| Martin Meißner

Pisa hui, Abschluss pfui? Was tun, damit es weniger Schulabbrecher in Leipzig gibt?

Leipzig hat die sachsenweit höchste Quote von Schulabgängern ohne Abschluss. Kann die Stadt irgendetwas tun, um diese Zahl zu verringern? Bitte beachten Sie, dass die Antwort "Bildung ist Landessache und die Verantwortung liegt bei Dresden." Punktabzug gibt.

 

Juliane Nagel, Die Linke

Auch wenn du die Lösung für dieses Problem auf die kommunalpolitische Ebene verschieben willst, muss ich erwidern: wir kommen an eine Lösung nur durch andere landespolitische Weichenstellungen und einen sozialpolitischen Paradigmenwechsel ran. Es ist das dreigliedrige Schulsystem, das Ungleichheit verschärft, es sind die großen Klassen, die eine individuelle Förderung von Schüler*innen verunmöglichen, Leistungsdruck durch Noten oder Angst Sitzenzubleiben, aber eben auch die Verhältnisse aus denen Schüler*innen kommen. Die Herkunft hat erwiesenermaßen einen großen Einfluss auf den Bildungserfolg. Schauen wir uns dazu die Sozialdaten von Leipzig an. Die meisten Förder- und Hauptschüler*innen sowie Abgänger*innen ohne Abschluss finden sich in West (Grünau und Altwest) und Ost. Hier ballen sich gleichsam Armutslagen. Wer in Förder- oder Hauptschulen landet, findet sich bereits auf dem faktischen Abstellgleis, sich höherer Bildungswege zu erschließen, erfordert dann besonders große Anstrengungen und gelingt nur in Einzelfällen. Längeres gemeinsames und jahrgangsübergreifendes Lernen und kleinere Klassen  wären Schritte um um Wege auch für momentan Benachteiligte zu öffnen.

Wenn wir auf die kommunale Ebene schauen, bleiben uns "nur" Instrumente der Schadensbegrenzung. Zum Beispiel Ganzstagsangebote, die die Schule stärker zum sozialen Ort zu machen, an dem alle Kinder und Jugendlichen auch jenseits des stark strukturierten und formalisierten Unterrichts Zeit miteinander verbringen und "informell" lernen können. 83 Prozent der Leipziger Schulen nutzen diese Möglichkeit! Die Mittel kommen vom Land.
Oder Schulsozialarbeiter*innen, die einen Raum öffnen, Kinder und Jugendliche nicht nur als Leistungserbringer*innen zu sehen, sondern ganzheitlich als Menschen. Auch hier spielt jedoch das Land eine Rolle. Um Schulsozialarbeit - momentan an 43 kommunalen Leipziger Schulen - zu stabilisieren und auszuweiten braucht die Stadt Kohle. In Thüringen hat das Land zum Beispiel 18 Millionen Euro in die Hand genommen um 200 Stellen in diesem Bereich zu schaffen.

Weitere Möglichkeiten sind Projekte gegen Schulverweigerung, von denen es in Leipzig zwei gibt, oder gegen Schulmüdigkeit. Die drei Projekte, die es hier gab, liegen erstmal auf Eis, da die Zukunft der EU-Fördermittel ungewiss war. Ab Herbst ist aber eine Weiterführung greifbar. Die gesamte Jugendhilfelandschaft ist ein wichtiges Korrektiv zum selektiven Schulsystem, ist aber in Leipzig ebenfalls Jahr für Jahr durch Kürzungen bedroht. Sprich: alle Projekte bleiben Flickwerk und in hohem Maße von Förderung durch höhere Ebene abhängig. Viel Wert ist es, engagierte und emphatische Lehrer*innen zu haben, die versuchen das beschriebene System zu durchbrechen. Dies bleibt - auch aufgrund der prekären Situation im Schulbetrieb - jedoch eher ein Kampf gegen Windmühlen.

