Likezig & Co: Warum das Hypezig-Blog ab heute beendet ist

Leipzig ist Hypezig ist Likezig und mittlerweile ziemlich nervig. Ursprünglich hatte André das Hypezig-Blog eine Mischung aus Spaß und Kritik angefangen. Aber irgendetwas ist da wohl schief gelaufen. Und jetzt ist es Zeit, eine Entscheidung zu treffen.

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da lebte es sich hierzulande noch unbeschwert.
Wer hier war, fand es schön, wer nicht hier war, der überlebte auch in Dortmund irgendwie.
Verirrte sich jedoch jemand aus Dortmund einmal hierher, dann war er oder sie meist zu recht begeistert. So eine schöne Stadt, das wusste man ja gar nicht und so weiter und so fort.
Leipzig, das war das kleine Kind, das immer am Rand des Sandkastens saß. Nicht ausgeschlossen, aber auch nicht wirklich integriert. Nur, wer sich mit ihm beschäftigte, der wusste um seine Besonderheit.

Heute nun hat sich die Sache ein wenig verändert.
Niemand mit ehrlichen Absichten mag jenes Kind, das jahrelang am Rand saß und dann plötzlich anfängt, den Dicken zu markieren, weil es bemerkt hat, wie viele Kinder auf einmal seine Freunde sein wollen, seit sie erfahren haben, wessen Vater die örtliche Schokoladenfabrik gehört. Nicht, weil die Sache mit der Schokoladenfabrik so schrecklich ist, sondern einfach deshalb, weil der neue Umgang mit diesem Fakt von so wenig Selbstachtung zeugt, wie man es sonst nur von jenen Kindern kennt, denen es ausschließlich um Schokolade geht.

Gerade das Understatement hat Leipzig dereinst so liebenswürdig gemacht. Und jetzt ist es leider dabei, völlig normal zu werden. Die ach so oft besungene Leerstandsquote ist passé, die Baulücken werden emsig mit Eigentumswohnungen gefüllt und bald wird der Maklerberuf wohl auch in dieser Stadt ein Hoch erleben.

Im April 2012 fiel mir dazu ein unsäglicher Begriff ein: Hypezig. Und seit Dezember 2012 habe ich, so gut es ging, alle Artikel, Bilder, Interviews etc. gesammelt, die sich irgendwie darum drehten, warum Leipzig der neue Mittelpunkt der Welt ist. Einer SPIEGEL-Redakteurin sagte ich mal, dass das Hypezig-Blog zu 50% Spaß und zu 50% ein Kunstprojekt sei, das überlasteten Journalisten dabei helfen soll, sich möglichst einfach einen Trittbrettfahrerartikel über Leipzig zusammen zu kopieren. Sie lachte und strich es aus dem Interview. 

Hypezig, das war tatsächlich als eine Mischung aus Spaß und Kritik gedacht. Natürlich mit dem Gewicht auf dem Spaß, aber keineswegs so ganz ohne Hintergedanken.
Hypezig, das sollte heißen: Ja ja, wir wissen, dass Leipzig schön ist! Ist gut jetzt! Hört auf! Aus!
Hypezig, das sollte zeigen: So funktioniert journalistisches Trittbrettfahren. Kopieren Sie doch einfach wahllos ein paar Superlative aus diesen Artikeln zusammen. Die anderen haben es immerhin genauso gemacht.
Hypezig, das sollte bedeuten: Bitte seht, dass der ganze Hype nur einem okönomischen Ziel folgt, das im Endeffekt nur ein paar Wenige glücklich machen wird.
Hypezig, das sollte heißen: Iiiih, Wortspiele!

Das zugehörige Blog zu führen, hat viel Spaß gemacht. Sage und schreibe 178 Beiträge sind zusammengekommen, die Mehrzahl davon deutschsprachig, aber auch französische, englische und sogar ein hebräischer sind dabei. So viele Leute haben sich beteiligt, mir immer wieder Artikelempfehlungen, Fotos und sogar Übersetzungen geschickt oder mentale Unterstützung signalisiert. Allein für so schreckliche Phrasen wie „Leipzig ist ja schon lange das Detroit Mitteldeutschlands“ hat sich das Sammeln bereits gelohnt.

