Quo vadis Neuseenland? Massentourismus oder Umweltschutz?

Auch wenn die Nachricht, über die Eröffnung des Störmthaler Sees, eine gute war. In der letzten Woche dominierten die negativen Schlagzeilen über das Gewässernetz. Ob Parkplätze am Cossi, schleppender Grundstücksverkauf am Lindenauer Hafen, oder Streit über die Befahrbarkeit des Floßgrabens.

 

Es ist klar, dass es schwierig ist, Visionen, Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz unter einen Hut zu bringen. Gerade deshalb stellt sich eine Grundsatzfrage: Ist es für Leipzig besser, wenn man der Natur ihren Raum lässt, oder wenn man das Gebiet für den Massentourismus erschließt?

 

Ute Elisabeth Gabelmann, Piraten

Grundsatzfragen des Weltnests verlangen natürlich nach einer Grundsatzantwort: Besser für Leipzig - gesehen auf einen Zeitraum über den Tellerrand hinaus - ist selbstverständlich, der Natur ihren Raum zu lassen. Es wäre ja schon absurd widersinnig: Erst die Renaturierung der durch Tagebau völlig ausgelaugten Landschaft betreiben, um sie im Anschluß direkt dem nächsten ökonomischen Wahnsinn auszusetzen. Wollen wir solche Touristen, denen die Auenlandschaft egal ist - Hauptsache, sie haben ihre Erholung und ihren Spaß? Wollen wir Besucher, denen Bequemlichkeit vor Nachhaltigkeit geht und die sich nicht scheren, ob die Naturschönheiten nach ihnen auch noch jemand zu sehen bekommt? Sind wir bereit, für wirtschaftliche Blüte absolut jeden Preis zu zahlen? Leipzig liegt in einer einzigartigen Umgebung eingebettet - zum Teil künstlich, zum Teil natürlich gewachsen. Massentourismus (allein schon das Wort signalisiert nichts Gutes!) strapaziert genau die Landschaft, die mühsam in den letzten 25 Jahren rangezüchtet wurde. Unsere Stadt bleibt nur dann attraktiv, wenn eben nicht auf Teufel komm raus jede kurzfristige Möglichkeit des touristischen Geldverdienens auch ausgebeutet wird. Mir fehlt jegliches Verständnis für das gebetsmühlenartig wiederholte Mantra von Tourismuswirtschaft und immer mehr und mehr Besuchern. Mit etwas gesundem Menschenverstand weiß man, daß jedes Wachstum endlich ist und dann da irgendwann gar kein Lebensraum mehr ist - weder für Wirtschaft und Tourismus, geschweige denn für eine Stadt überhaupt.

 

