| André Herrmann

Lichtfest im Dilemma: Freier Flug für freie Waffen

Es ist bitter. Einerseits will die Stadt in diesem Jahr zum 25-jährigen Jubiläum der Friedlichen Revolution das größte Lichtfest aller Zeiten feiern, andererseits werden gerade vom Flughafen Leipzig-Halle Waffen in den Irak geliefert. Wie viel Ironie kann man Leipzig im Spätsommer aufbürden?

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da gab es das Lichtfest bestimmt schon. Wobei, ich glaube nicht.

Egal, denn bis heute habe ich es eh noch nie geschafft, zum Lichtfest, das heißt dieser großen Veranstaltung rund um den Augustusplatz zur Ehren der Montagsdemonstrationen am 9. Oktober, in Leipzig zu sein.
Das ist ziemlich bitter, denn zumindest den Bildern nach zu urteilen, muss es ziemlich gut aussehen, wenn die Fenster des MDR-Turms zu einer 89 erleuchtet werden oder die komplette Hauptpost als Projektionsfläche benutzt wird. Wie gut, dass ich in diesem Jahr also endlich einmal leibhaftig mit ansehen kann, wie sich das alles so ausnimmt.

Mindestens genau so bitter ist aber, dass ausgerechnet kurz vorm 25-jährigen Jubiläum der Friedlichen Revolution, also genau dann, wenn das Lichtfest noch einmal so richtig krass werden und den ganzen Innenstadtring umfassen soll, von Leipzig aus Waffen in den Irak geschickt werden. 600 Tonnen Ausrüstung und Waffen im Wert von 70 Millionen Euro. Das sind umgerechnet gut sieben Katholikentage.

Pardon, natürlich ist dieses Problem nicht Leipzig-gemacht. Ich glaube kaum, dass die Flughafen Leipzig/Halle GmbH oder die Stadt es dem Bund in irgendeiner Weise hätten verbieten können, von hier aus Waffen zu verschicken. Wobei, was wäre wohl passiert, wenn sie sich tatsächlich hätten verweigert? Ich stelle mir den Versuch wirklich spektakulär vor. Man denke nur daran, wie Burkhard Jung sich mit ausgebreiteten Armen in bester Platz-des-himmlischen-Friedens-Manier den Transportmaschinen in den Weg gestellt hätte. Das wäre doch mal eine Schlagzeile gewesen, für die ich Leipzig gern in der internationalen Presse gesehen hätte. So bleibt es dann doch wieder nur bei Club Mate, der Sachsenbrücke und der schrecklichen Ironie, wenn Anfang Oktober auf dem gesamten Innenstadtring das Lichtfest gefeiert wird, während gleichzeitig im Nordirak etwas weniger friedlich revolutioniert wird.

Natürlich habe ich keine Lösung für das Problem IS, für Syrien, den Irak, den Iran und für die gesellschaftliche Akzeptanz von Brokkoli.
Im Gegenteil: Ich glaube, wer sofort eine Lösung dafür weiß, der liest vermutlich zu viel SPIEGEL.

Der IS nutzt das hinterlassene Chaos im Irak und begeht Verbrechen, die man sich nicht vorstellen möchte. Andererseits unterstützt man mit der Beteiligung an der Gegenwehr indirekt wiederum Assad. Zudem geschehen die Luftangriffe der USA, Bahrains, Jordaniens, Saudi Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate ohne UN-Mandat oder offizielles Hilfegesuch. Und über die PKK, die Türkei und die Geschichte der westlichen Einmischung im Nahen Osten könnten wir auch noch streiten. Von den zivilen Opfern und den tausenden Flüchtlingen mal ganz zu schweigen. Das Einzige, das sich in puncto IS ziemlich eindeutig ablesen lässt, ist, wie wirkungsvoll das Engagement der USA und Großbritanniens im Irak von 2003 bis 2011 war. Und dass der wieder stärker werdende Ruf nach einer Einmischung mit Waffengewalt von einer ziemlich guten Vergessenskultur zeugt, die sehr unheimlich ist.

Wenn also die Lage an sich schon nicht wirklich rational zu greifen ist, wie will man sie dann rational fassen, ohne zu dem Ergebnis zu gelangen, dass es am Ende sowieso nicht besser wird, sondern maximal die Rollen der Unterdrücker und Unterdrückten getauscht werden? Und natürlich ist selbst das wieder kein Argument für Untätigkeit. Höchstens eines dafür, auf eine Metaebene höher auszuweichen und zu sagen: Menschen sind einfach generell schlecht.
Dem würde ich sofort zustimmen.

Das Einzige, was ich ansonsten dazu sagen kann, ist, dass ich glaube, dass alles, was nicht auf diplomatischem Wege geklärt wird, die Lage nur verschlimmert. So platt es klingt: Beim Krieg verlieren immer alle, das heißt natürlich außer jene, die daran verdienen oder sich sowieso nicht anders zu helfen wissen, als ihrer verschrobenen Weltanschauung per Gewalt Ausdruck zu verleihen.
Und ja, es gibt Fälle, in denen international gehandelt werden muss, die aber dennoch keine Waffeneinsätze und Waffenlieferungen legitimieren.

Gerade die deutschen Waffenlieferungen sind dabei in zwei Punkten an Ironie kaum noch zu überbieten:

1) Weil man sich 2002 noch so groß gegen eine Beteiligung am Irakkrieg aussprach und

2) weil die Lieferungen ausgerechnet von der Stadt abgehen, die in einer Woche den friedlichen Niedergang der DDR feiern will.

