“Es wird alles immer teurer!”: Leipzig und der Mindestlohn

Falls Sie sich letzte Nacht gewundert haben, wieso Ihr Bier plötzlich so teuer geworden ist und der Taxifahrer auf Ihrer Heimfahrt so gut gelaunt war: Auch in Leipzig gilt seit dem 1. Januar der Mindestlohn. Geht die Heldenstadt jetzt unter oder wird doch wieder alles gut?

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da war noch alles gut.
Eine Fahrtkarte für die Straßenbahn kostete 1,30 Euro, ein Bier, je nach Abgefucktheit der Location, zwischen 1,20 Euro und 2,80 Euro und wer sich traute, der konnte auf der Jahnallee der berühmten 1-Euro-Döner probieren.
Doch jetzt ist alles anders. Beim Friseur kostet mein fescher Weihnachtshaarschnitt schon vor dem Fest 10 Prozent mehr, mein Neujahrsbier an der Bar meines Vertrauens war gewöhnungsbedürftig preisintensiv und auch die Taxifahrt nach Hause kostete plötzlich mehr als den üblichen Zehner. Ein Gespenst geht um in Leipzig. Ein Gespenst der plötzlichen Preissteigerungen: Der Mindestlohn ist in der Stadt.

Aber der Reihe nach:
Liest man die Statements mancher Unternehmer/-innen, so könnte man meinen, es wäre gerade eine kriegslüsterne Armee aus Waldelben in die Stadt einmarschiert und nicht bloß eine längst überfällige, humane Lohnuntergrenze eingeführt worden. Da spricht man von „erzwungenen Preiserhöhungen“, spricht vom möglichen „Niedergang ganzer Gewerbe“ und erwartet sogar noch Mitleid dafür, dass man so tut, als hätte der Mindestlohn in Nachbarländern irgendetwas verschlechtert. Wenn bspw. Gastronomen ihre Bierpreise um 20 Prozent erhöhen, Öffnungs- und Küchenzeiten verkürzen und dies alles mit der Einführung des Mindestlohns begründen, dann zeigt es für mich eher, dass man bis dato leider kein Problem mit der Ironie hatte, Menschen Vollzeit für 800 Euro netto Fair-trade-Kaffee zapfen zu lassen.

Natürlich ist der Mindestlohn gut. Klar, auch ich zahle am liebsten überhaupt nichts für mein Bier, aber noch lieber mag ich es, wenn sich der Mann hinterm Tresen ab und zu auch eins leisten kann. 80 Prozent des Vermögens in Deutschland liegt auf den Konten von 20 Prozent der Bevölkerung (siehe). Wenn ich mich zurückerinnere an die Verzweiflung einiger Freunde, die beim Berufseinstieg hier in der Stadt teilweise entweder die aberwitzigsten Löhne oder aber so Dinge wie „Sie haben zwar studiert, aber wir würden Sie trotzdem gern als Azubi einstellen“ angeboten bekamen, dann hoffe ich, dass der Mindestlohn hier Einiges aufwirbelt. Und das, obwohl er wirklich noch nicht einmal krass ist. Wenn es nach mir ginge, dann dürfte er schon jetzt komplett branchenübergreifend sein und dazu gleich Praktika, Ausbildungen und Langzeitarbeitslose mit einschließen. Ach, wenn es nach mir ginge, dann gäbe es sowieso schon längst ein Grundeinkommen, den Warp-Antrieb und die Vereinigte Förderation der Planeten

Denn richtig problematisch wird es, wenn sich sogar Arbeitnehmer/-innen darüber beschweren, dass plötzlich mehr gezahlt werden muss, weil ihnen die angebliche Heiligkeit der Arbeit und die Fragilität ihres Arbeitsplatzes schon so sehr eingeimpft wurden, dass sie eher freiwillig weniger verdienen, als eine Mindestvergütung zu fordern, mit der sie zumindest etwas deutlicher überm Hartz IV liegen. Klar ist es schlimm, wenn Unternehmer/-innen Arbeitsplätze streichen müssen, weil Ihnen ein Mindestlohn nicht erlaubt, zwei schlecht bezahlte statt einer/s mindestentlohnten Arbeitnehmer/-in zu beschäftigen. Nur sollte man an dieser Stelle nicht den/die Unternehmer/-in in Schutz nehmen. Wenn ich schon lese, dass Werbezettel-Firmen versucht haben, Verträge mit minderjährigen Angehörigen statt den erwachsenen Austrägern abzuschließen, um so den Mindestlohn zu umgehen, na dann Prost Mahlzeit.

