Leipzig streikt: Kein Grund, unsolidarisch zu sein

Wie in ganz Deutschland wurde in der letzten Woche auch in Leipzig gestreikt. Wo in Dresden und Chemnitz sogar der Nahverkehr aussetzte, waren es hier einige Kitas, Horte und Betreuungseinrichtungen. Wie steht es um das Verständnis der Bürgerinnen und Bürger? André hatte in der Straßenbahn eine wüste Begegnung.

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da hätte sich der ganze Vorfall vermutlich gar nicht ereignet, denn vor 75 Jahren gab es meine Straßenbahnlinie noch nicht.

Es war am Donnerstag.

Ich kam gerade aus dem Stollen, saß mit einem Eis, einem Hund, einer Zigarette und Inlinern in der Straßenbahn und versuchte, gegen jedes der gelben Verbotsschilder zu verstoßen, als hinter mir ein wütendes Gezeter begann.

„DiesollenfrohseindasssieüberhauptArbeithamm!“

„Sowashätsfrühernichtgegeben!“

„AndereLeutemüssenwegendemQuatschUrlaubnehmen!“

„DiemitihremÖffentlichenDienstkriegendochschongenug!“

„UnddanntragendiedasaufdenRückenderKinderaus!“

Hinter mir tobte eine wütende Frau mit auffällig hässlicher Bluse, während sie ein Kind im Schwitzkasten hielt. Natürlich hatte ich davon gelesen, dass mehrere Gewerkschaften in dieser Woche gleichzeitig Warnstreiks anberaumt hatten und dass an diesem Donnerstag auch einige Kitas, Horte und Betreuungseinrichtungen in Leipzig betroffen waren. Wobei „betroffen“ gleich so negativ klingt.

Genau das schien jedoch das Problem der wilden Frau zu sein. Sie giftete und plärrte, sodass man sich wünschte, ein Motorrad hinter sich zu wissen, aber nichts geschah.

Ich spürte ein Bedürfnis in mir aufkeimen. Ein Bedürfnis, das so dringend war, wie ich es sonst nur von spontanter Lust auf Döner nach 23 Uhr kannte. Ich musste etwas klarstellen. Ich musste etwas gegen diese schreckliche Frau unternehmen, die gerade allem widersprach, was ich für richtig hielt.
Ich atmete tief ein, drehte mich um und ließ demonstrativ meine Halswirbel knacken, wie sie es in den Karatefilmen immer tun. Dann stand ich auf, war kurz froh, dass die Frau nicht doch drei Köpfe größer war als ich, und ging auf sie zu. Mit bebenden Nüstern stand ich vor ihr, wischte mir den Kohlenstaub aus den Augen, richtete meine Bergbau-Uniform und begann:

 

„Liebe Frau mit der hässlichen Bluse,

entschuldigen Sie bitte diesen unqualifizierten Einstieg, aber sie ist wirklich kein schöner Anblick. Und falls die Modeblogs etwas anderes sagen, dann lügen sie.

So, kommen wir zu Sache:

Ich stimme Ihnen zu, die meisten Leute sind vermutlich froh, dass sie überhaupt Arbeit haben. Ob sie deshalb auch mit ihrem Lohn zufrieden sind, ist eine andere Frage. Es ist schlimm, dass es heutzutage Beschäftigungsverhältnisse gibt, die man getrost als schrecklich bezeichnen kann. Und dass die ArbeitnehmerInnen hierzulande so unorganisiert sind, dass sie oft keine Wahl haben, als eben genau jene üblen Beschäftigungsverhältnisse hinzunehmen. Also warum jenen Vorwürfe machen, die nicht ganz so mies bezahlt werden und sich trotzdem dagegen stellen? Ja, Arbeit ist ein Privileg. Aber es ist kein gottgebenes Privileg, das man in tiefer Dankbarkeit in jeder Form hinnehmen muss. Ich dachte, Sie als Arbeitnehmerin stünden da auf der gleichen Seite. Ach, Sie arbeiten als Designerin? Na hoffentlich nicht von Blusen.