Vielleicht bin ich da sehr blauäugig und ganz sicher kassiere ich für so eine Meinung eine Menge fieser Kommentare (ohne wäre es aber auch langweilig). Zumal ich eigentlich diese supranationalen Organisationen in der Theorie ganz fetzig finde (z.B. die Vereinte Föderation der Planeten bei Star Trek), da sie mal dieses überholte Nationending ablösen könnten, sobald die Menschen intellektuell bereit dafür sind. 

Aber was das Sich-gegenseitig-Totschießen, Aufeinander-Einprügeln und Brokkoli-Essen angeht, bin ich eben genau so irrational. Nur, dass ich auf der anderen Seite stehe und es absolut unverständlich finde. Vielleicht, so werden manche sagen, müsste man das als Politikwissenschaftler differenzierter sehen. Vielleicht müsste man genau dieses Problem beim Lichtfest thematisieren, um sich von der bitteren Ironie der Waffenlieferungen abzugrenzen, wenn man sie schon nicht verhindern kann. Vielleicht müsste man da unten mal die Bundeswehr hinschicken, so werden manche SPIEGEL-Leser sagen. Und vielleicht lauern jetzt überall böse IS-Kämpfer, die nur darauf warten, den Leipziger Flughafen zu sprengen, werden ein paar besonders Ängstliche sagen.
Aber andererseits wäre es ohne Prinzipien auch ein wenig schade.

Über den Autor:

André war nicht mal bei der Bundeswehr. Vielleicht liegt es ja daran.

Kommentare

Frech Le kommentierte auf Facebook

genau so viel Ironie wie es CDU und Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) Wähler in Leipzig gibt ;)

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Peter Herrmann kommentierte auf Facebook

Das kann auch von anderen Flughäfen auch passieren und man muss gegen Verbrecher mit Gewalt vorgehen wie sie .es auch gegen Christen und anderen tun.Das hat mit Leipzig nichts zu tun

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Romy Michi kommentierte auf Facebook

Wir Leipziger hätten da gern ein Mitspracherecht gehabt. Es gab auch die ein oder andere Demo dagegen, doch darüber schreibt niemand. Als wenn es bequemerer und angenehmer wäre in der Vergangenheit zu schwelgen und längst geschlagene Schlachten zu befeiern. Heuchelei

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Nutzerbild von Heinz aus BornaHeinz aus Borna kommentierte

Wozu?

Warum sollten die Bürger Leipzigs da explizit ein Mitspracherecht haben? Wie kannst du die Formulierung "Wir" benutzen? Die Bürger der Stadt, des Landes und der BRD hatten es in den letzten 2 Jahren implizit die Möglichkeit durch Bundestags-, Landes-, und OBM Wahl mitzubestimmen. Weiterhin wurde Leipzig in den letzten 10 Jahren als Truppen-Hub für die USA genutzt.. kaum ein Leipziger hat gemault, kein Weltnest hat das kommentiert. Ganz im Gegenteil - viele wirds gefreut haben. Pro Tag 3 Maschinen á 300 Mann beschert gute Einnahmen und schaffte Arbeitsplätze!

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Nutzerbild von Heinz aus BornaHeinz aus Borna kommentierte

korrigiere..

erst seit 2006!

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Daniel Böttner kommentierte auf Facebook

Polemische Fragestellung ... Der Flughafen wird zum Gütertransport genutzt und Leipzig ist nicht aktiv an der Herstellung der Waffen beteiligt. Auch ist es eine Milchmädchenrechnung Waffen mit Kriegstreiberei gleichzusetzen. Die Welt ist nunmal nicht so paradiesisch wie wir sie gern hätten. So braucht eben ein Land wie der Irak auch Möglichkeiten sie Bevölkerung gegen innere und äußere Bedrohungen zu schützen. Aber das ist ja wieder passendes Futter für die Verschwörungstheoretiker die sich jeden Montag am Brühl treffen.

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Sternwurst Bratburg kommentierte auf Facebook

Stimmt, man könnte die Waffen hier besser gebrauchen!

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Oliver Siegl kommentierte auf Facebook

Der Vergleich hinkt ein wenig. Mal davon abgesehen, dass dieses Lichterfest sowieso sinnlos ist.

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Daniel Böttner kommentierte auf Facebook

Herr Siegl, das Lichtfest ist keineswegs sinnlos. Wenn sie sowas sagen haben sie die Tragweite und das Glück der Geschehnisse keineswegs verstanden. Das Lichtfest erinnert nicht nur daran das viele Menschen gegen ein Regime auf die Strasse gegangen sind und friedlich demonstrierten. Auch daran was sonst zu dieser Zeit mit vielen glücklichen Zufällen dazu führte das der Mut einzelner und vieler ein getrenntes Land wieder einte. Das Lichtfest ist ein Licht für Demokratie, Frieden und Mut. Für Zivilcourage auch bei grossen Gefahren.

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Nutzerbild von Klaus-PeterKlaus-Peter kommentierte

Mir kommen gleich die Tränen

"Demokratie, Frieden und Mut" blabla. Das eigentliche Ziel war eine reformierte DDR und ganz sicher nicht HartzIV, 25% niedrigere Ostlöhne und sachsenanhaltinische Frühaufsteher.

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