Leipziger Buchmesse: Mäßig amüsant und in Zukunft ohne mich

Gestern endete die Leipziger Buchmesse. Mit einem neuen Besucherrekord von 175.000 verkauften Karten, dürfte das Resümee der Veranstalter ausschließlich positiv ausfallen. Nur André trifft eine andere Entscheidung für die Zukunft. Ein Beziehungsgespräch.

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da war es praktisch meine erste Amtshandlung, mir eine Dauerkarte für die Buchmesse zu besorgen. Ich mochte Bücher, ich mochte Lesungen und ich mochte es, zu lesen. Die Messe erschien für jemanden wie mich praktisch ein traumhafter Ort zu sein.

 

Liebe Buchmesse,

seit vielen Jahren sind wir nun schon ein Paar. Immer bin ich Mitte März auf Deinem Gelände auf der Neuen Messe unterwegs gewesen, habe mich tapfer durch Deine Menschenmassen gedrückt, Deine zahlreichen Lesungen gehört und tapfer in der überfüllten Straßenbahn die Luft angehalten.

Ich weiß nicht, ob es genau einen Grund gibt oder ob es eine Mischung aus vielen kleinen Gründen ist, aber ich glaube, es ist an der Zeit, die Sache mit uns zu beenden. Bitte verstehe mich nicht falsch, es liegt nicht an Dir. Ich weiß, dass sagt man immer, wenn man eigentlich meint, dass es sehr wohl an dem Anderen liegt, aber ich denke, wir haben uns einfach auseinander gelebt. Ja, auch das sagen sie ständig im Film. Wahrscheinlich ist es besser, wenn wir uns erst einmal nicht mehr sehen. Zumindest, bis mich ständig Bodyguards begleiten oder ich endgültig gefühlskalt geworden bin.

Du bist mir einfach zu groß geworden. Ich weiß, das klingt ein bisschen fies und man könnte sagen, es war ja auch Besucherrekord, aber so schwer fallen die 7000 Besucher, die es in diesem Jahr zusätzlich waren, dann wohl auch nicht ins Gewicht. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich Leute gibt, die es erregend finden, sich stundenlang an schwitzenden Menschen mit riesigen Papiertaschen vorbeizudrücken, aber für mich sind die getrockneten Salzspuren, die sie auf meinen Klamotten hinterlassen, der blanke Horror. Klar, ich bekomme noch immer Lust, mich sofort hinzusetzen und zu lesen, wenn ich irgendwo an einem Stand ein interessantes Buch sehe, aber ich würde eben niemals auf die Idee kommen, mich irgendwo in Deinem Trubel hinzusetzen. Dann lieber schnell wieder nach Hause fahren und auf die Couch legen. Und da kann ich mir die Neuerscheinungen dann auch im Internet ansehen. Ich weiß, es tut weh, das zu hören.

Leipziger Buchmesse, das meint doch sowieso schon seit Jahren vielmehr „Leipzig liest“, also all die Lesungen, die nach Messeschluss am Abend in der Stadt zu erleben sind. Wen interessiert es, dass selbst die Stadt Halle einen eigenen Stand hat? Womöglich nicht umsonst trifft man dort nur Rentner und Menschen mit Bicolor-Haaren.

Fünf Messehallen, das schafft kein normaler Mensch, das schafft nur Robocop. Und 16,50 Euro für vom Lärm überschattete 30-Minuten-Lesungen und drum herum ein riesiges Ständewirrwarr, das zusammengenommen einzig eine sehr große und sehr hektische Buchhandlung ist, das ist mir mittlerweile einfach zu viel. Vielleicht liegt es daran, dass ich alt werde. Vielleicht werde ich aber auch nur realistischer.

Ich weiß, Du hast versucht, unsere Beziehung zu kitten. Dass Du die verrückten Mangakinder in eine eigene Halle verbannt hast, war echt ein feiner Zug. Aber natürlich schwirren die leicht bekleideten Zwölfjährigen dann trotzdem überall herum und laufen so nah an einem vorbei, dass man immer denkt, sich mit jeder Berührung sofort strafbar zu machen.

