| Martin Meißner

Flaschensammeln in Leipzig - Martin, der Pfandpirat

Wir sehen sie überall. Ob im Park, an der Haltestelle, neben der Schlange vor der Disko oder am Pfandautomaten vor uns. Flaschensammler sind ein alltäglicher Anblick geworden. Doch wie sich das Sammeln anfühlt, wissen wir nicht. Martin hat den Perspektivenwechsel gewagt.

Es ist früh. Es ist kalt. Ich bin müde.So streife ich durch Reudnitz und hoffe, ein paar Euros kassieren zu können.

Das mit den Euros legt sich schnell, bald werde ich nur noch in Cent hoffen. Dabei fängt es ziemlich vielversprechend an. Gleich zu Beginn finde ich eine Einwegflasche, die ganze 25 Cent bringt und sehr leicht zu erreichen ist. Es geht auch gut weiter, als ich auf einem Kinderspielplatz Mixery Flaschen finde. Vielleicht haben Teenager hier gestern Abend eine Party gefeiert. Der Vorteil an der frühen Stunde ist, dass kaum jemand unterwegs ist. Das Suchen nach Flaschen ist mir durchaus unangenehm und ich halte mich so gut wie möglich von anderen fern. Nach gut einer Stunde Streifzug in Reudnitz besitze ich einen Pfandbon in Höhe von 1,22€.

Ich begebe mich nach Neustadt-Neuschönefeld und wandere über den Stadtteilpark Rabet in Richtung Eisenbahnstraße. Das Gestrüpp ist zwar voll mit Limonadendosen, aber leider haben diese nicht das begehrte Pfandzeichen. Ich habe noch nie verstanden, warum man beim Dönermann pfandfreie Dosen bekommt. Immer wieder wird die Hoffnung auf 25 Cent zerstört, sodass ich irgendwann aufhöre, mich nach Dosen zu bücken.

Ich laufe bis zum Ende der Eisenbahnstraße in Sellerhausen, ohne auch nur eine einzige Flasche zu finden. Ich zögere ein wenig. Soll ich wirklich weiter gehen? In dieser Gegend arbeite ich und es könnte mich der eine oder andere Kunde wiedererkennen. Der Wunsch nach einer Toilette lässt mich dann doch weiter gehen.Kurz denke ich, das Weitergehen hat sich gelohnt, aber die von mir aus dem Gebüsch gezogene Flasche hat leider keinen Hals mehr. Einer anderen Einwegflasche, die ich finde, fehlt leider das Pfandsymbol. Meine Stimmung ist auf dem absoluten Tiefpunkt.

Selbst auf meinem Rückweg über das Bülowviertel bleibt der Erfolg aus. Ich habe einige neue Ecken entdeckt, was mich für gewöhnlich begeistert. Heute aber nicht. Wie auch? Ich wandere jetzt schon zwei Stunden durch den Leipziger Osten und habe keinen müden Cent verdient.

Eine braune Flasche zieht mich aus dem Tief. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal so über eine leere Flasche Sternburg freuen würde. Am Listplatz werde ich noch einmal fündig. Hinter einem Bauzaun entdecke ich eine Mineralwasserflasche. Mir ist jetzt kein Weg zu weit für 15 Cent. Ich laufe zurück und suche einen Zugang zu dem Grundstück. Ich kämpfe mich durch zugemülltes Gestrüpp und stecke die Trophäe ein. Auf meinem Weg zurück nach Reudnitz sehe ich einen Grund für meine magere Ausbeute: der Zeitungsverteiler hat eine leere Flasche in seinem Rolli. Ich bin nicht alleine auf der Jagd.

Ich habe in vier Stunden keine zwei Euro zusammen bekommen. Es ist Zeit für einen Strategiewechsel.

Mitternacht. Moritzbastei. Ich will mir von einer Expertin erklären lassen was ich falsch gemacht habe. Erika sammelt seit fünf oder sechs Jahren Pfandflaschen. "Die goldenen Zeiten sind vorbei", sagt sie. Erika meint, dass ich mit meinen zwei Euro noch einen recht guten Schnitt gemacht habe. Grundsätzlich ist es Abends und Nachts am besten, genau die Zeit wenn die Flaschen abgelegt werden. Es gibt zu viel Konkurrenz auf den Straßen. Ich bedanke mich für die Hinweise und mache mich auf den Heimweg.

Das Blatt hat sich gewendet. Ich laufe um die Ecke und schon habe ich die erste Falsche in der Hand. So geht es munter weiter. Auf dem Augustusplatz stehen zwei volle Flaschen Sterni, aber weit und breit kein Besitzer. Wenn es läuft, dann läufts.

Ich habe jetzt fast keine Hemmungen mehr. Mülleimer? Kein Problem! Die Flaschen liegen oben, da muss man nicht wühlen. Vor allem stehen die meisten Flaschen am Wegesrand oder an Wänden. Sorgsam platziert, damit sie problemlos mitgenommen werden können. Nur einmal zögere ich wieder. An der Haltestelle Augustusplatz steht eine Bierflasche zwischen lauter Menschen. Ich warte bis die Bahnen abgefahren sind. So weit bin ich dann doch noch nicht.  Meine Tasche ist jetzt ziemlich schwer, denn ich habe in der halben Stunde Heimweg, fast genauso viel Pfand gesammelt, wie in den vier Stunden zuvor.

 

Über den Autor:

Martin arbeitet für gewöhnlich auf der anderen Seite des Pfandautomaten. Bis jetzt rollte er auch immer mit den Augen wenn die Flaschensammler die Automaten blockierten.

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