50.000 Kilometer: irgendwie, irgendwo, irgendwann

Sebastian hat Cello studiert. Er könnte Musiklehrer sein. Stattdessen spielt der Leipziger bundesweit in Fußgängerzonen. Jetzt will er mit Eurer Hilfe den nächsten Schritt wagen.

Hinter den Häuserzeilen, an einer Schafherde vorbei, ganz tief im Osten. Dort, wo Leipzig mehr Nest als Stadt ist, wohnt Sebastian.

E wie Endstation, E wie Engelsdorf. Unter dem Dach seines Elternhauses haben es sich er, seine Frau und die kleine Tochter, die noch sehr wackelig auf den Beinen ist, gemütlich gemacht. Helle Holzdielen, weiße Dachschrägen und an den Wänden Fotos einer glücklichen Familie. Engelsdorf? Ach was, Engelsnest.

An diesem Sonntagabend ist der Papa nicht ausgeflogen, sondern zu Hause. Oft aber steuert er am Wochenende mit dem weißen Kleinbus vor dem Haus durch die gesamte Republik. Immer im Gepäck hat er seine Band und sein Instrument. Sebastian spielt Cello bei Stilbruch. Sogar über die Alpen nach Italien ist das Trio schon gebraust, um dort bei Festivals auf der Bühne zu stehen. Ja, Sebastian lebt einen Traum – er lebt von der Musik.

In seiner Familie hat die schon immer eine große Rolle gespielt. Drei Söhne, drei Versuche: Die Eltern wollen alle für ein klassisches Instrument begeistern. Der Älteste lernt Klavier, der Mittlere Geige. Beide lassen irgendwann aber davon ab. Nesthäkchen Sebastian ist dem Cello bis heute treu geblieben. Doch statt Klassik mit seinen beiden Brüdern spielt der Engelsdorfer nun Rock.

Mit dem Cello? Klar doch, darum ja auch der bezeichnende Bandname Stilbruch. Gemeinsam mit Geiger Friedemann und Schlagzeuger Gunnar machen die drei Musiker Rock mit klassischen Instrumenten. Das kommt an. In Dresden füllen sie schon mal den Schlachthof. Und wenn sie nach ihren Auftritten in Fußgängerzonen das Kleingeld zusammenrechnen, kommen schnell einige Hundert Euro zusammen.

Aber funktioniert das alles auch noch in zehn Jahren? Zäh sind die Jungs. Trotz Minusgraden spielen sie oft unter freiem Himmel. „Unser Rekord liegt bei minus 14 Grad vor der Frauenkirche in Dresden“, sagt Sebastian. Das werde einem natürlich vom Publikum gedankt. Gerade auf Weihnachtsmärkten, wenn das Geld lockerer sitzt.

Aber im Alter noch frieren? Das will niemand. Darum möchten die drei nun den nächsten Schritt wagen. Oder ist es ein Sprung? Im Internet sammeln sie Geld und Hörer für eine neue CD. Dafür müssen mindestens 20.000 Euro zusammenkommen. Aber eigentlich hoffen sie auf mehr. Denn wenn sie gar 30.000 Euro einsammeln, winkt ein Plattenvertrag und somit mehr mediale Unterstützung.

Stilbruch im Radio? Sebastian hätte nichts dagegen. Schülern Taktgefühl vermitteln, das kann er auch später noch als Musiklehrer. Jetzt, mit Anfang 30, ist vielleicht die letzte Chance, nach den Sternen zu greifen. Denn für die 120 Konzerte im Jahr, die sie derzeit spielen, sind sie dankbar. Die Touren verlangen ihnen aber auch viel ab. Jedes Jahr schraubt sich der Kilometerzähler des Kleinbusses 50.000 Kilometer in die Höhe.

Papa was a rolling stone? Nein, beteuert Sebastian, so schlimm ist das nun auch wieder nicht. An der rechten Hand glänzt der Ehering. Familie und ein Musikerleben lassen sich sehr wohl sehr gut miteinander vereinbaren. Denn wer habe schon – wie er – die Zeit, unter der Woche ganz für seine kleine Tochter da zu sein? Die nahe Autobahn bringt ihn zudem schnell wieder nach Hause. Das schätzt Sebastian auch am abgelegenen Engelsdorf. Der Nahverkehr ist zwar relativ fern, dafür der Fernverkehr nah. Klingt paradox. Ihm, der so viel in andere Städte reist, hilft es aber. Und noch etwas spricht für das kleine Nest am Stadtrand. Oma! Bei ihr ist die Tochter gut aufgehoben, wenn Mama und Papa mal Zeit für sich haben wollen.

