| André Herrmann

Leipzig vs. Kopenhagen: Zwei Hipstermetropolen im Vergleich

Kopenhagen gilt seit einigen Jahren als Vorzeigestadt und Hipstermetropole schlechthin. Zeit für einen Vergleich zwischen heldenstädtischem Neuberlin und der Stadt im Norden. Wer hat mehr Hipster, wer hat die sinnlosere U-Bahn und sollten wir vielleicht doch alle umziehen? André hat die Antworten.

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da gab es eigentlich noch keinen Grund, sich von hier fort zu bewegen. Jetzt, ein paar Jahre später jedoch, regt sich in mir öfter einmal der Wunsch, die Heldenstadt zu verlassen und etwas Neues zu sehen. Erstens, weil es woanders auch ganz schön sein soll und zweitens, weil sich das Nach-Leipzig-Zurückkehren noch viel besser anfühlt, als das bloße Da-Sein.

Die letzte Woche durfte ich in Kopenhagen verbringen. Kopenhagen ist die Hauptstadt Dänemarks und besitzt als Kommune ein Wappen, das jedem Gohliser Neurechten das Springmesser in der Tasche aufgehen lässt. In Kopenhagen spricht man Fantasiesprache aka Dänisch und weigert sich seit dem Jahr 2000 erfolgreich, den Euro einzuführen. Kopenhagen gilt sowohl als Vorzeigestadt schlechthin sowie als Hipstermetropole des Nordens.

Höchste Zeit also, einen kleinen Vergleich zu wagen zwischen unserem Neuberlin und dem Szeneort auf Seeland.

 

1. Die Bahnhöfe

 

Der Bahnhof in Kopenhagen ist schön, eine hübsche Holzdecke, unterirdische Gleise mit wunderbaren Glasdächern, aber so leid es mir tut, gegen den Leipziger Hauptbahnhof kommt eigentlich gar nichts an.
Bonuspunkt: Die S-Bahnen in Kopenhagen sind meist weinrot und oval und damit tausendmal hübscher als diese silbernen Dinger aus dem Citytunnel.

Leipzig 1 : Kopenhagen 0

 

2. Die Hipster

Wer Plagwitz für einig Hipsterland und die paar Modemädchen und DIY-Flohmärkte im Westen als In-Indikator bezeichnet, der hat zweifelsohne Kopenhagens Stadtteil Vesterbro noch nie betreten. Absolut jede/r hier fährt Fixie, alles ist vintage, alles ist DIY und alles mindestens doppelt so teuer. Der schlimmste Trend: Durchsichtige Männerleggings mit Hennatattoo-Mustern, die einem andauernde optische Alpträume bescheren. Sobald sich das in Plagwitz durchsetzt, ziehe ich hundertprozentig weg.

Leipzig 1 : Kopenhagen 1

 

3. Cityringen vs. City-Tunnel

Zufällig baut Kopenhagen gerade einen innerstädtischen U-Bahn-Ring namens Cityringen, der gemeinhin als schon halbwegs sinnvoll, aber insgesamt viel zu teuer und umständlig angesehen wird. Fun-Fact: Im anvisierten Fertigstellungsjahr 2018 wird er insgesamt über 17 Stationen verfügen und zwei Milliarden Euro gekostet haben. Zum Vergleich: Der City-Tunnel besitzt vier Stationen, ist 5,3 Kilometer lang und kostete knapp eine Milliarde Euro.
Wenn sich also schon die Kopenhagener über Sinn und Unsinn des Projekt beschweren, dann möchte ich nicht wissen, wie sie reagiert hätten, wenn man ihnen einen Leipziger City-Tunnel gebaut hätte.

Leipzig 1: Kopenhagen 2

 

4. Fahrradfahren

Während in Leipzig FahrradfahrerInnen gern mal von einigen StadträtInnen als Terroristen dargestellt werden, ist Kopenhagen die Fahrradstadt schlechthin. Laut Leipziger Logik müssten im Norden also Anarchie und Chaos herrschen. Doch weit gefehlt: Es sind unendlich viele Fahrräder unterwegs und alles läuft bestens. Überall Fahrradwege, keinlei Stress. Fast ist man versucht, Leipzig nie wieder Fahrradstadt zu nennen.
Es gibt sogar den Begriff Copenhagenization, der eine urbane Planungsstrategie bezeichnet, die den Fokus auf Fußgänger und Radfahrer und eben nicht auf Autofahrer (Sorry, liebe CDU) legt. Bis 2015 soll der öffentliche Nahverkehr in Kopenhagen zu 50% per Fahrrad absolviert werden. Die Kommune spart angeblich gut 50 Cent pro Fahrradfahrt und 230 Millionen Euro im Gesundheitsbereich. 

