Qualitätscheck für Straßenmusik in Dresden: Ein Vorbild für Leipzig?

Seit Freitag herrschen in Dresden strenge Regeln für Straßenkunst und Straßenmusik. KünstlerInnen müssen sich ab jetzt um einen der wenigen ausgewiesenen Plätze bewerben und Gebühren zahlen. Auch in Leipzig dudelt es zuweilen an jeder Ecke der Innenstadt und nicht immer klingt das melodisch. Könnten die Dresdner Regelungen Vorbild für Leipzig werden oder kann man es auch einfach übertreiben?

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da gab es für mich eigentlich kaum einen Grund, jemals die Innenstadt zu betreten. Falls ich doch mal den Fehler machte und am Wochenende die Peters- oder die Grimmaische Straße betrat, wuchs in mir schnell das Unbehagen: Zu viele schlecht gekleidete Menschen, die rücksichtslos umher taumeln und einen mit ihren schwitzenden Körperteilen streifen, dazu Touristen, die aufgeregt durch die Gegend wuseln und sich wundern, wo es in Leipzig denn nun die versprochenen Sehenswürdigkeiten gibt, sowie an jeder Ecke StraßenmusikerInnen. Bei gutem Wetter vier bis fünf von ihnen, meist mit Akkordeon oder Akustikgitarre, selten mit musikalischem Talent.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen StraßenmusikerInnen. Sie stören mich nicht, machen es mitunter sicher nicht, weil der Job mehr einbringt als ein Oberbürgermeisterposten und sie rennen mir glücklicherweise nicht hinterher, obwohl ich mein Kleingeld meist an die Punks vorm Bahnhof gebe, die wenigstens offen zugeben, kein Instrument zu beherrschen.

In Dresden, wo es im Gegensatz zu Leipzig tatsächlich so etwas wie Sehenswürdigkeiten gibt, scheint die Sache um einiges krasser zu sein. Wenn man den derzeitigen Berichten glauben darf, dann existieren in der Stadt praktisch nur noch wahnsinnige StraßenmusikerInnen, die auf jedem Quadratmeter der Innenstadt mit riesigen Verstärkern den zwei, drei übrig gebliebenen EinwohnerInnen das Leben zur akustischen Hölle machen.

Deshalb hat man sich überlegt, die Erlaubnis für Straßenkunst und Straßenmusik zu reglementieren. Ab dieser Woche müssen deshalb all die menschlichen Statuen, Musikanten und GehwegbemalerInnen immer montags von 8.30 bis 10 Uhr beim Straßen- und Tiefbauamt der Stadt Dresden antanzen und sich um eine Genehmigung für einen der sechs Musikplätze, sechs Kunstplätze oder den einen Klavierspielerplatz für maximal zwei Tage von Montag bis Samstag bemühen. Das Ganze kostet dann 25 Euro Verwaltungsgebühr und erlaubt Darbietungen von 11.30 Uhr bis 20 Uhr, jeweils von der halben bis zur vollen Stunde mit einer Zwangspause zwischen 13 und 15 Uhr. Schlagzeuge und Rhythmusinstrumente, Keyboards, Trompeten, Drehorgeln, Verstärker, alles verboten, CD-Verkauf nur mit zusätzlicher Gebühr.

Falls Sie jetzt denken: „Hm, fehlt nur noch die beknackte Idee, die Straßenmusiker nach Qualität auswählen zu wollen“, so kann ich sie beruhigen: Diese Idee gab es tatsächlich.

Okay, obiges Video legt solche Gedanken vermutlich etwas vorschnell nahe, aber mal ehrlich: Mit wie viel Prozent der Kurtaxe muss man geschmiert werden, um so etwas zu unterstützen? Insbesondere, weil die Reglementierung offensichtlich nur zu Gunsten der anliegenden Gastronomen und Boutiquenbesitzer gehen und nebenbei auch die Stadtkasse ein wenig beehren?

Vereinzelte Ruhepausen verordnen, meinetwegen. Nicht jeden Quadratmeter Innenstadt zum Spielen freigeben, von mir aus. Genau so läuft es momentan auch in Leipzig. 30 Minuten Spielen pro Standort, keine Verstärker, Trompeten und Trommeln nur 15 Minuten. Aber Gebühren verlangen und den sicher eh schon harten Wettbewerb um die wenigen Plätze auch noch bürokratisch untermauern, womöglich sogar noch ein Gremium einführen, das die Qualität der Straßenkünstler bewertet? Geht gar nicht.

Wer sollte im Falle von Leipzig denn da in der Jury sitzen? Sebastian Krumbiegel? Michael Fischer-Art? Irgendjemand aus der Sachsenklinik?
Wenn man in der Innenstadt wohnt, dann muss man damit klarkommen, dass dieser öffentliche Raum auch besonders genutzt wird, sei es von Touristen, Besoffenen, die morgens um sieben aus dem Alpenmax straucheln oder eben auch StraßenkünstlerInnen.

