Grüni, der flippige Maskottchen-GAU im Leipziger Allee-Center

Während ganz Leipzig im Fußballtaumel weilt, vollzieht sich abseits des Blicks der Öffentlichkeit Schreckliches. Sein Name ist Grüni. Er sieht aus wie ein Ork, trägt einen Bauarbeiterhelm und ist das neue Maskottchen des Allee-Centers. Ein ohnmächtiger Aufschrei.

Foto: Screenshot

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da war es kein bisschen anders.
Großereignisse, die die Massen begeistern, werden gemeinhin von der Politik gern dazu genutzt, unliebsame Dinge durchzupeitschen, die mit etwas medialer Begleitung womöglich größtmöglich scheitern würden. Beispiele dafür gibt es zu Genüge: 2006 wurde während der Fußball-WM die Mehrwertsteuer um 3 Prozent erhöht, 2010 erhöhte man die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen von 14,9 auf 15,5 Prozent, in diesem Jahr wird man sich vermutlich auf das umstrittene Fracking verständigen. Und mindestens ebenso heimlich hat man in Grünau die allgemeine Fußballvorfreude genutzt, um einen ganz persönlichen Ästhetik-GAU zu kreieren. Die Rede ist von Grüni. 

Falls Sie nicht wissen, wer oder was Grüni ist, dann lassen Sie mich Ihnen helfen:

Sie sehen, Grüni ist eine Katastrophe.

Ein Wesen mit ausladendem Hinterteil, das neuerdings durchs Allee-Center in Grünau hoppeln und dort Süßigkeiten an verängstigte Kinder verteilen soll, damit ihnen die Umbauphase nicht zu lang erscheint. Falls sich Ihnen der Zusammenhang zwischen Kindern und Umbauphase nicht erschließen mag: Ich sehe ihn auch nicht. Nicht einmal, wenn Grüni einen Bauhelm und eine Warnweste trägt. Was die Biene soll, die dort an Grünis Ohr klebt, will ich gar nicht wissen. Allein der Name Grüni, der durch eine Online-Abstimmung zustande kam, zeigt doch schon, warum Direkte Demokratie in Deutschland einfach nie funktionieren wird.

Wobei, wenn man an diese Jugendbande denkt, die im letzten Jahr das Allee-Center durch Pöbeleien und übermäßiges Biergetrinke „terrorisiert“ hat, dann ist Grüni natürlich eine hervorragende Idee. Von nun an haben perspektivlose Jugendliche, denen es an Beschäftigung oder wenigstens an einem gegnerischen Sicherheitsdienst mangelt, nämlich die Möglichkeit, ihren Frust an einem grünen Ork in Bauarbeiteruniform auszulassen. Oder sie schließen tatsächlich Freundschaft mit ihm, denn immerhin haben sich Grünis Eltern genau so wenig Mühe mit ihrem Schützling gegeben.

Okay, vielleicht übertreibe ich ein wenig. Aber erinnern wir uns doch mal an Willi, den LVB-Biber. Anno dazumal kreierte man Willi, um den Leipziger Verkehrsbetrieben ein flippiges Image zu verpassen. Und wie wir alle wissen, sind die LVB heute bekannt als der coolste Betrieb der ganzen Stadt. Fast so cool, wie ein Rollkragenpullover und mindestens so crazy wie Rhabarbersaftschorle. Kein Wunder also, dass sich Willi vor fünf Jahren vor der LVB-Zentrale für den Flammentod entschied.

Foto: @blindi via twitpic

Abgesehen von RB-Bulli, der sich als Fußball-Anheizer eine Existenzberechtigung verdient, könnte man fast meinen, ein Maskottchen sei außerhalb des Sports praktisch immer ein sicheres Zeichen von Misserfolg. Denn eigentlich zeigen sie nur, dass die Leute vom Marketing nach wie vor nur auf 450-Euro-Basis angestellt sind.

Und nein, dass die Kinder fröhlich zu Grüni rennen, ist ganz sicher kein stichhaltiges Argument. Kinder nehmen selbst Bonbons in den Mund, die in den Sandkasten gefallen sind. Schlimmer noch, Kinder würden auch Bonbons von der AfD essen.

Worauf dürfen wir uns also als Nächstes gefasst machen? Gewandhausi, der lustige Taktstock? City-Tunneli, das fröhliche Investitionsloch? Oder doch lieber Einheiti, das gescheiterte, unsichtbare Einheitsdenkmal? Der mangelnden Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Vielleicht treffe ich Grüni mal, wenn ich in die wirklich fabelhafte Grünauer Welle fahre. Und vielleicht klebe ich ihm dann heimlich mein abgewandeltes Lieblings-Adorno-Zitat auf den Rücken:

„Grüni ist der Reflex auf das objektive Grau. Grüni ist objektive Verzweiflung.“

Und dann wird niemand den Witz verstehen.