 

René Hobusch, FDP

Wir können alle etwas tun, liebes Weltnest, um uns diesen Rucksack zukünftiger Sozialtransfers zu erleichtern. Vor allem müssen wir aufhören, Papier zu beschreiben, zu diskutieren und die Wirklichkeit durch eine sozialromantische Brille zu betrachten. Wir müssen das Problem anpacken.
Aber was passiert: Einmal im Jahr ist Bildungspolitische Stunde im Stadtrat angesagt, weil der Bund das ja irgendwie fördert. Es wird von bildungsmüden Jugendlichen gesprochen, statt der Wahrheit Raum zu geben. Da sind einfach zu viele, die keinen Bock haben. Keinen Bock haben morgens aufzustehen, Mühen auf sich zu nehmen und etwas zu leisten. Denn da gibt es einen Zusammenhang, zwischen der Armutshauptstadt, die wir bis vor kurzem noch waren, aber Platz zwei ist auch nicht besser, und rund 15 Prozent Schulabbrechern. Da ist eine Generation sozialisiert, die leider von den Eltern nichts anderes mehr vorgelebt bekommen hat. Und da müssen wir ran. Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene müssen sehen, dass es sich lohnt, etwas zu leisten. Mühen auf sich zu nehmen, statt am Tropf des Sozialstaates zu hängen und mit ein paar Euro zusätzlich irgendwie so verdient über die Runden zu kommen und sich einzurichten.
Dafür können wir alle etwas tun. Wir können selbst für unsere eigenen Kinder Vorbild sein und auch andere Kinder mitziehen, in der Schule, im Freundeskreis der eigenen Kinder oder im Verein. Zeigen, dass es sich lohnt einen Schulabschluss zu machen, um einen Beruf zu erlernen. Da dürfen wir bei den Chancen, die wir geben, keinen Unterschied machen. Aber geben, einen Menschen fördern, ist das eine. Angebote müssen auch angenommen und die Menschen gefordert werden. Da müssen wir hin, statt null Bock Stimmung als schulmüde zu päppeln und zu akzeptieren.

 

Katharina Schenk, SPD

Bildung ist Ländersache. Die Verantwortung für die verkorkste Bildungspolitik muss demnach die schwarz-gelbe Landesregierung übernehmen. Trotzdem und gerade deshalb, muss sich eine Kommune mit allen Mitteln - auch denen die eh schon Mangelware sind, nämlich den finanziellen, gegen diese tigerentenfarbene Bildungsmisere wehren. Schließlich geht es hier nicht um ein paar kleine Fehlerchen, sondern um das Ding, dass das Leben junger Menschen maßgeblich mitentscheidet: die Bildung. Ich bin froh, dass Leipzig das erkannt hat - die Bemühungen hinsichtlich der Schulsozialarbeit sind ein entscheidendes Beispiel.
Doch auch wenn die Bemühungen redlich sind - die Schulabbrecher/innenquote ist in Leipzig erschreckend hoch. Im vergangenen Jahr haben mehr als 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler keinen Abschluss erlangt. Bei Förderschulen liegt der Wert noch viel höher, denn dort gehen über 62 Prozent ohne Abschluss ab. Warum ist das so?
Viele Klassen sind restlos überfüllt, der Klassenteiler liegt einfach zu hoch. Zudem kommen in vielen Klassen Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichstem Förderbedarf zusammen. Ein Lehrer oder eine Lehrerin allein können kaum auf die unterschiedlichen Bedürfnisse im Klassenzimmer eingehen. Schulsozialarbeit setzt genau hier an. Sie kann Probleme erkennen und verhindern, bevor sie zum Problem werden. Damit Schulsozialarbeit effektiv sein kann, muss sie jedoch dauerhaft wirken. Kinder müssen Vertrauen fassen können, Verantwortliche brauchen Zeit, um sich einzuarbeiten. Leipzig tut hier viel aus eigener finanzieller Kraft - eine dauerhafte Regelung von Seiten des Landes wäre jedoch ein echter Schritt nach vorn.

