Fahren ohne Fahrschein in Leipzig: Interview mit Georg Dehn

Einige Politiker in Leipzig wünschen sich einen fahrscheinlosen ÖPNV. Wie soll das funktionieren? Die Piraten wollten es mit einem Wahlkampfbus vormachen. Ich habe mich mit Georg Dehn getroffen und mit ihm über das Konzept der Piraten zum fahrscheinlosen ÖPNV unterhalten.

 

Warum fordert die Piratenpartei einen fahrscheinlosen ÖPNV?

Das ist zum einen die Knappheit der Kassen und zum anderen die Logik der Daseinsvorsorge. Der ÖPNV gehört zur Daseinsvorsorge. Alles, was mit Leitungen und Trassen zu tun hat, gehört dem Einzelnen aus der Hand genommen. Dazu gehört auch der Verkehr. Man kann den Individualverkehr im Auto dadurch stärker reduzieren.

 

Zur Daseinsvorsorge gehört der ÖPNV doch jetzt schon. Immerhin wird er massiv subventioniert. Und trotzdem müssen weiter Fahrkarten verkauft werden. Es ist nicht so, dass er nur über den Fahrkartenverkauf finanziert wird.

Ja, aber wenn wir jetzt eine Umfinanzierung machen, um die es sich lediglich dreht, dann können wir ein klares Konzept vorweisen und nicht das Geld hintenrum aus den Taschen ziehen. Die Wasserwerke, die ja noch andere Dinge finanzieren müssen, haben lange Zeit die Hauptlast des ÖPNV getragen. Dinge wie der ÖPNV sind so wichtig, die müssen ganz klar strukturiert finanziert werden, damit wir wissen, was wir tun.

 

Und wie sollten wir das ganze Ihrer Meinung nach finanzieren?

Ach da haben wir jetzt schon acht oder neun Konzepte. Ein interessanter Vorschlag ist zum Beispiel eine Art Bettensteuer. Was macht bei den heutigen Preisen fünf Euro pro Nacht? Dazu hat der Übernachtende natürlich auch die freie Bahn, sodass er das vollkommen verschmerzen kann. Das wären dann ungefähr 15 Millionen. Das ist bereits mehr als 10 Prozent der Kosten.

 

Wie hoch sind denn die Gesamtkosten? Was muss finanziert werden, wenn die Fahrkartenpreise wegfallen?

Vor zwei Jahren waren es 110 Millionen. Wir haben einige "pro Kopf Sachen". Man könnte auch eine Kopfpauschale für die Einwohner machen. Die aber nach Einkommen Staffeln. Von einem Kind mit 50 Cent bis zu einem Großverdiener mit 20 bis 30 Euro. Wenn ich 4000 Euro netto im Monat habe, müssen mich 30 Euro nicht jucken. Aber dann überlege ich mir vielleicht, ob ich nicht doch die Bahn nehme. Machen ja auch viele aus Überzeugung. Und die Überzeugung wird oft vom Kleingeld mitbestimmt. Dazu kommt, wenn wir die Bahn so effektiv finanzieren können, dass wir dann den Takt und das Netz verbessern können.

 

Aber wenn man den Takt verbessert und das Netz ausbaut, steigen ja auch die Kosten.Dann sind wir ja nicht mehr bei 110 Millionen.

Ich will erst mal bei der Grundfinanzierung bleiben. Wir hätten zum Beispiel noch Anliegergebühren. Die könnten bei den Betrieben in der Innenstadt anfangen. Die Angestellten der Kaufhäuser kommen aus einem größeren Umkreis. Da hätten wir Tausende von Angestellten, für die man die Betriebe mit einer geringen Kopfpauschale belasten könnte. Wenn jemand 2000 bekommt, sind es gerade einmal fünf oder zehn Euro. Also Portokasse.

 

Werden die Firmen in der Innenstadt damit nicht benachteiligt?

Die Innenstadt ist am besten angebunden. Deshalb ist das der erste Punkt. Wenn man dann nach außen geht, kann man ja runter gehen. Je weiter man raus geht, desto niedriger kann man die Gebühren ansetzen. Aber ich wollte darstellen, dass es nicht um hohe Gebühren geht, wenn sie pro Kopf getragen werden. Das sind Rechnungen die hat die Stadt noch nie angestellt und da kommen wir bereits in die Millionen.

Das sind alles Vorschläge, ich sage ja nicht, dass es so und so gemacht werden muss.Vor allem kann man bei der LVB direkt Einsparungen machen. Das Ticketsystem kostet Geld. Die Fahrscheinautomaten kosten nicht nur in der Anschaffung, sondern müssen auch gewartet und befüllt werden. Dazu kommen die Kontrolleure. Der Verwaltungsaufwand ist immens. Die Erhebung der Ticketgebühren und der buchhalterische Aufwand fallen weg. Die zahlen zu diesen Einzelposten müssen aber noch ermittelt werden.

Die Zuschüsse von Wasser- und Stadtwerken könnten wir in der Übergangszeit beibehalten. Sowie die Sache erfolgreich wird, können wir sie aber reduzieren. Wenn wir das schaffen, werden sogar Strom und Wasser billiger.

Was nicht zu vernachlässigen ist, sind die Kompensationen. Da die Straßen weniger belastet werden, muss man weniger für die Instandhaltung ausgeben.

 

Was haben denn Radfahrer davon, dass andere jetzt kostenlos Bus fahren. Autofahrer freuen sie sicherlich über freie Straßen. Was haben aber diejenigen auf dem umweltfreundlichsten Verkehrsmittel davon?

