| André Herrmann

Unterwegs in JWD (Janz weit draußen): Der Skandal von Burghausen

Ob im Westen, im Süden oder im Osten - Leipzig wird in. Wo kann man noch hinziehen, ohne aufzufallen, weil man keinen Fjällräven-Rucksack trägt? Wo ist Leipzig noch wirklich ungemütlich? André hat sich einmal in Burghausen umgesehen.

 

Manchmal sagen Schilderkombinationen eigentlich schon alles über einen Ort.

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da musste man in meinem Stadtteil noch echte Pionierarbeit leisten. Wenn man heute zehn Minuten an der Straßenbahnhaltestelle warten muss, begegnen einem neun Kinderwägen (vier davon vintage), sechszehn Kinder, vier Frenchies (aka französische Bulldoggen) sowie Unmengen an Funktionsjacken.

Höchste Zeit also, sich endlich nach einem neuen Stadtteil umzusehen. Nach Liebertwolkwitz und Knautnaundorf probiere ich deshalb Burghausen.

Sie sehen: Schon am Ortseingang präsentiert sich Burghausen mehr als einladend. Schlagartig endet die Asphaltierung und selbst das Kopfsteinpflaster scheint ganz von selbst einen Bogen um das Örtchen machen zu wollen, so als sei es keinen Besuch wert.

Dabei ist Burghausen, das ganz weit im Nordwesten der Stadt, genau über Rücksmarsdorf, unter Gundorf und links neben Böhlitz-Ehrenberg liegt, ein sehr interessantes Fleckchen Erde.

Man vermutet es nicht, aber die Geschichte Burghausens ist ein absoluter Krimi. Bis 1993 war Burghausen eine eigenständige Gemeinde und es passierte eigentlich nicht viel. Danach schloss es sich mit Rückmarsdorf und Dölzig zur Gemeinde Bienitz zusammen, benannt nach einem kleinen Huckel in der Mitte der drei Örtchen. Doch die sächsische Landesregierung fand das überhaupt nicht cool und verfügte, den Zusammenschluss wieder aufzulösen. Seither gehört Dölzig zu Schkeuditz (haha), während Rückmarsdorf und Burghausen nach Leipzig zwangseingemeindet wurden. Ein Fakt, der bis heute hart an der Identität der Burghausener BewohnerInnen nagt.

Sie merken: Seit 15 Jahren rumort es unter den weniger als 2000 Burghausenern. Noch sind die riots ausgeblieben, aber es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, ehe hier die ersten Mollis fliegen. Zum Beispiel wegen dieses Hauses. Die Stadt Leipzig versucht derzeit, diese Top-Immobilie an ausländische Investoren zu verscherbeln. Nach der Zustimmung der Burghausener wird dabei nicht gefragt. Eine Beteiligung am Verkaufserlös gibt es nicht.

Kein Witz: In Burghausen überlegt man neuerdings laut, ob man nicht versuchen solle, die Zwangseingemeindung rückgängig zu machen. Ich für meinen Teil kann das vollkommen nachvollziehen. Seit es LEGIDA gibt, überlege ich auch, wie ich unser Wohnhaus aus Leipzig ausgliedern kann. Bliebe nur jene Frage, die gerade bei Nazis immer so nervig ist: „Raus ja, aber wohin?“

Falls Sie jetzt glauben, Burghausen wäre ein Leerstandsparadies, so irren Sie: Das hier ist zum Beispiel Leipzigs größtes Dialysezentrum, bam! Hier pulsiert das Leben beziehungsweise das Blut. Allerdings wäre es im Falle einer erfolgreichen Ausgemeindung einfach nur noch Burghausens größtes Dialysezentrum. Und das ist gar nicht mal so krass, denn es gibt ja nur dieses eine.

Was einen sonst noch in Burghausen erwartet: Eigenheim-Mania deluxe mit allem, was dazu gehört. Fast alle Autos sind Kombis, Minivans oder Jeeps. Gefahren werden sie von älteren Herren (Durchschnittsalter in Burghausen: 49 Jahre) und Frauen mit frechen Kurzhaarschnitten. Außerhalb ihrer Autos trifft man Menschen ausschließlich rund um dem Friedhof oder am Löwen-Center, Leipzigs zweitgrößtem Einkaufszentrum. An ihrem Schlüsselbund hängt fast immer so ein neckisches Stofftier, das man von 12-jährigen Mädchen oder Lehramtsstudenten geschenkt bekommt und dann heimlich „verliert“, weil es unglaublich kacke aussieht. Kinder sieht man nur am Sportplatz, wie sie Jahr um Jahr einen Ball eine Wand schießen, bis sie endlich alt genug sind, um wegzuziehen.