Was kann man tun? Bei der nächsten Landtagswahl am 31.8. nicht schwarz-gelb wählen und die Petition "Schule braucht Sozialarbeit" bewerben und unterzeichnen.

Und sonst?

Natürlich ist Schulsozialarbeit nicht die einzige Stellschraube. Am Ende muss man sich ja fragen, warum jemand nicht mehr zur Schule geht. Oft gelingt es einfach nicht im regulären Betrieb individuell auf die Schüler/innen einzugehen und ihre Talente zu erkennen. Produktionsschulen und Projekte wie Joblinge finde ich daher unterstützenswert. Gerade große Unternehmen können sich nicht immer nur beklagen. Sie müssen aktiv daran arbeiten, dass oft vorhandene praktische Interesse junger Menschen zu nutzen und ggf. Motivation zu geben. Das gelingt zum Beispiel durch niedrigschwellige Angebote wie Schnuppertage, vergütete Praktika und einen hohen Praxisbezug.

Schulabbrecher/innen brauchen etwas, auf das sie hinarbeiten können, etwas, das sie motiviert, lang aufgeschobenes wieder anzugehen. Hier kann die Stadt viel tun, indem sie selbst Angebote schafft bzw. auffordert solche zu schaffen.

Am Ende aber steht und fällt viel mit dem Geld - und dann ist es vielleicht nervig mit dem Finger auf die Landesregierung zu  zeigen. Richtig ist es trotzdem.

 

Ute Elisabeth Gabelmann, Piraten

Die Antwort ist ja nicht mal falsch, auch wenn das zugegeben schwer hinzunehmen ist. Da Bildung das Herzensthema von Sandra Willer, unserer Spitzenkandidatin zur kommenden Landtagswahl, ist, kam ich natürlich für meine Antwort nicht an ihrem Erfahrungsschatz vorbei. Wir schlagen also vor:

Jede einzelne Schule hat bei näherer Betrachtung weitreichende Einzelkompetenzen, was bestimmte Aspekte der Ausgestaltung des Lernens und Lehrens betrifft.

Schulbeginn und - ende bzw. die zeitliche Anordnung der Pausen können oftmals recht individuell geplant werden. Diese Möglichkeiten können Schulleitungen nutzen, um einen Stundenplan zu erstellen, der sowohl der Bedürfnissen der dortigen Schüler als auch dem Lehrpersonal entgegenkommt. Es ist mittlerweile keine Geheimnis mehr, daß Jugendliche in der Pubertät eine andere innere Uhr haben als Kinder bzw. Erwachsene. Diesem Umstand kann Rechnung getragen werden.

Es ist auch nicht verboten, Schüler zu ermuntern, ihre Lernumgebung selbst zu gestalten. Dies schafft nicht nur einen stärkere Identifikation mit der eigene Schule, sondern stärkt auch das Gruppengefühl. Generell wird der "Wohlfühlfaktor", der bei jeder Büroeinrichtung bemüht wird, im Schulwesen leider immer noch stark vernachlässigt.

Obwohl unser Leipziger Vereinswesen ja derzeit grad in der Ecke liegt und weint, wagen Sandra und ich mal die kühne Forderung: bindet endlich die Vereine in die schulische Bildungsarbeit ein. Nein, wir meinen nicht nur eine Exkursion pro Halbjahr, wir meinen so richtig. Praktisch. Das hätte ja nicht nur den Vorteil, daß der Lernstoff auf ganz direkte Weise erlebnisnah vermittelt wird, es würde sogar zusätzlich Interesse an den Vereinen wecken und ehrenamtliche Arbeit aufwerten.

Abgesehen von dem bis jetzt eher lauwarmen Versuch eines Jugendparlaments: was spricht gegen mehr Mitbestimmung der Schüler an ihren Schulen? Die Dinge selbst in der Hand zu haben, stärkt Selbstbewußtsein und Verantwortungsgefühl. Worauf man selbst Einfluß hat, wirft man nicht so schnell über Bord.