Juliane Nagel, Linkspartei

Nun, das ist wirklich eine sehr grundsätzliche Grundsatzfrage. Na klar muss sich der Mensch die Natur unterwerfen und zunutze machen, das ist ja Ausgangspunkt des gesellschaftlichen Fortschritts. Der Kapitalismus allerdings betreibt Raubbau an den natürlichen Grundlagen, ohne Rücksicht auf Verluste beziehungsweise Auge in Auge mit Profitmaximierung. Genau dieses Wirtschaftssystem ist das Problem! Die von dir angesprochene Erschließung von Naturgebieten für die touristische Nutzung ist wohl noch das kleinere aller Probleme. Die hohe Auto-Nutzungsquote und der weiterhin hohe Anteil von Atom- und Kohle-basierter Energie-Versorgung, auch in Leipzig, halte ich da schon für grundauf gefährlicher. Das sind die zentralen Gefahren für Klima und das allgemeine ökologische Gleichgewicht. Aber zum Punkt: Die Nutzbarmachung von Gewässern, Parks, Grünflächen und dem Auenwald für die Freizeitnutzung ist gut und wichtig. Natur sollte nicht unantastbar sein. Voraussetzung ist allerdings ein verantwortungsvoller Umgang mit den natürlichen Grundlagen und die Zugänglichkeit - also nicht-kommerzielle Nutzungsmöglichkeit - für alle. Dass der Floßgraben nur sehr eingeschränkt und durch muskelbetriebene Boote befahren wird, findet meine absolute Zustimmung. Das vertritt auch die ökologische Plattform meiner Partei. Wozu muss mensch mit motorisierten Gefährten durch Naturreservate heizen? Es soll doch bei der Freizeitnutzung auch um Momente der Entschleunigung gehen. Die Debatte über mehr Parkmöglichkeiten am Cospudener See kann dagegen nur in die Sphäre des Wahlkampfes eingeordnet werden. Die CDU schlägt hier eine gefährliche, autofetischistische Bresche ein und schürt zudem Unmut gegen FahrradfahrerInnen. Wer kann den ernsthaft fordern, Autoverkehr zur Aufwertung eines Naherholungsgebietes zu verstärken? Dasselbe gilt für die Tendenzen Parks und Grünanlagen für Autodurchleitungen und als Parkplätze zu nutzen, siehe Clara-Zetkin- bzw. Johanna-Park und um das Zentralstadion herum. Summa summarum: Bitte keine verklärende Naturromantik sondern ökologische und rücksichtsvolle Nutzungen, ohne kommerzielle Barrieren!

 

René Hobusch, FDP

Der Natur ihren Raum lassen oder Massentourismus ermöglichen, liebes Weltnest, warum so absolut? Schwarz oder weiß, richtig oder falsch, dafür oder dagegen? Freund oder Feind? Das ist Carl Schmitt, aber nicht modern und auch nicht urban. Aber in der Tat, es gibt einen Zielkonflikt zwischen dem Naturschutz auf der einen Seite und der Frage, was ist mit dem Wassertourismus in Leipzig und der Region. Schließlich haben wir gerade Millionen in einen innerstädtischen Paddelbootanleger und noch mehr Millionen ins Hafenbecken und das Umfeld in Lindenau versenket und sind noch dabei. Ich finde die Vision eines Premiumwohnquartiers am Lindenauer Hafen wunderbar. Nur sollte das Risiko der Entwicklung nicht die öffentlich Hand und damit der Steuerzahler tragen. Für mich gilt auch beim Lindenauer Hafen privat vor Staat. Das Ende vom Lied, OBM Jung zeichnet die Vision eines Wasserweges von Leipzig bis nach Hamburg, aber in den Südraum kommt man nur muskelbetrieben mit dem Paddelboot, oder wird ganz und gar vom Eisvogel aufgehalten. Wir brauchen daher auch bei der Frage der Gewässernutzung mehr Augenmaß. Und sind die bisherigen Regelungen ausreichend. Niemand will ein völliges Laissez-faire und eine Rushhour beschwippster Freizeitkapitäne mit Blondinen im Arm auf Leipzigs Flüssen. Aber die Forderung nach einer Sperrung auch für muskelbetriebene Boote ist genauso fehl am Platz.

 

Jürgen Kasek, Grüne

Die Schwierigkeit besteht meines Erachtens nicht darin Visionen, Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit unter einem Hut zu bringen, wenn man von den richtigen Parametern ausgeht. Das bedeutet:

1) Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen, nicht anders herum. Sie ist kein Selbstzweck.

2) Der Mensch ist auf die Umwelt und Natur angewiesen, die Umwelt auf den Menschen nicht.

3) Visionen und Ideen gestalten die Welt.

Der Tourismus ist im Südraum deswegen spannend, weil es einen einmaligen, absolut schützenswerten Naturraum gibt. Inklusive des europaweit einmaligen Auensystems. Wer Massentourismus das Wort redet, zerstört letztlich nicht nur die Umwelt, sondern auch die Grundlagen des Tourismus. Wer also unbeschränkten Zugang für Massentourismus (Parkplatz am See) und Motorboote fordert, hat nur eine kurzfristige Rendite im Sinn und damit eigenes Gewinnstreben. Das ist keine Vision, sondern ein Grund für die europäische Dauerkrise.