Und doch änderte sich die Rezeption des Begriffs im Laufe der Zeit. Und es kamen auch nachdenklichere Emails, die ich meist damit beantworte, dass „Hypezig“ doch ganz offensichtlich ein Negativbegriff sei. Vielleicht war ich zu leichtgläubig.
Wenn Immobilienzeitschriften und -firmen heute mit „Hypezig“ werben, sodass ich statt Lobeshymnen, die ich eigentlich protokollieren wollte, nur noch auf Verkaufsartikel stoße, dann geschehen in meinem Inneren mehrere Dinge gleichzeitig. Zum einen ärgere ich mich, dass ich mir den Begriff nicht einfach habe schützen lassen und jetzt keinen Anwalt damit beauftragen kann, fiese Briefe durch die Gegend zu schicken. Und zum anderen frage ich mich, wie man den Begriff derart offensiv missverstehen kann, dass man sich das durch ihn Kritisierte sogar noch freudig auf die eigenen Fahnen schreibt. Es stimmt anscheinend wirklich: Wenn nur genug Leute behaupten, Elefanten seien grün statt grau und niemals davon abweichen, dies zu behaupten, dann kann man sich selbst als einzig zurechnungsfähiger Mensch auf den Kopf stellen, denn dann sind Elefanten eben grün.

Am vergangenen Freitag nun startete eine von Studenten im Rahmen eines Praxisseminars mit der Leipziger Tourismus und Marketing GmbH und Ströer entwickelte Imagekampagne.
Likezig ist nicht nur ein scheußliches Wortspiel, für das ich den Studierenden gern nachträglich eine Fünf geben würde, sondern viel mehr (oder weniger, so sicher bin ich mir da noch nicht).
Likezig ist Hypezig light. Ein Begriff, so weichgespült, das ihm selbst das letzte Bisschen Kritik genommen wurde. Zurück bleibt ein Produkt aus dem Marketing-Einmaleins, für das man in der HGB vermutlich ausgelacht werden würde. Dazu gibt es gleich fünf verschiedene Schriftarten auf einem Plakat, dessen Farbkonzept völlig zurecht an Halbfettmargarine erinnert. All das gekrönt durch das unglaublich einfallslose 1000-Jahre-Leipzig-Logo, das selbst gestandene Designer zittern lässt

Und wenn ein Begriff wie Hypezig derart instrumentalisiert wird, dass er sowohl inhaltlich umgedeutet und formal kopiert werden muss, um sich selbst eine glattgebügelte Variante herzustellen, dann bleibt als einzige Möglichkeit der Kritik nur noch, das Ganze fallen zu lassen. Das klingt vielleicht ein wenig übertrieben, aber genau darum ging es ja auch die ganze Zeit.
Deshalb ist das ist das Hypezig-Blog ab heute Geschichte.

Und das ist zwar irgendwie schade, irgendwie aber auch nicht.

 

Über den Autor:

André hat letztens gelesen, dass Facebook für die Generation der 12- bis17-Jährigen nahezu keine Rolle mehr spielt. Hoffen wir, dass es Likezig ähnlich ergeht.

Kommentare

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noAnarcho

"Es stimmt anscheinend wirklich: [...]Elefanten [...] sind [...] eben grün." - Na das ist doch eine schöne Erkenntnis. Konstruktivistisches Denken macht das locker möglich. Und es ist ja genau die Schwierigkeit mit Kritik im Kapitalismus - dieser saugt letztlich alles in sich auf, deutet um und nutzt es gewinnbringend für sich (siehe punkbewegung undundundachwofangichanwohörichauf) - und diesem Prinzip folgt er nun putzigerweise auch in Leipzig. Ich gebe dir da völlig recht, André, das ist wirklich ärgerlich. das schöne ist: irgendwann vergeht auch dies: hypezig, likezig und fuckzig

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Nutzerbild von Simon OakeySimon Oakey kommentierte

Schon verständlich, aber trotzdem Kacke

Lieber André, Hypeschrott, Billokampagnen hin oder her - das sind doch alles Steilvorlagen für noch bessere Artikel! Weltnest ist wichtig und zeigt, das nicht alle Hypziger gehirnamputiert sind. Weltnest for Bürgermeister. I LIKE!

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Martin Narf kommentierte auf Facebook

:(

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Bettina Hennebach kommentierte auf Facebook

Seufz...

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Nutzerbild von Karlo KünstlerKarlo Künstler kommentierte

Geduld!

Auch diese Karawane wird weiterziehen und in 15 Jahren kommen dann neue "Kreative" aus dem ganzen Land, richten sich Ateliers in verfallenen Luxus-Lofts ein und begrünen in Gemeinschaftsgärten ausgebrannte SUV-Wracks.

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Slevin Kelevra kommentierte auf Facebook

So wahr ...

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Ro Schu kommentierte auf Facebook

Öfters mal was neues ;-)

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Nutzerbild von Connewitz_FritzConnewitz_Fritz kommentierte

Dein Artikel ist wichtig und richtig

ich danke Dir dafür.

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Rudolph Koch kommentierte auf Facebook

Ich hab mich nie damit beschäftigt. Aber das Wort "Hypezig" kam mir auch das erste mal aus einem Hipstermund zu Ohren, der das ganz ernst meinte und die Stadt so nannte. Und er fühlte sich offenbar "cool" dabei. Joar so entstand die Annahme, dass das Wort ein ernst gemeinter Begriff sei, der eben unter Hipstern so genutzt wird. Und ja, Likezig is kacke.