Wenn ich jetzt aber mal einen Schritt weg von der unmittelbaren Schularbeit mache und Faktoren betrachte, die die Stadt ebenfalls sehr wohl beeinflussen kann: was bekommen die Kinder und Jugendlichen oftmals daheim täglich zu sehen? In welcher Umgebung sind sie nach der Schule, was wird ihnen angeboten? Wenn sie sehen, wie die Eltern entmutigende Briefe vom Jobcenter erhalten, wie Wohnungsmieten vom Amt nicht bezahlt werden, wie wenig Menschen, die in einer bittenden Position sind, vom Staat geschätzt werden; wie Gelder für Jugendarbeit gekürzt und gleichzeitig Kirchentage gefördert werden, wenn Studiengänge, die nicht wirtschaftskonform sind, weggekürzt werden (und damit das Signal gesendet, dass Bildung nur dann gut und wichtig ist, wenn sie wirtschaftlich und auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet ist), für Psychologen und Sozialarbeiter kein Cent mehr da ist und das Jobcenter auf ältere Jugendliche Druck ausübt, damit diese nicht weiter zur Schule gehen, sondern endlich für den Unterhalt der Familie arbeiten - wo soll da die Motivation zum Schulbesuch herkommen?

Offen gesprochen - und das ist das wirklich schlimme - verwundert es angesichts dieser Situation sogar, dass noch so viele Schüler die Motivation finden. Ich bewundere sie.

 

Markus Walther, CDU

Das Thema Schulabbrecher und und Schulabgänger ist (leider) kein neues Problem. Die Stadt Leipzig muss da das Rad nicht neu erfinden, denn zu dem Problemkreis gibt es eine Menge Untersuchungen. Deshalb ist die Frage sinnvoll vielleicht besser an Wissenschaftler zu richten, nicht an Jungpolitiker, denn um politische Positionen geht es dabei ja nur nachrangig.

Hohe Schulabbruchs- und Schulabgangszahlen haben ganz vielfältige Ursachen, und manche wird die Stadt — bei aller Mühe — kaum ändern können. Beispielsweise haben Studien ermittelt, dass das Abbruchsrisiko bei Jugendlichen höher ist, wenn sie nicht mit beiden leiblichen Elternteilen in einem Haushalt in einer Familie wohnen. Die Minderung des Wertes von Ehe und Familie als Fundamente eines funktionierenden Gemeinwesens haben die linken Parteien in den letzten Jahren erfolgreich betrieben, da wird das Rathaus nicht gegensteuern können.

Auch haben Städte grundsätzlich häufig höhere Abbrecherzahlen. Das liegt schon daran, dass Jugendliche in Städten durch viel mehr Reize von der Schule abgelenkt werden als im ländlichen Raum (Einkaufszentren, Zugang zu Alkohol und „harten“ Drogen usw.). Mehr Ablenkung bedeutet mehr Schulschwänzer. Auch solche Faktoren liegen weitgehend außerhalb der Reichweite von Kommunalpolitik.

Die wichtigste Erkenntnis für die Stadt aus den zahlreichen Untersuchungen ist vielleicht, dass schulische Einzelgänger viel wahrscheinlicher die Schulausbildung abbrechen als Jugendliche mit einem intakten sozialen Umfeld in der Schule. Hier können die Schulen vor Ort ansetzen und Freizeit- und Gemeinschaftsangebote für die Schüler schaffen, die die Jugendlichen — in einem positiven Sinn — an die Schule binden. Das kann dann zum Beispiel heißen: Aktivitäten wie Schülercafé, Schulgarten usw. schaffen, um Schülern direkt an der Schule eine soziale Umgebung zu schaffen. Die besondere Bedeutung von Sport und Wettkampf als identitäts- und gemeinschaftsstiftende Faktoren muss ich sicher nicht weiter erläutern.
Der negative Einfluss von Computerspielen ist nicht zu unterschätzen: Jugendliche schaffen sich dabei im Extremfall eine Parallelwelt, die nicht die Schattenseiten des Schulhofs hat und damit immer öfter und immer länger ein Rückzugsort wird. Diese Aufspaltung des Alltags mancher Jugendlicher, in die gefühlt erlittenen Stunden an der Schule und die erlösenden Nächte am Bildschirm, aufzubrechen, ist sicher keine leichte Aufgabe. Wie man das tut, wie es Schulen gelingen kann, Computerspielgewohnheiten wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen — das ist sicher eine lohnenswerte Aufgabe, aber an der Stelle endet dann auch mein Sachverstand als Laie, ich kann da kein Patentrezept anbieten.