Als 2006 das Wassertouristische Nutzungskonzept aufgestellt wurde, ist der Schwerpunkt, leider, auf den Bereich des Tourismus gelegt worden. Die Diskussion um den Floßgraben ist die logische Konsequenz. Dabei kann es aufgrund der eindeutigen Gesetzeslage im Bereich FFH und SPA Gebiet eigentlich keine Diskussionen geben. Die Stadtverwaltung hat kaum Erkenntnisse zur Eisvogelpopulation im Auwald. Eine Studie dazu wurde angekündigt, ist aber nicht vollendet. Stattdessen ruft der zuständige Dezernent auf, dass die Bootsverleiher doch bitte Druck entwickeln sollen, damit die Umweltverbände in die Schranken gewiesen werden. Die CDU setzt mit ihrem Drive-in-Vorschlag noch einen drauf. Eine Debatte vom Willen zur Zerstörung und fachlicher Inkompetenz geprägt. Tourismus ist möglich. Die Natur begreifbar zu machen, hilft sie zu beschützen. Aber dann eben nur nachhaltigen, umweltverträglichen Tourismus, der Grenzen hat. Darum muss es gehen.

 

Markus Walther, CDU

Die Grundsatzfrage ist etwas platt, deshalb geh ich lieber auf die drei genannten Einzelprobleme ein. Der Parkplatzmangel am Cospudener See zeigt zunächst einmal etwas positives: Das Leipziger Neuseenland gewinnt von Jahr zu Jahr an Akzeptanz, die Leipziger (und Gäste) verbringen ihre Freizeit mehr und mehr in der Region, das ist gut so. Dem Zustrom an Autofahrern mit (noch) mehr Parkplätzen zu begegnen, wird aber kaum eine tragfähige Lösung sein. Warum fahren so viele mit dem Auto zum Cossi? Auch deshalb, weil die Nahverkehrsanbindung mit Bahn und Bus keine attraktive Alternative ist. Da können wir uns lange darüber streiten, ob die Taktung im Sommer nicht erhöht werden sollte oder ob die LVB-Busse wirklich bequem sind. Mindestens aber müssen die LVB Zusatzaktionen deutlich besser bewerben, um mehr Fahrgäste auf den Strecken zu gewinnen. — Beim Lindenhauer Hafen plädiere ich für Gelassenheit: Vor 2016 wird angesichts des noch nicht abgeschlossenen Kanalausbaus noch nichts spruchreif sein. Investoren wollen kein Geld „versenken“, und deshalb warten sie mitunter ab, bis alle Umweltfragen geklärt sind und die Grundlagen für Bauvorbescheide gelegt sind. — Beim Floßgraben gibt es Streit, aber der ist unnötig und ließe sich aus meiner Sicht weitgehend einhegen, wenn die Stadtverwaltung ihre Allgemeinverfügung zur Nutzbarkeit auch tatsächlich durchsetzt: Artenschutz und Tourismus wurden in der Allgemeinverfügung in ein vertretbares Verhältnis gesetzt. An diese sind alle gebunden, alle Unternehmen und Nutzer haben ein Recht auf Gleichbehandlung, und die Stadt eine Pflicht dazu.

 

Tino Bucksch (SPD) hat diese Woche noch nicht geantwortet.

 

Über den Autor:

Martin hat für den Mai auch eine Kanutour durch den Floßgraben geplant. Dass es nur ein sehr enges Zeitfenster gibt, ist zwar ungemütlich, aber absolut nachvollziehbar. Das Ganze wird allerdings mehr als ärgerlich, wenn es ausgerechnet für ein Motorboot eine Ausnahmeregelung geben soll. So bringt Umweltschutz nichts. Schade. Dabei zieht der Vogel aus der Bierwerbung bestimmt mehr Touristen, als ein Kammmolch.

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