| Martin Meißner

Dosenbier als Lohn - Ein Modell für Leipzig?

Ich war am Wochenende für Weltnest Flaschen sammeln. Dabei fiel mir auf, dass die Straßen zwar von Pfandgut befreit werden, sonstiger Unrat aber liegen bleibt. In Amsterdam gibt es ein Pilotprojekt in dem Alkoholiker für das Straßensäubern Geld und eine Ration Dosenbier erhalten. Auch in Essen ist ein solches Projekt für den Frühsommer geplant. Wäre so etwas auch in Leipzig vorstellbar?

Martin fragt, Stadtpolitiker antworten. Ab sofort wöchentlich bei Weltnest.

 

René Hobusch, FDP

Liebes Weltnest, das ist weltfremd - wirklich! Oder käme jemand ernsthaft auf die Idee einem Junkie ein bisschen Crystal fürs Einsammeln von Spritzen auf Spielplätzen anzubieten? Wenn wir über Drogenkranke - und ich sage: KRANKE! - reden, dann heißt mein Ziel, von dem Zeug wegzukommen. Für saubere Straßen, Wege und Parks müssen wir mehr tun - insbesondere uns alle erstmal an die eigene Nase fassen, bevor wir nach der Putzpolizei rufen!

 

Juliane Nagel, Die Linke

Das Projekt fällt zunächst durch seinen freiwilligen, niedrigschwelligen und akzeptierenden Ansatz, der die prekäre Lebenssituation und gesellschaftliche Außenseiterposition der schwer Alkoholabhängigen aufnimmt, auf. Blickt man jedoch genauer hin, finden sich allerdings schnell die überwiegend negativen Aspekte. Die Entschädigung der schwer Alkoholabhängigen, die sie für die Tätigkeit des Müllaufsammelns bekommen, unterbietet selbst Niedriglöhne! Das Projekt zementiert zudem die Spirale, in der sich die Betroffenen befinden: statt Perspektiven jenseits der sozialen Deklassierung und Alkoholabhängigkeit, bekommen sie in erster Linie Bier als "Lohn" – also Naturalien. Solche Ideen stammen doch aus dem Mittelalter, oder? Klar soll den Leuten die Möglichkeit gegeben werden, Geld zu verdienen, aber dann sollen sie auch selbst entscheiden können, was sie sich damit kaufen. Unterm Strich: ein paternalistisches Projekt, das vor allem am Gedanken der Nützlichkeit von Menschen und nicht auf die Wiedererlangung von Selbstbestimmung orientiert ist.

 

Tino Bucksch, SPD

Solche Projekte haben immer ihren eigenen Charme. Es wurde u.a. in Leipzig darüber nachgedacht, neben den Mülleimern extra Behälter für Pfandflaschen aufzustellen. Damit sollte erreicht werden, dass Menschen, die Pfand sammeln, diese direkt aufsuchen können. Zum einen kann damit der Anreiz, die Stadt sauber zu halten, erhöht und die Gefahr für die Pfandsammler_innen, sich in den Mülleimern zu verletzten, minimiert werden. Dennoch dürfen solche Projekte nicht dazu führen, dass wir es vernachlässigen primär dafür zu sorgen, die Betroffenen aus ihrer Armut, Obdachlosigkeit oder ihrer Alkoholsucht herausgeholt werden. Ansonsten verkümmert die Sozialstaatlichkeit zur reinen karitativen Politik.

 

Jürgen Kasek, Die Grünen

Diese Idee perpetuiert die soziale Deklassierung und geht in die komplett falsche Richtung. Die Bilder, dass Alkoholiker, also Menschen die eine Krankheit haben und unsere Hilfe benötigen, denjenigen die offensichtlich nicht in der Lage sind ihren Müll bis zum Eimer zu tragen und Ordnungswidrigkeiten begehen, den Müll auch noch hinterhertragen, ist eine Verhöhnung der Alkoholkranken. Zudem werden Fehlanreize gesetzt und der Job der Stadtreinigung gleich mitentwertet. Auch diejenigen, die Müll sammeln müssen vernünftig bezahlt werden. Seinen Dreck auf der Straße zu entsorgen, was viele Menschen unabhängig ihrer sozialen Schicht tun, ist nur eines – im klassischen Sinne antisoziales Verhalten. Viel eher gilt es, dass ausgezeichnete Modellprojekt „Aufsuchende Straßensozialarbeit“ weiter zu unterstützen und den von Alkoholabhängigkeit Betroffenen dadurch zu helfen. Wenn wir alle im Sinne einer sozialen Gesellschaft handeln würden, dann müssten wir solche Fragen nicht mehr diskutieren.