Daneben gibt es natürlich Ursachen, die nicht kommunalpolitisch, sondern allenfalls landespolitisch angegangen werden können. Eine weitere Ursache kann sein, dass Jugendliche gegenüber ihren Klassenkameraden deutlich älter sind und deshalb im Klassenverbund nie „ankommen“. Solch ein Effekt wird natürlich auch durch eine „starre“ Wiederholer-Regelung bewirkt. Keine Lösung ist es sicher, Noten und Versetzungsentscheidungen abzuschaffen, denn das Leben nach der Schule ist schließlich kein Ponyhof. Aber ob die „Ehrenrunde“ (Sitzenbleiben) tatsächlich ein ganzes Jahr dauern muss, oder ob es nicht bessere Formen individueller Förderung gibt — darüber darf man nachdenken.

 

Jürgen Kasek, Die Grünen

Über zehn Prozent Schulabbrecher und Pisa-Lob passen nicht zusammen. Gerade in Leipzig zeigen sich Bildungsungerechtigkeiten deutlich. Bedingt durch deutliche Segregationstendenezen, demographischer Wandel und soziale Ungerechtigkeit.

Die Kommune fühlt sich allein gelassen und ist eigentlich nur für die "Bildungsverlierer" zuständig. Sie hat auf der anderen Seite aber keinen Einfluss auf die inneren bildungspolitischen Entscheidungen. Dabei ist die Kommune überall dort entscheidend wo Bildung konkret umgesetzt wird. Um Bildungsverantwortung zu übernehmen und die Schulabbrecherquoten zu senken, muss sich  die Kommune nicht nur als Träger und Verwalter von Bildungseinrichtungen verstehen, sondern als Gestalter. Volkshochschulen, Kindertagesstätten, Jugendhilfe, Familienzentren, Schulen und Kultureinrichtungen bis hin zur Stadtplanung – das sind wesentliche Eckpfeiler einer kommunalen Bildungslandschaft. Bildung muss dabei als Querschnitt- und Vernetzungsaufgabe verstanden werden. Das Nebeneinander von Bildungseinrichtungen im weitesten Sinne führt nicht zum verantwortungsvollen Gestalten von Bildungsbiographien. Eine wesentliche Chance sehe ich also in neuen Vernetzungs- und Kooperationsstrukturen, von allen Akteuren im Bildungsbereich (Schule, Sportverein, Theater, Gemeinschaftsgärten, Ausbildungsbetriebe usw.) um Jugendliche zu fördern. Diese müssen bereits im Kindergartenalter ansetzen. Zu viele Kinder kommen in die Schule, ohne ausreichende Sprachkenntnisse oder nur mit geringen kognitiven Fähigkeiten (diese können meist in der Schule nicht mehr behoben werden). Familienzentren können dort Abhilfe schaffen. Wir müssen die Bildungsübergänge verantwortlicher gestalten. Von der Kita in die Schule, aber auch von der Schule ins Berufsleben beziehungsweise Studium. Eine niedrigschwellige Bildungsberatungsstelle, die auch vor Ort aktiv ist, ist unabdingbar. Die Schule muss sich öffnen, neue Ort des Lernens müssen entstehen und erkannt werden, sei es der Schulgarten, der Handwerksbetrieb, der Sportplatz oder das Theaterhaus, dort können Jugendliche neben dem stoischen Unterricht Anerkennung ernten und Selbstbewußtsein erlangen. Wir brauchen mehr Ganztagsschulen, statt nur Ganztagsangebote. Auch in der Gemeinschaftsschule oder Nachbarschaftsschulen lernt es sich besser: voneinander und füreinander. Es gibt Best-Pactrice Beispiele aus vielen Kommunen, beispielsweise Berlin und die Rütli-Schule – daran kann Leipzig lernen. Mit "Lernen vor Ort" konnte Leipzig einige Weichen stellen, um Bildungsverantwortung zu übernehmen, allerdings ist die Förderperiode bald vorbei. Wir benötigen in der gesamten Bildungslandschaft den Mut zur Dezentralisierung. Gesellschaftlicher und sozialer Wandel muss vor Ort beantwortet werden, nur so können Segregationstendenzen vorgebeugt werden: die Kommune muss mehr bildungspolitische Verantwortung übernehmen, um flexibel auf den Wandel einzugehen – Schluss mit "one Size fits all." Die Kommunen müssen dazu vom Land wesentlich stärker als bisher unterstützt werden, das betrifft nicht nur die Finanzen, sondern auch Personal und Lehrpläne. Innere und äußere Schulangelegenheiten müssen mehr denn je zusammengeführt werden und die Kommunen müssen in der Ausgestaltung von Bildung stärkere Einflussmöglichkeiten bekommen, statt nur für Bildungsverlierer die Kosten zu tragen. Zu all dem bedarf es vor allem mehr Geld, Deutschland liegt bei den Bildungsausgaben weit unter dem OECD-Durchschnitt – das muss sich ändern. Gelder müssen in der Breite und langfristig vergeben werden und nicht in Programme oder Projekte, die ihre Wirkung verfehlen.

