| André Herrmann

Verborgenstes Leipzig: 8 Tipps, die man hoffentlich nie im Lonely Planet findet

Seit einer Woche existiert mit der Seite „Verborgenes Leipzig“ ein Verzeichnis mit touristischen Geheimtipps rund um Leipzig. André verrät, was man wirklich gesehen und erlebt haben muss, um dieses ominöse Lebensgefühl mitzunehmen, das Leipzig ausmacht.

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da war die Sache mit dem Tourismus noch ganz simpel. Hauptbahnhof, Auerbachs Keller, Völkerschlachtdenkmal und schon ging’s zurück ins heimische Paderborn.

Heute funktioniert das alles etwas anders. TouristInnen jagen diffusen Lebensgefühlen hinterher, die sich schwer an bestimmte Orte und die üblichen Attraktionen koppeln lassen. Deshalb kaufen sie sich einen Lonely-Planet-Reiseführer, der ihnen verspricht, die absoluten Geheimtipps zu enthalten, und wundern sich dann, wenn die Geheimtipps selbst zur Attraktion geworden sind, weil alle einen Lonely Planet haben.

Auch nach Leipzig kommen die Besucher oft, weil es hier besonders cool und hip sein soll. Vielleicht deshalb existiert seit letzter Woche eine Seite namensVerborgenes Leipzig, quasi der Lonely Planet für die Messestadt. Hier bekommt man all das aufgelistet, was Leipzig angeblich so anziehend macht. So richtig viel Neues ist zwar nicht dabei, aber dafür gibt es freche Sprüche und manchmal etwas makabere Tipps wie das Duke, das just zu Jahresbeginn ziemlich unsanft zur Schließung gedrängt wurde, weil der Hauseigentümer jetzt genug von der ganzen Hipness hat und Geld verdienen will.

Ich persönlich glaube nicht an Lonely Planets. Und ich glaube nicht an redaktionell aufgearbeitete Geheimtipps, die zumeist doch nur auf Konsum hinaus laufen, selbst wenn ab und zu tatsächlich ein guter Tipp dabei sein mag.

Es folgen deshalb acht noch verborgenere Leipzig-Tipps, die hoffentlich niemals Einzug in einen Reiseführer finden werden:

 

1) Nachtbusfahren:Geht am besten in der Nacht von Samstag auf Sonntag oder von Donnerstag auf Freitag. Nachtbusse fahren immer um 1:11, 2:22 und 3:33 Uhr vom Hauptbahnhof in alle Richtungen. Das Besondere dabei: Die Leipziger Nachtbusfahrer sind allesamt ehemalige Stockcar-Rennfahrer. Sie lieben abruptes Bremsen, irre Kurvenfahrten und das wahllose Auslassen von Haltestellen. Wenn man Glück hat, trifft man im Nachtbus haufenweise total Betrunkene, die manchmal ein bisschen Lebensgefühl aus ihrem Mägen auf den Fußboden pumpen.
Hardcore-Touristen steigen übrigens nicht am Hauptbahnhof ein, sondern versuchen irgendwo unterwegs eine Haltestelle und die zugehörige Abfahrtszeit zu finden. Ein nahezu unmögliches Unterfangen.

 

2) Grünauer Welle: Die Grünauer Welle ist die beste Schwimmhalle der ganzen Stadt. Nicht nur, dass sie sich auf der Stuttgarter Allee inmitten von Grünaus härtesten Plattenbauten befindet, wo der Wind durch die zu enge Bebauung nahezu alle Passanten wegweht. Auch stehen manchmal Schüler der anliegenden Mittelschule vor dem Eingang und rappen. Drinnen trifft man ganz viele tolle Menschen mit geblümten Badekappen und ältere Herren, die seltsam lang und komisch grinsend auf den Düsen des Whirlpools sitzen.

 

3) Unverzichtbar für das richtige Leipzig-Feeling: Mal schön mit dem Fahrrad in einer Straßenbahnschiene hängen bleiben. Besonders gut funktioniert dies auf einer der Hipness-Magistralen aka Karl-Liebknecht-, Karl-Heine-, Georg-Schwarz- oder Eisenbahnstraße. Wer hier noch nie sein persönliches Stückchen Haut hinterlassen hat, der lebt äußerlich noch immer in Waiblingen.

 

4) Das Schnellbuffet Süd:Hat samstags nur bis 15 Uhr geöffnet, wobei ab 14 Uhr nochmal hart geraucht wird. Warum? Weil das Schnellbuffet Süd es kann! Außerdem gibt es dort mit Fleckeeintopf, Grützwurst usw. ausschließlich Essen, dass man niemals freiwillig auf Instagram posten würde. Einen besseren Gegenentwurf zur Südvorstadt kann man sich mitten in der Südvorstadt gar nicht vorstellen.

 

5) Nach Halle (Saale) fahren:Haha, nein.

 

Honorable mentions:

Der1-Euro-Dönerauf der Jahnallee. Kostet mittlerweile 3,50 Euro, wie fast überall, ist aber zutatentechnisch gesehen vielleicht auch ganz gut so.

DerGrill-Express:Quasi die fast durchgehend geöffnete Fortführung des Schnellbuffets. Nur mit noch mehr Fritteuse und noch mehr Fett. Ist mittlerweile einem Fischrestaurant gewichen. Irgendwie symptomatisch.