Es können bessere Radwege gebaut werden, weil die Straßen weniger Autos verkraften müssen. Und bei großen Strecken können die Räder natürlich mitgenommen werden.

 

Ich bedanke mich für das Gespräch.

 

Über den Autor:

Martin findet den Ansatz des fahrscheinlosen ÖPNV durchaus interessant. Von den vorgestellten Finanzierungsmöglichkeiten konnte ihn aber keine wirklich überzeugen. Es handelt sich letztlich um eine Sammlung von Denkansetzen. Die haben zwar durchaus ihren Charme, rücken die konkrete Umsetzung aber in weite Ferne.

Kommentare

Nutzerbild von Andreas Romeyke (Pirat)Andreas Romeyke (Pirat) kommentierte

Fahrscheinloser ÖPNV hat noch mehr Vorteile

Hallo, was Georg nicht ganz klar benannt hat: * Leipzig wird als Stadt die nächsten Jahre massiv an Einwohnern zulegen. Der fahrscheinlose ÖPNV wäre ein Anreiz die Verkehrsnutzer vom Auto ohne Verbote wegzubekommen (das Straßennetz ist heute stellenweise schon überlastet). Und da nicht jeder aus Gründen Fahrrad fahren will und kann… * Der fahrscheinlose ÖPNV ist, da auf breiten Schultern getragen (im Gegensatz zum Ist-Stand), solidarisch zu finanzieren und bleibt damit für alle erschwinglich. * Der fahrscheinlose ÖPNV hat darüberhinaus positive Auswirkungen auf ** den Tourismus, ** auf die Planungssicherheit bei Stadt und LVB ** auf die Umwelt Und einfacher zu nutzen ist er für jeden Leipziger dann auch. Kurzum, eine Verkehrsflat mit Ökofaktor ohne erhobenen Zeigefinger, von Piraten als Idee gekapert aus Städten, wie Hasselt (Belgien) http://de.wikipedia.org/wiki/Personennahverkehr_in_Hasselt

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Nutzerbild von Pirat - aber unpolitisch!Pirat - aber unpolitisch! kommentierte

Schon jetzt sind die Züge überfüllt

Möchte ich heute im Feierabendverkehr gen Süden fahren, muss ich mich am Leuchner Platz schon einmal 1-2 Bahnen gedulden, weil sie einfach so überfüllt sind, dass man nicht mehr einsteigen kann. Wird sich das nicht noch verschlimmern, wenn der Transport kostenlos ist? Natürlich! ...und dann haben wir noch die Menschen, die sich niesend, laut unterhaltend, drängelnd, pöbelnd, bettelnd und stinkend in der Bahn "rumtreiben". Dann nehme ich wohl doch lieber wieder das Auto...

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Nutzerbild von AdventuraAdventura kommentierte

Gute Idee!

Fordern wir doch konsequenterweise eine Erhöhung der Fahrscheinpreise, damit endlich der stinkende, bettelnde Pöbel nicht mehr die Sitzplätze wegnimmt! Elendes Pack, dieses!!

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Nutzerbild von JanJan kommentierte

Falsch

Gravierender Denkfehler: Überfüllte Busse sind kein Zeichen zu hoher Nachfrage, sondern zeigen das nicht genügend Geld für bessere Infrastruktur ist. In Freiburg hat die Nachfrage durch attraktive Abos massiv zugelegt - entsprechend wurde das Straßenbahnnetz ausgebaut, wodurch die Kosten gesunken sind und ein attraktives Angebot besteht. Solche Maßnahmen brauchen natürlich eine Weile, Straßenbahnen baut man nicht von jetzt auf nachher - deswegen sollte man möglichst schrittweise vorgehen, z.b. zunächst Jobtickets ähnlich der Semestertickets, kostenlosen ÖPNV für Übernachtungsgäste etc.. Dann steigen Nachfrage und Einkommen schrittweise…

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Da Chriz kommentierte

Autoverkehr

Das Missmanagement in der Taktung oder Volumen der Bahnen, hat nicht damit zu tun, ob nun Fahrscheine oder nicht. Ausserdem, je mehr Leute mit der Bahn fahren umso freier sind die Straßen für die verbleibenden Autofahrer.

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Nutzerbild von Alchymist (Pirat)Alchymist (Pirat) kommentierte

Finanzierung

Ich kann verstehen, dass den Autor die Darlegung der Finanzierung nicht überzeugt hat. Das ist auch alles nicht so einfach, weil es für etliche der Finanzierungsvorschläge keine landesrechtliche Grundlage gibt. Die einfachste Option ohne Änderung von Landesrecht einen fahrscheinlosen Nahverkehr zu finanzieren wäre die Erhöhung der Grundsteuer. Diese würde eine Beteiligung sowohl der Bewohner als auch der Geschäftsleute bewirken und wäre sozial relativ ausgewogen - als Mieter in einem Mehrfamilienhaus zahlt man über seine Miete nur einen geringen Anteil, als Besitzer einer Villa entsprechend mehr. Auch das ist aber noch nicht die fertige Lösung - verschiedene Finanzierungsvorschläge müssen durchgerechnet und auf mögliche Konsequenzen hin untersucht werden. Der Finanzierungsbedarf des ÖPNV wird ohnehin steigen, und die jährliche Steigerung der Fahrpreise kann nicht mehr fortgeführt werden, ohne große Teile der Bevölkerung von der Nutzung auszuschließen. Wichtig ist vor allem, dass angefangen wird, fahrscheinlosen Nahverkehr als realistische Option und große Chance für Leipzig zu sehen. Wenn man es politisch wirklich will, findet man auch einen Weg zur Umsetzung.

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