 

Markus Walther, CDU

 

 

 

 

Bei dem Projekt muss man fragen: Wem nützt es? Auf den ersten Blick der Allgemeinheit, klar: Gegen ein sauberes Straßenbild kann man nichts einwenden. Das verbessert das Lebensgefühl und macht die Stadt attraktiver. Aber nützt es auch wirklich Alkoholabhängigen, wenn sie fürs Straßensäubern mit Alkohol bezahlt werden? Ich denke nicht: Die Ursachen von Alkoholabhängigkeit werden so nicht gelöst. Und um Alkoholabhängigen eine Tagesstruktur zu geben, braucht es bestimmt keine Bezahlung in Alkohol. Die Idee nützt am Ende vielleicht am meisten dazu, uns ein ruhiges Gewissen zu bescheren: Wir können uns einreden, Alkoholabhängigen eine „Perspektive" zu eröffnen. Aber wirklich tragfähig ist das nicht. Alkoholismus ist eine Krankheit, und Betroffene verdienen die medizinische und psychotherapeutische Hilfe der Gesellschaft.

Ute Elisabeth Gabelmann

Das Amsterdamer Modellprojekt berührt eigentlich nur am Rande politische Fragen, sondern sollte eigentlich besser von Betroffenen, Therapeuten, Sozialarbeitern und Medizinern kommentiert werden. Daher wären Teilnehmermeinungen aus Amsterdam spannend.
Die Auszahlung von Leistungen in Naturalien kennt man ja hierzulande leider schon aus dem Hartz-IV-Bereich, wo ebenfalls solche entwürdigenden und abstoßenden Maßnahmen vorgesehen sind.
Positiv an dem Konzept ist, daß es die Betroffenen in ihrer Lebenswirklichkeit abholt und einen sehr niedrigschwelligen und freiwilligen Ansatz bietet. Es bevormundet nicht, stempelt Alkoholkranke nicht ab und versucht auch nicht, sie gegen ihren Willen in eine (von Außen sicher gutgemeinte) Therapie zu drängen. Es bietet Hilfe an, zwingt sie aber nicht auf.
Wichtig bei ungewöhnlichen Projekten ist immer, Betroffene einzubeziehen, ein komplettes Begleitkonzept drumherum und zusätzliche Perspektiven und Anreize zu bieten.

Über den Autor:

Martin ist hocherfreut, dass er bis Dienstagabend alle Antworten beisammenhatte. In Zukunft wird er an dieser Stelle seinen Senf dazugeben. Heute belässt er es bei einem Danke.

Kommentare

El Peeto del Core kommentierte auf Facebook

Dosenbier als lohn un wenn se sich besonders gut anstellen bekommen diese Leute noch ne Banane??? ... un die Politiker erhöhen ihr gehalt um 10%???

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Ronny Schumann kommentierte auf Facebook

Immerhin sind sie sich wenigstens bei diesem Thema einig.

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Nutzerbild von kommentierte

Konkrete Lösungsansätze dringend vonnöten!

Dieser Beitrag hat im Ergebnis wenig Erfolgreiches und Ertragreiches. Größtenteils wird eine (einheitliche) Meinung von allen Antwortenden vertreten. Da liegt schon das erste Problem, denn so etwas bringt einen Leser und besonders die Betroffenen wenig weiter. Um das zu vermeiden, sollten wohl die Zu-Wort-Kommenden sorgfältiger und ergebnisorientierter ausgewählt werden. Das jedoch schwerer wiegende Problem hierbei ist, dass keine konkreten Lösungsansätze ins Feld geführt werden. Lediglich im Beitrag des Grünen-Politikers klingt ein Vorschlag an. Alle anderen Kommentare gleichen sich nicht nur im Grundtenor (Konjunktiv und Einheitsmeinung) denen der anderen, sondern auch im Mangel an konkreten Vorschlägen. Darin wird deutlich, wie intensiv man sich mit der Thematik auseinander gesetzt hat, schlicht zu oberflächlich.