Und das ist dann ziemlich schade.

 

Über den Autor:

André ist eigentlich nur traumatisiert. Immerhin wurde er bei einem Disneylandbesuch im Jahr 1995 von Captain Hook mit dessen Haken gewürgt. An die schreckliche Geschichte mit Balu dem Bären möchte er gar nicht erst denken.

Kommentare

Nutzerbild von DanielDaniel kommentierte

Maskottchen

Und wo bleibt "Schlucki", das schlimmste von allen?

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Holger Lühmann kommentierte auf Facebook

Da wurde wohl der Designer der Pittiplatsch- und Schnatterinchen-Figur reanimiert. :-)

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Jana Kapitza kommentierte auf Facebook

hattn der für ne Steckdose als Bauchnabel ?

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Va Na kommentierte auf Facebook

Steckdose? Das ist diplomatisch ausgedrückt...

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Ro Schu kommentierte auf Facebook

Sehr schön geschrieben. Mein Kommentar wäre gewesen: "ich möchte nicht der Niedriglöhner sein der bei 37 Grad in dem Kostüm steckt" Aber das wurde ja ausreichend beleuchtet. Könnte aber natürlich auch von einem Selbstständigen gemacht werden dessen Auftrag schon dreimal versubt wurde ;-) Der Abschnitt mit den Bonbons war ebenfalls Klasse :-D

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Nutzerbild von kimar91kimar91 kommentierte

Ist doch alles nur halb so wild...

Also beim ersten Teil des Beitrags dachte ich mir, dass man es auch übertreiben kann. So schlimm ist es doch nicht. Allerdings wurde der Beitrag wirklich sehr unterhaltsam, als es um die anderen Maskottchen ging :D Der Feuertod vom LVB-Biber: Super Sache :D

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Nutzerbild von GrünauiGrünaui kommentierte

Sonst keine Probleme

Grüni tut niemandem weh, manche Kinder werden ihn süß finden, manche nicht. Dieser Artikel ist eine Sinfonie der Belanglosigkeit. Nett geschrieben aber ganz ehrlich: Wayne interessierts, liebe Leipzig Hipster-Ironie-Fraktion?

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René Coumont kommentierte auf Facebook

schön Cannabisgrün isses ja das VIECH... das lässt Rückschlüsse auf den Geisteszustand während der Zeichenphase zu... ;)

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Mario Martens kommentierte auf Facebook

Auch wenn ich vllt. der Einzige bin, aber ich finde den Grundgedanken (den ich zugegeben einfach unterstelle) nicht schlecht. Ein temporäres Maskottchen, passend zur aktuellen Situation, ist kein schlechtes Marketing. Klar ist so eine Umbaumaßnahme hässlich und störend - warum darf ein (irgendwie trotzdem witziges) Tierchen nicht nochmal darauf aufmerksam machen, auch durch sein Äußeres? Und wenn die dann fertig sind, dann rennt da vllt. ein aus der Raupe entstandener Schmetterling rum... Wie gesagt, ich finde die Idee des temporären, situativen Maskottchens nicht soooo schlecht!

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Mario Martens kommentierte auf Facebook

P.S.: Der Artikel ist trotzdem gut geschrieben! ;)

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Sabine Waage kommentierte auf Facebook

hab den noch nie gesehn

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Nutzerbild von SchluckiSchlucki kommentierte

Das...

...liegt daran, daß Grüni tagsüber das Oberbürgermeisteramt im Leipziger Rathaus verfolgt und dort für Jux und Tollerei sorgt!

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Domi Dingsbums kommentierte auf Facebook

Kann der sich mal was anziehen? Bauchknöpfchen zeigen geht mal gar nicht ;P

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Angelika Kanitz kommentierte auf Facebook

Diskriminierend, skandalös so eine Herabwürdigung eines grünen Dingsbums. Schon um das Leben der Biene zu retten, hätte man wenigstens bedauernde Worte finden können. Die Herzen der Kinder werden dem ausgestoßenen Grünling zufliegen. So !

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Angelika Kanitz kommentierte auf Facebook

P.S. und was für traurige Augen es hat. :(

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Mina Sommer kommentierte auf Facebook

großartig- Citytunneli, das fröhliche Investitionsloch :D

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Kay Zeisberg kommentierte auf Facebook

(y) Klasse Artikel, Welti! :-)

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Nutzerbild von ChristianChristian kommentierte

Ziel erreicht...

Marketingziel erreicht, jeder spricht über Grüni, das Allee-Center und den Umbau. Und gibt es nicht sinnvollere Dinge über die man sich auslassen kann.

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