Denn selbst vom Mindestlohn bleiben einem bei 40 Stunden pro Woche als Single rund 1.050 Euro, was immer noch 100 Euro unter dem ohnehin niedrigen Leipziger Durchschnittseinkommen von 1.152 Euro im Jahr 2013 (zum Vergleich: Dresden, 1.356 Euro) liegt. Wenn davon rund 500 Euro für Wohnung, Nebenkosten, Internet (sehr wichtig!), Versicherung usw. weggehen, dann sind das 50 Prozent des Nettomonatseinkommens nur zum Wohnen und Gesundsein. Gegessen hat davon noch niemand.

Bei Spiegel Online gab es im Sommer ein tolles Schaubild. Es illustrierte, in welchen Innenstadtgebieten man vom Mindestlohn als Single, Alleinerziehende/r oder Paar mit zwei Kindern in ausgewählten Großstädten noch Wohnraum bezahlen kann. Das Ergebnis: In München geht selbst mit 50 Prozent des Nettomonatseinkommens gar nichts mehr, in Frankfurt reichen sie gerade so und in Hamburg wird es unter 40 Prozent auch nichts. Nur Berlin funktioniert dann noch halbwegs gut, aber auch das wird sich ändern. Dass es in Leipzig jetzt noch klappt, heißt jedoch nicht, dass man stolz darauf sein soll, dass man bis vor fünf Tagen mitunter noch richtig mies bezahlt wurde.

Der Kabarettist Volker Pispers hat schon 2010 gesagt: Wer gegen den Mindestlohn ist, ist ein Schwein.
Alles andere wäre auch irgendwie gelogen.

Über den Autor:

André war letztens in Luxemburg. Der Mindestlohn dort ist mit 11,10 Euro so hoch wie nirgendwo in Europa. Komischerweise herrschte dort überhaupt kein Chaos.

Kommentare

Nutzerbild von SteveSteve kommentierte

Euro = Stunden?

Da hat sich wohl ein kleiner Tippfehler eingeschlichen? "Denn selbst vom Mindestlohn bleiben einem bei 40 Euro pro Stunde als Single rund 1.050 Euro" - Die Euro sind bestimmt Stunden, oder? :)

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Nutzerbild von AndréAndré kommentierte

Upsi

Danke dir, wird geändert!

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Nutzerbild von SophieSophie kommentierte

Vorletzter Absatz

"In München geht selbst mit 50 Prozent gar nichts mehr, in Frankfurt reichen sie gerade so und in Hamburg wird es unter 40 Prozent auch nichts." Habe gerade auf dem Schaubild nachgesehen: gemeint sind 50 bzw. 40% des Nettoeinkommens. Vielleicht kann man das im Text noch ergänzen, beim ersten Mal Lesen habe ich es nicht verstanden. Ansonsten: schöner Text, kann ich nur voll zustimmen.

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André Herrmann kommentierte

Auch das ...

... steht jetzt drin.

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Nutzerbild von KnutowskieKnutowskie kommentierte

Pizza für 11€ und der Mindestlohn.

Da habe ich doch letztens, vor dem Jahreswechsel, mal eine Pizza bestellt und sollte dafür rund 11€ bezahlen. Sicher, es war spät und er einzige Lieferdienst der noch lieferte war eben teuer. Aber als ich den Fahrer fragte, warum das so viel mehr kostet, als bei der Konkurrenz, sagte er, dass es am Mindestlohn liegen würde. Warum bekomme ich dann bei vielen Lieferanten die Pizza immer noch für 7€? Und dann ist die auch noch leckerer? Worauf ich hinaus will: "Wir mussten die Preise erhöhen, wegen Mindestlohn" kann auch super als DIE Ausrede genommen werden, wenn man unerhört hohe Preise fordern möchte. Der einzige, der dann etwas vom Mindestlohn hat, ist der Staat. Sicher bekommt man mehr Geld, wenn man Glück hat und man nicht irgendwo durch das Raster fällt. Bezahlen müssen dennoch alle mehr. Und dann fallen immer noch die gleichen Steuern an. Schön, wie das so alles verpackt ist. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie im Artikel schon angesprochen, wäre hier die einzige Lösung.

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André Herrmann kommentierte

Stimmt

Die bloße Preiserhöhung mit dem Hinweis auf den Mindestlohn ist sehr problematisch, das gebe ich zu. Hab ich aber rausgelassen, weil man darüber praktisch einen eigenen Text schreiben kann. Zumal niemand das kontrollieren kann. Ich hoffe zumindest, dass es wenig Schieberei in puncto genereller Zahlung des Mindestlohns gibt. Aber nochmal zu höheren Preisen: Wenn es dieses tolle Selbstregulieren des Marktes tatsächlich gibt, dann wird es auch bald Leute geben, die die Preise wieder senken. Bzw. werden womöglich viel weniger 11-Euro-Pizzas bestellt, sodass es sich irgendwo zwischen 7 und 11 einpendeln wird. Wir erleben jetzt eben ein neues Ausfechten vieler Preise. So würde es vermutlich jemand mit Anzug erklären :)

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