Sebastians Mutter ist übrigens echter Engelsdorfer Adel. Na ja, das stimmt so nicht ganz. Aber zumindest ist sie auf dem ehemaligen Gut des Dorfes geboren, während  Sebastians Papa ein echtes Kind der Eisenbahnstraße war. Leipzig ist alte und neue Heimat für seinen Sohn. Auch studiert hätte der gerne in der Musik- und Messestadt. Doch er scheitert damals an der Aufnahmeprüfung. Dass er nach glücklichen Jahren an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden nun doch wieder nach Leipzig zurückgekehrt ist, verdankt er auch seiner Frau. Die studierte Tiermedizinerin hat hier einen Job gefunden. „In unserer Band entscheiden die Frauen über den Wohnort“, erzählt Sebastian mit einem Lächeln. Die Damen arbeiten schließlich unter der Woche, nicht irgendwie, irgendwo, irgendwann.

Diese Freiheit, einfach die Tür hinter sich zuzumachen und zum nächsten Konzert zu fahren, das sei schon toll, meint Sebastian. Trotzdem kann er sich nicht vorstellen, mit 50 Jahren noch in Fußgängerzonen zu stehen, in der Hoffnung, dass sich der Geigenkoffer mit Kleingeld füllt. Ein Musiker ist Selbstständiger, das bedeutet er arbeitet auch selbst und ständig.

„Was, wenn ich mir mal den Arm breche?“, fragt Sebastian. Dann verdienen alle drei Mitglieder der Band auf einen Schlag für Wochen kein Geld mehr. Dabei haben alle mittlerweile eigene Familien. Jeder im Trio ist in den vergangenen Monaten Papa einer Tochter geworden.

Vielleicht macht das ernster. In jedem Fall wird es nun ernst für das Trio. Ein Plattenvertrag könnte noch einmal neue Türen öffnen. Sebastian schwärmt von der Erfahrung und den Referenzen der Labelgründer.

Doch noch ist das Wunschmusik. Schon 20.000 Euro sind viel Geld. Man bleibe dank der beim ersten Album "Alles kann passieren" gesammelten Erfahrungen zwar deutlich unter den damaligen Kosten, rechnet Sebastian vor. Kostspielig ist die Produktion dennoch. Es werden eben nicht nur Samples hin und her geschoben, sondern mehrere Instrumente eingespielt. Ein Streichquartett soll das Trio zusätzlich begleiten. Eine zeitlose Aufnahme erfordert Geduld.

Live, könne man mit Stimmung sehr viel ausgleichen, meint Sebastian. Der eine, einen Hauch zu tief gesungene, Ton wird bei Minusgraden verziehen. Eine CD aber, die immer wieder gehört wird, soll ohne Fehler auskommen. Da mögen es die Rocker dann doch ganz klassisch perfekt.

Ihr & Wir heißt die neue Rubrik auf Weltnest. Darin stellen wir Leipziger mit Ideen, Träumen und Wünschen vor, die Unterstützer suchen. Du kennst jemanden, der unsere und Eure Aufmerksamkeit verdient hat.

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Über den Autor:

Alex glaubt, dass Stefan Sebastian der perfekte Schwiegersohn ist. Weshalb? Weil der Schwiegervater Musiker im Leipziger Gewandhaus ist.

Kommentare

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Lieber Alex

Sebastian! Er heißt Sebastian!

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Nutzerbild von Kempf AlexanderAlexander Kempf kommentierte

Bitte um Erläuterung

Lieber anonymer Leser, ich bin bemüht, diesen knappen Hinweis zu verstehen. Hat sich ein Rechtschreibfehler in den Text geschlichen? Oder taucht Dir der Name Sebastian zu oft auf? Danke für eine Erläuterung. Man lernt nie aus. Herzlichst, Alexander.

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Nutzerbild von EvaEva kommentierte

Sebastian

Ich vermute, es geht um den kleinen, gelben Kasten! Habe mich auch kurz gefragt, wer dieser Stefan sein soll.

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Nutzerbild von Kempf AlexanderAlexander Kempf kommentierte

Danke, Eva

Manchmal ist man betriebsblind. Nicht gesehen. Wird sofort geändert. Danke für den Hinweis. Herzlichst, Alexander.

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Martin Meißner kommentierte auf Facebook

Die Bilder sind tatsächlichh ganz gut geworden.

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Nutzerbild von SandraSandra kommentierte

großartige Band!!!

...übrigens habe ich Sie neben unzähligen Auftritten in der Fußgängerzone oder auch mal in der MB, auch schon im Radio bei Apollo gehört ;-)

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