Leipzig 1: Kopenhagen 3

 

5. Kopenhagener versus Leipziger Freiheit

Mitten in Kopenhagens Zentrum existiert die so genannte Freistadt Christiania, ein ehemaliges Kasernengelände, das seit 1971 durchgehend besetzt wird und heute als staatlich geduldete autonome Gemeinde gilt. Polizeipräsident Bernd Merbitz und der BILD nach zu urteilen, muss man es sich wie eine Mischung aus Connewitz und Eisenbahnstraße vorstellen. Fotografieren und schnelle Bewegungen verboten (stimmt), dazu überall Kiffer (stimmt), die sich gegenseitig über den Haufen schießen (stimmt nicht) und sich dabei mit Aidsspritzen infizieren (hab ich zumindest nicht gesehen).
Was für eine großartige Sache, dass sich ein ganzer Stadtteil seit den 1970ern resolut weigert, die um ihn herum herrschende Normalität zu akzeptieren und seine Bewohner einfach machen, was sie wollen. Und was für eine tolle Stadt, die so etwas zulässt. 

Leipzig 1: Kopenhagen 4

 

6. Die Preise

Kopenhagen ist unglaublich teuer. Allein ein normales ÖPNV-Ticket kostet rund 3,20 Euro, ein Tagesticket rund 17,30 Euro. Wehe du nimmst dir daran ein Beispiel, LVB!
Auf dem Wohnungsmarkt geht es munter weiter: Eine 50qm-Wohnung am absoluten Stadtrand kostet schon mal mindestens 800 Euro, wobei das noch billig ist, sagt man. Ein Döner kostet mindestens fünf Euro, meistens aber acht.

Leipzig 2: Kopenhagen 4

 

7: Der Tourismus-Faktor

Ich weiß bis heute nicht, wie man als Tourist in Leipzig mehr als zwei Stunden verbringen kann. Hauptbahnhof angucken, meinetwegen noch das neue Rathaus sehen und das war’s. Ja, die Stadt ist schön und lebenswert, aber so etwas bekommt man erst im Laufe der Zeit mit. Auch in Kopenhagen scheint es mir so zu sein. Nach anderthalb Tagen Umherlaufen fühlt es sich an, als hätte ich alles gesehen. Völlig überbewertet: Die Mini-Meerjungfrau. Einfach nicht hingehen und folglich auch nichts verpassen.

Leipzig 3 : Kopenhagen 5

 

8. Das "Zurück-zu-Hause"-Gefühl

Was Kopenhagen bei all seinen bewundernswerten Eigenschaften allerdings nicht leisten kann, ist, dieses gute Gefühl herzustellen, wenn man mit dem Zug die Neue Messe passiert und langsam in Richtung Hauptbahnhof kommt. Dieses wärmende Gefühl zwischen „Ein Glück, dass ich nicht in Berlin wohne, sondern hier“ und „Es könnte alles schlimmer sein und zum Beispiel mit durchsichtigen Leggings zu tun haben“. Zwar bin ich sicher, dass es so etwas auch in Hipster-City Kopenhagen gibt, allerdings möchte ich es gar nicht ausprobieren. Unser kleines, überhebliches Leipzig ist mir mehr als genug.

Leipzig 200 : Kopenhagen 5

 

Puh, das war knapp. Sieht fast ein bisschen aus, als hätte ich betrogen.
Dabei wäre jedes andere Ergebnis aber auch ziemlich schade gewesen. 

Über den Autor:

André wird so schnell kein Kopenhagener, auch wenn er sehr gut Fantasiesprache sprechen kann.

Kommentare

Mina Sommer kommentierte auf Facebook

das Nach-Leipzig-Zurückkehren ist wirklich ein schönes, wärmendes Gefühl :)

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Nutzerbild von Heinz aus BornaHeinz aus Borna kommentierte

durchsichtige Leggings

Die Sache mit den Leggins hört sich ja grauenvoll an. Hoffe, dass sich dieser Trend erst in 75 Jahren nach Berlin ausbreitet, und dann nach weiteren 75 Jahren nach Leipzig kommt.. und falls es dann da ist, sich nur auf die West-Hipster beschränkt und nicht in den Osten (NN / VMD) getragen wird, welcher gerade durch selbige Spezies entdeckt wird.

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Sternwurst Bratburg kommentierte auf Facebook

Hipstermetropole Leipzig.... Das fehlte noch!

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Peter Männig kommentierte auf Facebook

Als Urlaubs- und Sehnsuchtsort ist Kopenhagen für Leipziger unübertroffen. Wirklich. Oft genug probiert.

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Nutzerbild von PaulPaul kommentierte

Endlich - meine beiden Lieblingsstädte in einem Artikel

Da kann es nur Gewinner geben. Von mir aus 1004 zu 740. Egal

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Nutzerbild von carocaro kommentierte

Mein Leipzig Lob ich mir....

Ich liebe meine Heimatstadt Leipzig und ich komme gerne immer wieder heim. Kopenhagen ist auch eine sehr schöne Stadt aber nicht so schön wie mein Leipzig ;) liebe grüße aus meine zweiten Heimat Hamburg

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