 

Martins Fazit

Es war ja klar, dass es jede Menge Punktabzüge geben wird. Natürlich ist Bildung Landesaufgabe (was eine ganz andere Baustelle ist) und auch mir ist klar, dass die Kommune nur einen sehr beschränkten Handlungsspielraum hat. Aber diesen sollte sie nutzen. In Leipzig ist die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss am höchsten. Nicht in Dresden, Chemnitz, Zwickau oder Delitzsch. Deshalb ist es überaus fraglich, die Schuld alleine bei der Landesregierung zu suchen. Am nachvollziehbarsten finde ich den Zusammenhang zwischen Armutshauptstadt und Quote. Die Armut wird allerdings nicht weniger, wenn Massen an Schülern ohne Perspektive direkt in den zweiten Arbeitsmarkt rauschen. Es gilt jetzt alle Ressourcen aufzubringen, um spätere Mehrkosten zu vermeiden.

 

Über den Autor:

Martin hat sich diesmal für ein Bild von einer geschlossenen Schule entschieden. Nachdem es letzte Woche Beschwerden gab, weil Reudnitz als Symbolbild für einen ärmeren Stadtteil herhalten musste. Er will sich nicht vorstellen, welchen Protest es gibt, wenn er eine Schule als "Abbrecherhochburg" darstellt.

Kommentare

Leona Rempel kommentierte auf Facebook

Armut und Schulabrecher: eine Korrelation, ja. Aber wie war das noch mit kleinen Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität? Man möchte Hobusch ein Praktikum im sozialen Bereich empfehlen? diese "Kein-Bock-Mentalität" ist leider kurzsichtig und geht an der Komplexität der Wahrheit weit vorbei. Ansonsten bringen vor allem Gabelmann und Kasek sehr wohl konkrete Vorschläge, wie man kommunal/lokal Einfluß auf Bildung(spolitik) nehmen kann: denn Bildung ist weit mehr als nur "die Schule". Man wünschte, die zwei und Nagel täten ihre Ansätze in einen Topf, rührten ein paar mal kräftig um und gingen dann zusammen ans Werk.

001 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Thomas Köhler kommentierte

Kein Bock?