Ja ja, früher hätte es so etwas nicht gegeben. Aber vielleicht erfinde ich irgendwann eine Zeitmaschine und werde steinreich, weil ich dann One-Way-Zeitreisen für Leute wie Sie anbiete. Dann sind Sie endlich zufrieden und ich habe meine Ruhe, zwei Fliegen mit einer Klappe.

Es tut mir leid, dass sie extra Urlaub nehmen mussten. Aber ein Streik muss bemerkbar sein und wehtun. Wenn er nicht zeigt, wie schmerzhaft das plötzliche Fehlen einer Dienstleistung ist, dann kann man es auch bleiben lassen. Zumal es Leipzig mit elf bestreikten Kitas, 28 Horten und fünf Betreuungseinrichtungen sogar noch glimpflich getroffen hat.

Okay, Entgeltgruppe S6 des Tarifvertrags für den Öffentlichen Dienst (ErzieherIn) ist glücklicherweise ein Stück weit von den oft geforderten und, sind wir ehrlich, ziemlich dürftigen 8,50 Euro Bruttomindestlohn entfernt. Aber warum neidisch reagieren und es den ArbeiternehmerInnen vorwerfen, statt sich über jene zu beschweren, die woanders nur marginale Löhne zahlen?

Glauben Sie, ein Freier Träger wird jemals auch nur über eine Erhöhung seiner ohnehin niedrigeren Löhne nachdenken, wenn schon die Öffentlichen sich nicht dazu durchringen können, sie zu zahlen? Und ist es nicht das viel größere Problem, das Leipzig momentan viele Kita-Plätze fehlen? Ihrer Logik folgend sind daran übrigens diejenigen schuld, die die Kinder produzieren, also beispielsweise Sie, Sie Monster!

Ich glaube, wenn man Kindern verständlich erklärt, warum der Kindergarten heute einmal geschlossen hat, dann werden sie es schon verkraften. Außerdem sind viele von ihnen vermutlich sowieso lieber zu Hause, es sei denn ihre unsolidarische Mutter meckert den ganzen Tag über.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich mal ein paar Gedanken darüber machen, wer der Grund für einen Streik ist, statt einfach blind nach unten und in ihre eigenen Reihen zu treten.

Und ich wünsche Ihnen eine Lohnerhöhung, von der Sie sich eine hübschere Bluse kaufen können.

Peace out!“

 

All das hätte ich gern zu ihr gesagt, doch hatte ich gerade vier Stationen lang Metal gehört und war mir deshalb nicht mehr so sicher, ob ich tatsächlich würde sachlich argumentieren können. Außerdem musste ich ja aussteigen. Deshalb quetschte ich mich wortlos an der Meckernden vorbei, drückte die Fahrgastwunschtaste, wünschte mir etwas und sagte dann beim Aussteigen: „Sie sind voll doof, ey!“

Ich weiß, das hätte man wirklich eleganter lösen können. Aber vielleicht traf sie beim Aussteigen ja noch ein Blitz oder wenigstens die Einsicht. Ich wünsche es ihr.

Alles andere wäre es auch wirklich schade.

 

Über den Autor:

André hat später noch von anderen Eltern gehört, die ihre Energien lieber darauf verwendet haben, mit dem Streik umzugehen, statt sich über die Streikenden zu beschweren. Gut so. 

Kommentare

André Herrmann kommentierte

Ach, gucke...

... Amazon macht plötzlich auch mit.

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Nutzerbild von RudiRüsselRudiRüssel kommentierte

Die haben ja...

im Gegensatz zu Lufthansapiloten auch wirklich Gründe dafür.

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Kerstin Körner kommentierte auf Facebook

Ja, sehr schön! Es geht ja auch gar nicht nur ums Geld, sondern auch um die Anerkennung von gut ausgebildeten und engagierten Menschen.Es geht um junge Menschen, die befristete Verträge bekommen und hingehalten werden, um schlechte Arbeitsbedingungen ( siehe Horte und Schulen) und und und.

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