Läufer in der Stadt, Autos im Park: Ein paradoxer Sonntag in Leipzig

Der Leipzig-Marathon sorgt für ein Paradoxon: Für einen Tag tauschen Autos und Jogger die Plätze. Auf den Straßen rennen die Menschen in Funktionskleidung und im Park fahren die Autos. André hat sich das Ganze mal angesehen.

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da wäre es gar nicht dazu gekommen.

Doch in diesem Jahr soll alles anders werden, so habe ich es mir vorgenommen.

Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich tatsächlich in der Stadt, wenn der Leipzig-Marathon für allerlei Umleitungen und in meiner Straße für eine herrliche Ruhe sorgt, weil sie den ganzen Tag lang gesperrt ist. Und diesmal will ich mir das Spektakel unbedingt ansehen.

Ein Protokoll:

 

09:30 Uhr: Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Oh mein Gott! Solch eine Ruhe vorm Haus bin ich einfach nicht gewöhnt. Vielleicht hätte ich doch nicht um 2 Uhr morgens noch auf die Idee kommen sollen, aus Recherchegründen den Film 300 zu gucken, weil da mal kurz von der Schlacht bei Marathon gesprochen wird. Ich beschließe, auf das Duschen zu verzichten und hechte aus dem Haus in Richtung Sportforum.

 

09:45 Uhr: Plötzlich sind hier überall Inline-Skater. Tausende Menschen auf diesen 2.0-Rollschuhen. Bin ich in aus Versehen zu schnell gerannt und ohne es zu bemerken zurück in die Neunziger gereist? Ein Streckenposten keift mich an, weil ich in Angst erstarrt mitten auf der Straße stehe und ich beschließe, mich vielleicht doch einfach in der ersten Kurve zu postieren.

 

09:55 Uhr: Entweder rieche ich komisch oder vom Sportforum weht bereits ein fieser Schweißgeruch herüber. Alle Menschen, ungeachtet von Alter und Form, tragen hautenge Funktionskleidung. Dazu tun sie so, als würden sie jeden Sonntag schon bei Sonnenaufgang aufstehen und beim Laufen sogar Freude empfinden. So muss die Hölle aussehen.

10:03 Uhr: Das Spitzenduo, das über die gesamte Distanz von 42 Kilometern vorn bleiben wird, biegt um die Ecke. Fröhlich winke ich den Männern mit meiner Zigarette. Neben mir steht eine Frau, die ein Plakat mit der Aufschrift "Geb alles!" in die Luft hält. Ich überlege, mir auch ein Plakat zu basteln: "Genau! Aber fang mit Grammatik an!" 42 Kilometer, meine Güte. Warum investieren die Herren ihr Geld nicht statt in Funktionskleidung einfach in ein Moped?

 

10:06 Uhr: Da kommen auch die anderen geschätzten 900 Teilnehmer des Marathons. Insgesamt, so heißt es später, sollen 9400 Menschen heute durch Stadt watscheln. Manche von ihnen haben sich Luftballons an den Kopf gebunden. Andere tragen bunt verspiegelte Brillen und Stirnbänder. So sieht es um diese Uhrzeit vor der Distillery sicher auch aus.

 

10:08 Uhr: Ich bin wieder allein. Der Streckenposten sagt, dass jetzt erstmal eine Stunde lang nichts mehr passiert, ehe der nächste Lauf beginnt. Das hätte ich mir echt krasser vorgestellt. Wie man freiwillig Geld dafür bezahlen kann, sich an einem Sonntag die Lunge aus dem Leib zu hetzen, kann ich sowieso nicht nachvollziehen. Aber ich guck’s mir eben gerne an. Währenddessen trudeln immer mehr Leute ein, die beim 4-Kilometer-Lauf mitmachen wollen. Schwächlinge.

Mir wird langweilig und beschließe, mal auf der Sachsenbrücke vorbeizuschauen, um ein paar Spanier zu vertreiben.

 

11:00 Uhr: Völlig erschöpft erreiche ich nach 400 Metern Sprint den Clara-Park. Mein Herz rast und meine Lunge brennt. Wenn ich mich nicht irre, wurde ich unterwegs vom gesamten Schülermarathon überholt. Aber vielleicht halluziniere ich auch.

