| André Herrmann

QR-Codes & der Geist von Peter Degner: Die neue Grab-App des Leipziger Südfriedhofs

Die virtuelle Realität hält Einzug in Leipzig. Und wenn man sich das Durchschnittsalter in den Plattenbausiedlungen anschaut, dann weiß man auch, warum sie ausgerechnet auf einem Friedhof ausprobiert wird. Der Leipziger Südfriedhof hat jetzt eine Grab-App und André hat sie ausprobiert.

 

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da war ich noch total oft dort. Ich wohnte direkt nebenan und wenn man beim abendlichen Spaziergehen nicht auf knutschende Erstipärchen treffen wollte, die sich zuhauf auf den Stufen des Völkerschlachtdenkmals tummeln, dann ging man eben zum Südfriedhof, diesem schönen, riesigen Areal in Sichtweite dieses Nationalismusklotzes, denn das wirkte nachdenklich und geheimnisvoll, also genau so, wie man als verunsicherter Student der Sozialwissenschaften und Philosophie wirken möchte.

Heute, lange Zeit nach Ende meines Studiums, liegt mein letzter Besuch auf dem Südfriedhof schon lange zurück. Heute hänge ich sowieso nur noch vorm Computer ab und versuche, meine Ausflüge nach draußen auf den Einkauf von Bouletten und Instagram zu beschränken.
Wie schön, wenn sich geänderte Leidenschaften dann unversehens wieder neu verbinden. Ja richtig, der Leipziger Südfriedhof hat jetzt eine Grab-App.
Also nicht der Leipziger Südfriedhof allein. Dieser ist nur eingebettet in ein Projekt, das es auf großartige Art und Weise schafft, die Interessen von Leipzigs PlattenbaubewohnerInnen und modernste Technik zusammenzuführen.

Die Verfahrensweise ist ganz einfach: Man geht mit seinem Smartphone auf den Leipziger Südfriedhof, schaltet GPS ein und zack! erfährt man, wo sich die Gräber von 30 bekannten LeipzigerInnen befinden, seien es nur Kaufleute, Fabrikanten, Schriftsteller, Maler oder auch ein niederländischer Maurer.
Klingt unspektakulär, ist aber tatsächlich interessant, wenn man sich für so verrückte Sachen wie Stadtgeschichte interessiert (mich zum Beispiel interessieren eigentlich nur die Bilder).
Gut, man fühlt sich ein bisschen strange, wenn man ausgerechnet auf dem Friedhof ständig aufs Handy glotzt, statt sich einfach mal umzuschauen. Aber man erfährt so Vieles!
Wussten Sie beispielsweise, dass der Bruder des Berliner Verlagsgründers Ullstein, selbst Inhaber einer Papiergroßhandlung in Leipzig, in einer Pyramide beigesetzt wurde? Und dass die bewusste Entscheidung für Muschelkalk und gegen Granit eine große Verbeugung der sich Anfang des 20. Jahrhundert reformierenden ästhetischen Tendenzen war? Oder dass der sozialistische Ehrenhain, das heißt diese lange Grabreihe gleich am Eingang ein echtes Politikum war?

Ich bin Fan der Grab-App.
Manch einer hätte dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, durch dessen Mittel das Projekt mit insgesamt 37 Friedhöfen aus ganz Deutschland ermöglicht wurde, vielleicht gesagt: Hey, steckt das Geld doch mal lieber in die Hoverboard-Forschung, immerhin haben wir bald 2015 und wenn „Zurück in die Zukunft“ wahr ist, dann müssten die Teile langsam mal erfunden werden, aber okay.

Ohne die App hätte ich mich sicher nicht so einfach mal wieder aufgemacht, um den wirklich und ganz ehrlich wunderschönen Südfriedhof zu besuchen. Auch wenn so Friedhofsbesuche ohne Grund meist nur von 14-jährigen Gothics oder Fotografen ohne gute Ideen für Shootings praktiziert werden.
Auf jeden Fall hätte ich nie beim Verlassen des Friedhofs zufällig das Grab von „Mario Kart“ entdeckt, das sich leider bei genauem Hinschauen als jenes von „Mario Kral“ entpuppte.
Sagen wir es so: Sollte ich mich durch Zufall mal auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof oder einem der anderen 35 wiederfinden wiederfinden, weil ich dort gerade ein Fotoshooting mit meinem 14-jährigen Gothicfreunden mache, dann werde ich die Sache bestimmt nochmal benutzen.
Ansonsten: Einmalige Spielerei, für die man früher ein dünnes Heftchen gedruckt hätte, dass man im Friedhofs-Souvenirladen für 5 Euro hätte kaufen können. Aber das hier ist eben die Zukunft.

 

Kurze Usability-Kritik zum Abschluss:

Liebe Firma Hortec, die du das Projekt technisch realisiert hast: Eine App nur für ein Betriebssystem herauszubringen und die restliche Smartphonewelt damit auszuschließen, hat nicht einmal bei Instagram geklappt. Wenn es heißt, die iOS-Version „komme bald“, dann denke ich nicht „Oh, wie nett!“, sondern verliere schlagartig das Interesse.
Immerhin wäre es super, wenn dann wenigstens die Browserversion fehlerfrei funktionieren würde und nicht beim Öffnen eines Textes zu einem bestimmten Grab erst zwei Minuten lang gar nichts passiert, dann urplötzlich mein Lautsprecher anspringt und Hans-Jürgen Schatz‘ Stimme trotz ausgeschaltetem Sound in voller Lautstärke über den Friedhof plärrt, wofür mich eine Gruppe Omas mit ihren Blicken zu töten versucht. Da hilft es nicht einmal, ihnen zu erklären, dass man gerade die Zukunft testet.
Und vielleicht optimieren wir beim nächsten Mal gleich unsere Audiodateien für mobile Nutzung, denn sonst passiert einem nach zehn Minuten Folgendes:

Davon bekomme ich schlechte Laune. Es ist Mitte des Monats! Wie soll ich denn jetzt unterwegs optimal meine Lebenszeit mit lustigen Bildern bei 9GAG vergeuden, hm?

Der beste Witz bezüglich der Grab-App kommt allerdings von der LVZ:
QR-Codes sind der neue Trend auf Grabsteinen. Ich lache noch immer. Könnt ihr bitte mit eurer Zeitmaschine endlich aus dem Jahr 1960 zurückkommen? QR-Codes sind vorbeier als Printmedien. Beweis: Peter Degner will sich einen QR-Code auf seinen Grabstein lasern lassen. Wenn man den scannt, soll einem ein „humoriger Spruch“ nebst einem Lächeln erscheinen. Ich glaube zwar, dass sich eher das Tor zur Hölle öffnet und der Geist von Peter Degner einem die Seele aufisst, aber wer bin schon ich.

Immerhin weiß ich jetzt eines ganz genau. Auf meinem Grabstein soll einmal stehen: 

Sie hatten Recht, davon kann man nicht leben.

Alles andere wäre auch irgendwie schade.

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