192 Jahren die Kosten wieder drin. Unvorstellbar warum daran noch immer rumgemäkelt wird.

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kommentierte auf Facebook

Parkbogen Ost wäre der absolute Hammer.

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