Ein absolutes Plus in Burghausen ist natürlich der nicht fertig gestellte Saale-Leipzig-Kanal. Man denkt immer, dass aus Richtung Halle eigentlich nichts Gutes kommen könnte, aber das Gebiet rund um den Kanal ist wirklich zauberhaft.

Fun fact: Von 1933 bis 1943 versuchte man nämlich, die Saale direkt mit dem Lindenauer Hafen und diesen wiederum über den Karl-Heine-Kanal mit der Weißen Elster zu verbinden. Hat nur nicht geklappt, war ja Krieg und alles auch voll teuer. Zurück blieb ein bis heute sinnloser, aber immerhin sehr schöner Wasserweg. Und dabei wird es vorerst auch bleiben. Zwar ist seit letztem Donnerstag der Lindenauer Hafen mit dem Karl-Heine-Kanal verbunden, dafür aber der Saale-Leipzig-Kanal noch immer nicht mit dem Lindenauer Hafen. Doch es gibt Hoffnung: Ab 2017 soll auch diese Verbindung hergestellt werden. Ob Leipzig dann zur Hafenstadt wird und am Lindenauer Hafen eine Saale-Philharmonie bauen wird, davon lasse ich mich überraschen.

Wäre ich fies, würde ich sagen: Die beliebteste Attraktion in Burghausen ist die Straße in Richtung Leipziger Innenstadt. Aber das wäre gelogen, denn in Wirklichkeit ist es natürlich die Straße zum Löwen-Center (verheißungsvoll links ganz hinten am Horizont), diesem Konsumtempel genau an der Grenze zu Rückmarsdorf (dieses Dorf, durch das man fährt, wenn man zu IKEA will). Man könnte sich jetzt über die Konsumorientiertheit aufregen, aber was will man denn machen, wenn es im Ort nichts gibt außer zwei Ärzten, einem Zahnarzt, zwei Malern und einer Sportplatzkneipe?

Ein maßgeblicher Aufreger in Burghausen ist übrigens genau dieser unbeleuchtete Radweg. Wenn man den Gerüchten glauben darf, dann stürzen hier regelmäßig Omas, vollbepackt mit tollen Sachen, die das Leben schöner machen (sorry für den Ohrwurm), weil die Stadt sich zu fein ist, mal eine Beleuchtung zu installieren.

Mal ehrlich: Stellen Sie sich die Schlagzeile vor: 1.700-Seelen-Gemeinde tritt aus Leipzig aus, weil ihr die große Stadt zu mainstream geworden ist. Allein deshalb bin ich schon Fan von der Ausgliederungsidee. Darüber hinaus werde ich aber vermutlich trotzdem nicht nach Burghausen ziehen. Der Grund ist ein ganz einfacher: Es fehlt ein Dönermann. Und ich habe nicht umsonst sieben Jahre lang gekämpft, bis sich in meiner hood ein Dönermann niederließ, um das vorschnell wieder aufzugeben.

Alles andere wäre auch wirklich schade.

Über den Autor:

André wird weitersuchen. So lange, bis er endlich einen Ort gefunden hat, der das perfekte Verhältnis aus schon vorhandener Hipness und noch zu leistender Pionierarbeit vorzuweisen hat.

Kommentare

Rebekka Honeit kommentierte auf Facebook

Bloß gut, dass ich einen Fjällräven-Rucksack habe

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Roberto Karthe kommentierte auf Facebook

André, im LöwenCenter gibts einen Dönerladen. :-)

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André Herrmann kommentierte

Das ist ja ...

... aber auch übelst weit weg.

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Nutzerbild von NadineNadine kommentierte

schlecht recherchiert

Burghausen hat noch mehr zu bieten. Z.B. einen Bäcker, einen Frisör und eine Feuerwehr. Und den Döner findet man im Löwencenter

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André Herrmann kommentierte

Ich geb's zu ...

... Burghausen verdient doch einen eigenen Lonely Planet.

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Weltnest Redaktion kommentierte auf Facebook

Danke für den Tipp, Roberto Karthe. Herr Herrmann war am Sonntag auf Expedition. Womöglich sind die Türen des Centers da geschlossen gewesen. Alex, Team Weltnest.

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