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Nutzerbild von JuleJule kommentierte

Vorschläge?

Das stimmt.. Vorschläge sind ne gute Frage. Im Zentrum für Drogenhilfe gibts Angebote, die gut sind, z.B. zur Tagesstrukturierung, Werkstätten, Tagestreffs, Beratungen.. und Ausstieg ist auch immer möglich, aber bei langer und schwerer Abhängkeit wohl meist die am wenigsten in Frage kommende Option. Wichtig ist, dass die Betroffenen sozial stabilisiert werden, und das fällt meistens runter. Das totale Abstürzen ist ja auch meist sozial bedingt. Da brauchts Mechanismen das von Vornherein zu verhindern, vor allem aber auch Enttabuisierung von Abhängigkeitsproblemen, so dass Menschen sich nicht mehr schämen, wenn sie den Grad zur Krankheit übertreten. Die von Jürgen angesprochene Straßensozialarbeit für Alokoholabhängige ist btw ein von der Stadt Leipzig erdachtes Projekt gewesen. Gut, dass der Stadtrat das nach Auslaufen der EU.Mittel gerettet hat. Zentral bleibt aber das Präventive (verantwortlicher Umgang), soziale Systeme, die einen Absturz verhindern.. Das klingt "konjunktiv", aber es gilt ja auch vorausschauend zu agieren. Die Realität orientiert aber eben auf die Verteufelung von illegalisierten Drogen, während Alkohol ganz normal in den Alltag eingeflochten ist.

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Nutzerbild von Willie WildgrubeWillie Wildgrube kommentierte

Privatmeinung :)

Solche niedrigschwelligen Projekte zur Tagesstrukturierung sind zu begrüßen. Eine sinnvolle Beschäftigung kann dazu beitragen, den Selbstwert zu heben und soziale Beziehungen zu festigen. Bei der Umsetzung wesentlich wäre eine strikte Orientierung auf die aktuelle Lebenswelt der Teilnehmenden, das beinhaltet z. B. den Verzicht auf Restriktionen bei Nichterscheinen. Auch ist eine tägliche Arbeitszeit von 6h für viele wahrscheinlich zu hoch angesetzt, hier sollte ein flexibles Aushandeln individuell möglich sein. Darüber hinaus könnten rechtliche Aspekte berührt sein, wenn Sozialgeldbezug (keine Fähigkeit zur Beschäftigung über 3h täglich) vorliegt oder ein Zufluss zum AlgII entsteht. Grundsätzlich ist es nicht verwerflich, Alkohol an Alkoholkranke auszugeben. Das wird im Supermarkt nebenan ja auch getan. In diesem Kontext werden aber sowieso an den gesellschaftlichen Rand gedrängte Menschen vorgeführt. Ihnen wird für ihre nützliche Arbeit kein Geld angeboten, das sie nach ihrem Willen einsetzen könnten, sondern Bier. Das ist es also, was sie brauchen. (Von individuellen Vorlieben für Wein etc. will ich hier gar nicht anfangen.) Sie werden auf diese Weise auf eines ihrer Merkmale reduziert - das entspricht der Definition von Diskriminierung. Andersherum soll dieses Vorgehen wohl verhindern, dass sie sich hochprozentigen Alkohol (in größeren Mengen) kaufen. Das wäre im Rahmen einer medizinischen Behandlung (das würde Zustimmung voraussetzen) vollkommen okay. Hier wird es aber als repressive Maßnahme angewendet. Eine Bezahlung in Naturalien lehne ich aus diesen Gründen ab. Interessant finde ich, dass sich niemand am Austeilen von Tabak an Nikotinabhängige störte. Der volkswirtschaftliche Schaden durch Nikotin ist ähnlich hoch wie beim Alkohol.

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