11:02 Uhr: Beinahe wurde ich überfahren. Ich bin wohl doch ohnmächtig geworden. Vielleicht warte ich mit dem Iron Man also noch ein paar Jahre. Der junge Herr, der mich wiederbelebt, erklärt mir, dass die Stadt durch die Streckensperrung die glänzende Idee hatte, den Autoverkehr durch den Clara-Park umzuleiten.

 

11:06 Uhr: Währenddessen kommen immer Autos die Max-Reger-Allee entlang. Drinnen sitzen Menschen in Funktionskleidung und grinsen teuflisch. Mittlerweile hat sich eine hübsche kleine Demo organisiert, die ACHTUNG AUTOBAHN auf den Boden gemalt hat.

Was hat sich die Stadt denn dabei gedacht? Wer kommt denn auf so etwas?
Zuerst entwickelt man ein Konzept, das die komische Idee enthält, einen privaten Sicherheitsdienst durch den Clara-Park patrouillieren zu lassen, weil jede/r Parkbesucher/in ein/e potentielle/r Gefährder/in ist und dann so etwas. Ja ja, ist alles nur ausnahmsweise. Aber schon bei den Pringles heißt es doch: Einmal gepopt, nie mehr gestoppt!

 

11:08 Uhr: Auch wenn alle meiner Meinung zustimmen, dass Autos im Clara-Park mal gar nicht gehen, nicht einmal im Einzelfall, so weigern sich die Demonstranten doch, an meinem Revolutionsmarsch in Richtung Rathaus teilzunehmen, wo ich die Stadtverwaltung stürzen will. Stattdessen erklären sie mir, dass sie friedlich darauf aufmerksam machen wollen, dass ebenfalls geplant ist, im Jahr 2016, wenn die Könneritzstraße saniert werden soll, den Verkehr über den Nonnenweg zu leiten.

Ich bin perplex. Was soll das denn? Man könnte doch auch einfach Schleußig für ein Jahr lang vom Rest der Stadt trennen, wen würde das stören? Kinderwägen und Werbeagenturmenschen gibt’s auch in der Südvorstadt zuhauf.

11:09 Uhr: Ich schlage vor, ein paar der durch den Park fahrenden Autos anzuzünden, um ein Zeichen zu setzen, aber niemand will mitmachen. Wäre schlecht für die Bäume, sagen die Anderen. Stimmt, hatte ich vergessen. Gleichzeitig erreicht ein Pulk Spanier die Sachsenbrücke. Sie trinken Mixbier und tragen zu enge Hosen. Es reicht. Es muss etwas passieren.

 

11:10 Uhr: Ich marschiere in Richtung Rathaus. Währenddessen werde ich von hunderten Gehern überholt, die mir lächelnd Wasser reichen, das sie in einer der zig Taschen ihrer Funktionskleidung aufbewahren, damit ich nicht kollabiere. Ich biete ihnen zum Dank Zigaretten an, aber sie lehnen dankend ab. 

 

11:30 Uhr: Dummerweise ist die Rathaustür verschlossen. Ist ja immerhin Sonntag. Ich bin völlig fertig. Meine Muskeln sind hart und mein Körper zittert. Der Kilometer bis in die Innenstadt hat mich vollkommen zermürbt.
Am Martin-Luther-Ring nimmt mich freundlicherweise ein netter Werber aus Schleußig in seinem Mustang mit, weil ich so fertig aussehe. Auf dem Rücksitz sitzen seine acht Kinder und grüßen mich in sechs verschiedenen Sprachen.

Trotzdem lasse ich mich dann doch lieber 50 Meter vor der Sachsenbrücke absetzen, damit meine neuen Demofreunde keinen falschen Eindruck von mir bekommen. Immerhin haben Autos tatsächlich nichts im Clara-Park zu suchen.

Alles andere wäre das auch wirklich schade.

 

Über den Autor:

André muss zugeben, dass in diesem Text nicht alles haargenau stimmt. Denn eigentlich ist er schon 9:25 Uhr aufgewacht.

Kommentare

Jens Fuss kommentierte auf Facebook

Schöner Beitrag...! Trotzdem versteh ich das ganze Theater nicht..., Marathon ist nun mal ein Straßen und kein Waldlauf und wenn ein paar PKW's für 5 Stunden durch den Park fahren, stirbt der doch nicht gleich ab, oder !? ;)

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Torsten Stadie kommentierte auf Facebook

*Applaus Applaus* Selten so einen schönen Kommentar gelesen.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Manu Voigt kommentierte auf Facebook

:-)

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Eine neue Diskussion starten

Angemeldet als anonymer Benutzer.