Machen wir uns doch nichts vor. Du bist mainstream geworden und mein Geschmack hat sich spezifiziert. Würde ich bestimmen dürfen, dann würde ich vermutlich vier Fünftel aller Stände wegrationalisieren. Und das übrig gebliebene Fünftel bestünde immer noch zur Hälfte aus Essensständen. Dafür gäbe es unglaublich viel Ruhe, kein Gedränge und entspannt gestaltete Leseslots, die mit Qualität statt Quantität gefüllt würden.

Vielleicht komme ich wieder, wenn ich ein gefeierter Bestsellerautor bin. Oder zumindest dann, wenn ich oft genug beim Fahrradfahren auf den Kopf geknallt bin. Vermutlich werde ich dann so oder so einen roten Pullover dabei haben, den ich lässig über die Schulter tragen werde. So ein schnöder Besucher zu sein, das brauche ich echt nicht mehr. Vor allem, dass offensichtlich jeder Mensch auf der Welt schon einen Roman veröffentlicht hat, selbst wenn er doch nur von der Heilkraft ostindischer Bergkristalle, Wanderhuren oder anderem Quatsch handelt, macht mich fertig. Sobald man auf deinem Gelände Leute feiert, die es geschafft haben, keinen Roman zu veröffentlichen, bin ich wieder am Start und lasse mich feiern. Dann vermutlich nur als einziger Gast.

Ich glaube nicht, dass Du lange über meinen Verlust darben wirst. Vermutlich wirst Du ihn sogar sehr gut wegstecken und bald nicht mehr daran denken müssen. Das ist okay, denn wenn man das Wort "Messe" tatsächlich als "Warenschau" versteht, dann erfüllst Du Deinen Zweck erstaunlich gut. Und jemand wie ich, der schon im Klamottenladen Nervenzusammenbrüche bekommt, weil er sich nicht durch Berge von Hosen und T-Shirts, die jeder schon dreimal angefasst hat, wühlen will, der bleibt dann eben lieber zu Hause. Vielleicht auch deshalb ist es gut, das endlich eingesehen zu haben. Wie gesagt: Sobald ich Bodyguards habe, komme ich wieder.

Alles andere wäre auch irgendwie schade.

 

Über den Autor:

Den Titel dieses Textes hat André schamlos von David Foster Wallace' Buch "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich" verfremdet. Nicht jedoch aus Bosheit, denn für David Foster Wallace wäre André vermutlich sogar zur Buchmesse gefahren.

Kommentare

Aileen Pza kommentierte auf Facebook

dann geh mal auf die Frankfurter Buchmesse.. 5 Hallen mit 2-3 Ebenen noch dazu :D

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Erdna Nnamrreh kommentierte auf Facebook

Da war ich auch schon. Da kam's erst gar nicht zur Beziehung.

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Weltnest / Weltfremd

Alles irgendwie nachvollziehbar, aber eben auch naiv. Macht nix..

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André Herrmann kommentierte

Aber ...

... warum magst du nicht sagen, oder? Macht nix.

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Nutzerbild von JemandJemand kommentierte

Weltfremd

Doch, na klar. Es ist eine Messe - diese als Mainstream zu bezeichnen ist halt irgendwie putzig. Gibt es auch undergroundige Indie-Messen? Und das es nicht ratsam ist am Samstag zu gehen, müsste man nach 75 Jahren eigentlich auch wissen.. PS: Ich schätze deine Beiträge hier sehr. Macht nix.

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André Herrmann kommentierte

Merci vielmals ...

..., aber weltfremd finde ich das trotzdem nicht (und dabei bin ich eigentlich schon generell viel zu pessimistisch). Ich meinte damit eher, dass ich es schade finde, wenn alles auf der Messe so erwartbar ist und gleichzeitig ein riesiger Trubel drumherum entwickelt wird, der sehr schnell an Glanz verliert. Mir kommt es so vor, als würde auf der Messe wirklich nur noch nach Bestsellerlisten agiert (und daneben gibt es unglaublich viel über Orks und Heilkristalle). Vielleicht war das ja schon lange so, aber da kam es mir noch nicht so vor. Jetzt sind die Schleier jedenfalls von meinen Augen gefallen und ich sehe: Der König trägt gar keine Kleider.