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Nutzerbild von StefaninoStefanino kommentierte

Wer macht den Hype?

Ich frage mich, wie der Hype überhaupt ensteht. Doch auch, je mehr darüber geblogt und geredet wird. Und die Urbanisierung ist doch ein globales Phänomen. Auch andere Städte haben mit steigenden Preisen, Immobilienblasen und Investoren zu kämpfen. Vielleicht kommt der Hype irgendwann auf dem Lande an - Künstler entdecken Zittau, Hipster zieht es nach Stendal und die Makler nach Döbeln...

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Ca Ro kommentierte auf Facebook

Ein fabelhafter Artikel und eine nachvollziehbare (wenn auch traurige) Entscheidung! Mach doch als Gegenbewegung einen Blog über Neidzig und schimpfe über alles, was man als Leipziger vermisst ;) So oder so muss man nur Geduld haben, ca. 5-10 Jahre...

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kommentierte auf Facebook

Was ist mit der offenbar kritisch gemeinten Einlassung "...eine glattgebügelte Variante..." eigentlich gemeint?

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Nutzerbild von mc.arcomc.arco kommentierte

...na dann,

scheint es Zeit für Dich zu sein weiterzuziehen. 75 jahre sind warscheinlich genug. Jetzt hast Du ja zum Thema Leipzig alles herausgefunden, weisst alles, kennst Dich als einziger aus... such mal `ne neue Herausforderung... LE hat es so lange geschafft, egal wer oder was da kam... Die Stolze und (wieder) Schöne Stadt... die steht immer über allen... welcher Name, welcher Schreiber... in 1000 Jahren bist Du, bin ich, sind wir alle èh vergessen...

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Nutzerbild von Dennis WernerDennis Werner kommentierte

Mein neuer Vorsatz:

Da ich mir das Bild von Andre einfach mal kritisch unter die Lupe genommen habe, muss ich feststellen, das ich Abends nur noch mit Knoblauch und Holzpflock durch die Straßen ziehen werde...für jemanden, der vor 75 Jahren nach Leipzig zog, hat er sich verdammt gut gehalten...für meinen Geschmack zu gut!

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Nutzerbild von timtim kommentierte

Like zig other things

get a job!

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Nutzerbild von froilein pfroilein p kommentierte

the better Leipzig

Wahrscheinlich gilt dann Bitterfeld in 10 Jahren als "the better Leipzig"...

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Nutzerbild von JkasekJkasek kommentierte

The next big thing is dead

Leipzig wirbt seit Neuestem mit dem Slogan #Likezig und ich schäme mich für meine Stadt. #Hypezig hatte was, war der Ausdruck des kritikwürdigen Größenwahns, einer Stadt die unter Phantomschmerzen einer Nicht- Metropole leidet. Hypezig war das augenzwinkernde Versprechen, irgendwie das bessere Berlin zu sein, irgendwie hipp aber eben auch noch geerdet. Likezig dagegen ist keine Kritik mehr, sondern der Ausdruck eines Metropolenwahns und der reflektionsbefreiten Werbehydra, die Klein- Paris, die diese Stadt eher Provinz als Metropole und in ihrem Größenwahn liebenswürdig, versenken möchte. Likezig ist der wortgewordene Albtraum der Megalomaniac Hybris die sich ausgebreitet hat. Understatement war gestern. Das heute schreit Untergang. Scheiß auf Likezig.

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Nutzerbild von A.P.A.P. kommentierte

Hoyerswerde ist das Detroit Mitteldeutschlands

...dachte ich bislang immer. Egal, zum Thema: Ich selbst glaube ja (noch) nicht so richtig an den Hype bzw. an dessen Nachhaltigkeit. Klar: Zuzüge und Mieten kennen zurzeit nur eine Richtung: Nach oben! Selbst in Lindenau gibt es mittlerweile Wohnungen für 10 EUR pro qm (warm), und die sind weder Erstbezug noch "luxussaniert". Nur spiegelt sich das leider (noch?) nicht in Jobs und Löhen wider. (Und dass es das in absehbarer Zeit tut, bezweifle ich eben...)

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Nutzerbild von Mario BiehlMario Biehl kommentierte

Leipzig kommt …

Strukturmarketingkampagnien sind schon immer ein geeignetes Mittel gewesen, um als Stadtrat/Bürgermeister/Oberbürgermeister ect. alten Schulfreunden ein paar Mark/Euro aus der Stadt/Landeskasse zukommen zu lassen. Leipzig kommt … war da sogar noch eine der besseren. Wie bei aller Werbung, gilt auch hier: Nicht beachten, Augen zu und durch. Es könnte schlimmer sein. "Stadt der Frühaufsteher", "Hier hat Zukunft Tradition" oder ähnliche Entgleisungen.

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