Falls sich an den Orten kein spendenfreudiges Publikum aufhielte, dann würde dort vermutlich eh niemand auch nur eine Note spielen. Und trotzdem kann man das Ganze auch ohne unverhältnismäßige Bürokratie und Gebühren klären. Ja, München macht das schon lange so. Und nicht umsonst ist München ja auch die sympathischste Stadt Deutschlands. Aber ich möchte hier keine Tipps für eventuelle „Spendet nicht bei Straßenmusikern!“-Kampagnen geben.

Ich hoffe nicht, dass sich Leipzig in dieser Beziehung irgendetwas von der sächsischen Hauptstadt oder gar von München abgucken wird. Denn eigentlich gibt es in puncto Musik im öffentlichen Raum nur ein altbekanntes Problem: StudentInnen auf der Sachsenbrücke.

Und falls die Stadt diesbezüglich mal einen Sheriff suchen sollte, der im Clara-Park die Wonderwall tönenden Klampfen und Didgeridoos (ja, Didgeridoos!) zertritt, dann darf sie sich liebend gern an mich wenden.
Denn solch einen Job anders zu vergeben, wäre doch wirklich schade.

 

Über den Autor:

André wünscht sich, dass für verrückte Regelvorschläge in Zukunft 25 Euro Verwaltungsgebühr verlangt werden.

Kommentare

Detlef M. Plaisier kommentierte auf Facebook

Vielen Dank, liebe Kollegen, dass ihr meinen Blogartikel, den ihr nach meiner Statistik nachvollziehbar gelesen habt, als Anregung für eigene Gedanken nutzt: http://leipzigdiscovery.com/2014/07/01/genauer-hingesehen-strassenmusik-in-leipzig/

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Detlef: Davon wüsste ich aber.

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Nutzerbild von Heinz aus BornaHeinz aus Borna kommentierte

Babbeln-wie's-mir-gefällt

Ich schlage eine Kommentargebühr vor. Jeder gemachte Online-Kommentar im Netz kostet 25€!

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Reiner Thierfelder kommentierte auf Facebook

Wobei der schaurige Akkordeon vor dem Freisitz mehr wie schlimm ist...Ich arbeite im Barfussgässchen und nenne das "reine Abzocke" an die Besucher der Stadt Leipzig.1.Spielen die so falsch das es in den Ohren richtig weh tut...und 2.sind es immer nur die zwei gleichen lieder.Ich verjage sie immer und die Gäste finden es gut.Was ich auch nicht verstehe..ist das ich persönlich es eigentlich als Gewerbe an sehe und frage mich ob sie einen Gewerbeschein dafür haben.?

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Nutzerbild von OhropaxOhropax kommentierte

Kasatschok

Das stimmt schon: Diese Akkordeon-Bediener sind wirklich grauenhaft - und definitiv ein Grund die Innenstadt zu meiden! Ihre Instrumente sind elendig verstimmt, sie kommen mit der Koordination von Melodie und Basslinie nicht in Ansätzen zurecht und sie beherrschen eigentlich nur ein paar Takte "Kasatschok" und legen zwischendurch immer wieder Variationen drüber (in der Weihnachtszeit am besten zu beobachten: Jingle Bells - Kasatschok - Jingle Bells - Kasatschok - Jingle Bells ...). Wer denen Geld gibt, tuts definitiv nur aus Mitleid: aber die Masche scheint leider zu funktionieren. Vor einer Weile gab es aber auch mal so eine Art "Straßen-Chor", in dem ich meinte einen oder zwei der Akkordeonisten wieder erkannt zu haben: Ich nannte ihn liebevoll nur das "Welterste Brüll-Orchester" ... gibts die eigentlich noch?

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Nutzerbild von FlötenmongoFlötenmongo kommentierte

Hihihi....

....es gibt Künstlerinnen und "Künstlerinnen" in Leipzig. Die einen machen wirkliche Kunst, die anderen quälen unsere Ohren, Augen und ihr Instrument mit einem stupiden Grinsen, dass ich manchmal schon gar kein Gesicht, sondern einen Feuermelder vor mir sitzen sehe.... Aber ich glaube, die größten Quälgeister sitzen woanders.... Und zwar im Rathaus. Das wäre mal eine Idee, diese..........

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Sternwurst Bratburg kommentierte auf Facebook

....es gibt Künstlerinnen und "Künstlerinnen" in Leipzig. Die einen machen wirkliche Kunst, die anderen quälen unsere Ohren, Augen und ihr Instrument mit einem stupiden Grinsen, dass ich manchmal schon gar kein Gesicht, sondern einen Feuermelder vor mir sitzen sehe.... Aber ich glaube, die größten Quälgeister sitzen woanders.... Und zwar im Rathaus. Das wäre mal eine Idee, diese..........

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Domi Nique kommentierte auf Facebook

Reiner Thierfelder,Abzocke? Inwiefern?

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Argus Klemperer kommentierte auf Facebook

@plaisier.wichtigtuer !. in allen medien steht immer etwas zu gleichen themen. weltnest machts eben pepiger :P

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Kay Zeisberg kommentierte auf Facebook

Diese dresdnerische Vorgehensweise aus Intoleranz, Dünkel, Gebührengier und Humorlosigkeit sollte gerade für Leipzig keineswegs relevant sein.

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