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Nutzerbild von fan91fan91 kommentierte

Ach, Tommy...

ich finde dich klasse. du kommst bestimmt bald als Bestsellerautor wieder. bist ja schließlich der sächsische Tommy Jaud!

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André Herrmann kommentierte

Hihi ...

... ich weiß gar nicht, ob Tommy Jaud so ein Lob ist :D Aber dankeschön!

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Nutzerbild von Detlef M. PlaisierDetlef M. Plaisier kommentierte

Das kann ich gar nicht teilen

Ich habe alle vier Tage auf der Messe mein Vergnügen gehabt. Jeder weiß, dass es voll ist. Wenn mannatürlich ohne Vorplanung einfach so da hintrampelt, wird das nix. Das muss man schon vorbereiten, mit Programm und Tagesplanung. Und dann gibt es wunderbare Sachen zu sehen und zu hören, auch in den Hallen. Und wer den fulminanten Auftritt der Schweiz verpasst hat, nun ja, selber schuld. Aber da muss man natürlich schon um halb zehn in der Glashalle sein, um den Auftakt zu erleben. Ich habe über alle vier Tage gebloggt. 14.000 Zugriffe geben mir recht: Die Buchmesse ist aktueller denn je.

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André Herrmann kommentierte

Na dann...

... herzlichen Glückwunsch. Du kannst meinen Platz haben.

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Detlef M. Plaisier kommentierte auf Facebook

Eine sehr naive Betrachtungsweise. Vier ünftel aller Stände weg? Welche Überheblichkeit gegenüner Autoren und Verlagen, die nicht den großen Publikumserfolg haben. Weltnest würde ich übrigens auch wegrationalisieren. Kommt ja in den Lesezahlen nicht an die LVZ. Na dämmert's?

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Nutzerbild von AdventuraAdventura kommentierte

Nö!

Ach André, Du sprichst mir aus der Hose! Gestern war ich das erste Mal auf der Buchmesse und es wird wohl auch das letzte Mal gewesen sein. Zu viele Menschen, zu warm, zu stickig, überall verkleidete Teenies, die nicht mal gut in ihren Kostümen aussehen, der Geruch von HotDogs und China-Pfannen und ja.. auch zuviele Bücher. Dann lieber Sonntags schön die Füße hoch und was Nettes lesen..

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Erdna Nnamrreh kommentierte auf Facebook

Nein.

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Nutzerbild von InchInch kommentierte

Also gut

In diesem Jahr war ich auch nicht auf der Messe. Zu viele Menschen, zu laut zu warm und die Qualität der Masse lässt natürlich auch zu wünschen übrig. Aber auch als ich noch zur Messe fuhr, natürlich mit geschenkter Dauerkarte!!!), habe ich mich auch nicht treiben lassen, sondern bin gezielt dahin, wo es mir lohnenswert schien. Und genauso habe ich das auch in diesem Jahr gemacht. Auch ohne Messe. Zwaar war ich zu den Lesungen ausgeruhter, verpasst habe ich aber wohl nichts, weil ich nicht auf der Mess war, sondern weil es wie immer eine viel zu große Auswahl gab. Und das, obwohl ich mich wirklich nur auf zwei drei bestimmte Schwerpunkte konzentriere. Und die merkwürdigen Menschen mit Katzenohren, die habe ich auch in der Stadt getroffen. Da rettet auch kein Nicht-Messe-Besuch davor

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Angela Czerwonn kommentierte auf Facebook

Ich war auch jahrelang auf der Buchmesse. Bis ich vor ein paar Jahren beschloss, mir das nicht mehr anzutun. Zu viele Menschen, zu warm, teilweise ziemlich überhebliche Standbetreiber u am schlimmsten die tausend Schulklassen, die jedes Jahr dort rumrennen u sich eigentlich überhaupt nicht dafür interessieren... Der Besucherrekord ist sicher toll für die Messe, für mich leider nicht. Da gehts mir wie dir...

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