Der Rene Hobusch sollte sich mal fragen, warum Schüler keinen Bock haben. Es gab in meiner Kindheit, ich weiß lange her, einen Spruch "Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir." Wenn das kaputte System aber die Hoffnungslosigkeit, in Bezug auf das kommende Leben, in Form von Arbeitslosigkeit oder der Alternative "Job um jeden Preis" als normal ansieht, dann entsteht die Null Bock Haltung. Transportiert von den Älteren (also uns) auf die Schüler. Da ändert auch das Experimentieren mit alternativen Schulformen und ähnlichem, so wichtig das auch ist, nichts. Ein glaubhaftes Zukunftsversprechen für die Schüler muss her. Nicht ein Zurück in die Vollbeschäftigung der 60er, das wäre absurd - die gibt es nie wieder, trotz aller Wahlkampfparolen der FDP. "Armutshauptstadt" und Schulabbrecher, da gibt es einen Zusammenhang. Daran etwas zu ändern, das ist eine Aufgabe für alle, besonders für die linken Parteien. http://tom-coal.com/?p=1605

001 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Tino Bucksch kommentierte auf Facebook

das ist doch nicht ernst gemeint von der CDU oder was? die Unterminierung der Ehe und großstädtische Ablenkungen wie Computerspiele, Einaufsmöglichkeiten und Akoholkonsum sind schuld?!? boah, das ist ja nicht nur 19. Jahrhundert, das ist 18. Jahrhunder!!!

001 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Penny Parts kommentierte auf Facebook

Wie wäre es mit Hilfen für Spätzünder, die ihren Abschluss nachholen wollen.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Thomas Fleck kommentierte auf Facebook

... Es ist auch weiteres Beispiel für das Versagen staatlicher Daseinsvorsorge bzw. zentralistischer Strukturen und zu wenig Wettbewerb. Radikaler Vorschlag: jedes Kind erhält ein Budget für die eigene Bildung und die Eltern / Erziehungsberechtigten entscheiden selbständig, wie sie das Budget einsetzen. So kann jeder die Schule besuchen und die Bildung erhalten, die er sich wünscht und nicht nur die, die er sich leisten kann. Gleichzeitig werden sich die Bildungsanbieter besser um ihre "Kunden" kümmern.

000 001
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von Thomas KöhlerThomas Köhler kommentierte

Raikaler Vorschlag?

Witzig das ist. Jedes Kind erhält ein Budget? Wer also Geld hat, der kann das Budget selbst aufstocken. Haben wir schon. "So kann jeder..." Nein, kann nicht das Kind, die Eltern entscheiden über die Verwendung. "Bildungsanbieter - Kunden" die werden sich um die mit dem aufgestockten Budget kümmern - machen sie jetzt schon. Wo ist das radikal?

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Tino Bucksch kommentierte auf Facebook

Gott, genau Bildung ist eine Ware und wird wie ein Apfel auf dem Markt über Angebot und Nachfrage geregelt. Realitätsferner geht es nicht!

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Lily Aus Leipzig kommentierte auf Facebook

Aber gern Leona wir werden uns sicher, wenn der neue Stadtrat konstituiert ist, auch zu solchen Fragen zusammensetzen und unterhalten. Wenn wir unsere Vorstellungen da umsetzen können - umso besser :) Ja Tino ich war auch froh zu lesen, daß ja alles nur deswegen so schief geht, weil die armen Kinderlein nicht mit biologischen Mami und Papi aufwachsen, sondern zum Beispiel mit ganz bösen Lesben oder alleinerziehenden Müttern oder adoptiert sind. Wenn sie jetzt noch in den Höfen am Brühl bei Media Markt Killerspiele kaufen, sind wir alle geliefert... P.S. Hat eigentlich schon mal jemand bei Sims einen nervigen Nachbarn zum Schwimmen geschickt und die Poolleiter verkauft?

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Eine neue Diskussion starten

Angemeldet als anonymer Benutzer.