DasWerk III am Connewitzer Kreuz:Ach, das Werk III. Hat seit einiger Zeit ebenfalls geschlossen. Doch trotzdem erinnere ich mich gern daran, wie die Barfrau ab und zu eigenhändig jemanden zur Tür hinaus zerrte oder manchmal einer der Punks die Tische ablief und freundlich fragte: „Ey, seid ihr Studenten? Dann haut ab! Wir hassen Studenten!“ Ach, was habe ich mich dort verstanden gefühlt.

 

Mal ehrlich: 

Was mich damals sofort zu Leipzig bekehrt hat, war die unstressige Art der LeipzigerInnen. Dass man nachts nahezu überall unterwegs sein kann, ohne Idioten zu begegnen. Dass es diese Kneipen gibt, in denen man mit dem Barkeeper um die Getränkerechnung würfelt und die zugehörigen Toiletten, die man ob der vollkommen zugetexteten Wände immer erst nach 20 Minuten wieder verlässt. Dazu diese angenehm greifbare Größe der Stadt und allem voran die Leute, die ich hier kennen lernen durfte.

Der beste Tipp, den ich also geben kann, ist, sich treiben zu lassen. Aus der Haustür zu gehen und einfach so lang man Lust hat in eine Richtung laufen. Oder mit der Straßenbahn alle Linien komplett durchzufahren. Effektiver geht das mit einem Fahrrad, wobei man da mitunter nach zwei Stunden auch schon mitten auf einem Feld steht.

Hoffen wir jedenfalls, dass es demVerborgenen Leipzignicht so ergeht wie dem Lonely Planet.

Alles andere wäre auch wirklich schade.

 

Über den Autor:

André freut sich schon auf den nahenden Frühling, denn dann hält man es draußen auch ohne Erfrierungen vierten Grades aus.

Kommentare

Bernadette Hapunkt kommentierte auf Facebook

WUNDERSCHÖNST geschrieben. Trifft genau meinen Nerv.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von Angelika KellAngelika Kell kommentierte

Grünauer Welle

Unbedinge Zustimmung. Offenbar wir sind zu verschiedenen Zeiten dort. Sonntag früh plant man am besten eine halbe Stunde Wartezeit für die Kasse ein. Wegen massiven Andrangs ist die Sauna schon zehn Uhr komplett voll. In der Schlange am Schalter (langsamer geht es nirgends, wahrscheinlich wegen der vielen Ausweise, die wegen der Ermäßigungsberechtigungen rausgekramt werden) kann man alle europäischen Sprachen hören, der Anteil von Kindern liegt jenseits der 50%. Und abgesehen davon, dass immer mal das Klopapier alle ist, und man in den Toiletten mit Badelatschen nicht hinreichend gegen Hochwasser gerüstet ist - ist es einfach genial.

000 001
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von s.s. kommentierte

:)

Ich persönlich liebe am meisten das Rentner-Rondell. Diese Spirale, in der einen die Omas "aus Versehen" treten, wenn man auch mal im Kreis treiben möchte.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von CentralGlobetrotterHostelCentralGlobetrotterHostel kommentierte

Lonely Planet is gone....

Wieder ein toller Artikel im Weltnest :) Allerdings müssen wir anmerken, das die jungen Rucksacktouristen heutzutage den Lonely Planet kaum noch kennen...die guten alten Zeiten des Buches scheinen vorbei, statt "hallo" ist die neue Begrüßung an der HostelRezeption: "WiFi??" ... wir nehmen Eure Anregung an und senden diese zukünftig samt Tablet in die GrünauerWelle :)

000 001
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von AndréAndré kommentierte

Stimmt wohl ...

... ich bin einfach zu alt :)

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Ralf Oettel kommentierte

zu Tipp 3 (Ergänzung)

Kurt-Schumacher-Str. kurz hinterm Hbf, mein Geheimtipp, sehr effektiv.

000 001
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von AndréAndré kommentierte

Oh ja!

Die hab ich auch schon kennen gelernt. Und einen dazu schimpfenden Busfahrer.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Jeannine Zweinull kommentierte auf Facebook

Punkt 5 :D :D

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von MarkoMarko kommentierte

Ich fahre täglich nach Halle

Hey- hey - nicht über Halle lästern! Habe 33 Jahre in Leipzig gelebt, eh mich die Liebe nach Halle trieb. Ich bereue es nicht. Halle ist nicht vergleichbar mit Leipzig und von außen lässt sich Leipzig mitunter ganz anders betrachten. Beide Städte haben ihrs und ich lebe gerne in dieser Region.

000 001
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von AndréAndré kommentierte

I know, I know

Ich stänkere nur gern :)

000 001
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von ZwennZwenn kommentierte

You don't

Hey! Dass Marko sich diesen Fleck neben dem Flughafen schönredet, ist verständlich. Aber es ist kein Grund, einzuknicken oder anbiedernd zu lügen! ;-)

000 001
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von MarkoMarko kommentierte

Mit Dir red ich nicht mehr...

Alles gut! ;-)

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Eine neue Diskussion starten

Angemeldet als anonymer Benutzer.