| Alexander Kempf

Coworking Space in Leipzig: Basislager für Gründer und Startups

Im Vergleich zu anderen Städten ist Leipzig bisher nicht als Gründer-Hochburg aufgefallen. André Nikolski will bessere Bedingungen für Startups schaffen. Er vertraut auf vielversprechende Zahlen und einen großen Konzern im Rücken.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott bekanntlich nicht zu sorgen. Als publik wird, dass im Leipziger Peterssteinweg ein Coworking Space namens Basislager eröffnet wird, twittert FDP-Mann Oliver Dorausch: „Wenn die Redaktion schrumpft, muss man Büroflächen halt anders monetarisieren…“

Der Peterssteinweg in Leipzig ist seit vielen Jahren das Zuhause der Leipziger Volkszeitung. Die einst stolze Tochter des Medienkonzerns Madsack hat jedoch jüngst mehrere Stellen abgebaut. Ihre Mitarbeiterzahl sinkt genau wie ihre Auflage. Um Geld zu sparen, leistet sich Papa Madsack zum Beispiel nicht mehr eine Vielzahl von Politik-Redaktionen für seine Regionalzeitungen, sondern eine zentrale in Hannover. Leipzig arbeitet nun nur noch zu.

Nach dem Rotstift wird jetzt im Peterssteinweg aber offensichtlich in neue Wege investiert. Ein Coworking Space passt da perfekt in die Zeit. Werden doch gerade in der Medienbranche Festanstellungen immer seltener. Warum noch ein ganzes Büro mieten, wenn es doch auch ein einzelner Schreibtisch tut? Der Selbstständige braucht schließlich nur einen Platz und Zugang zu mobilem Internet, schon ist er online wie offline mit anderen vernetzt.

Das Basislager bietet einen „Fixed-“ und einen „Flex-Desk“, sagt Leiter André Nikolski. Der mobile Macher von heute hat also die Wahl, ob er am nächsten Tag wieder am gleichen Schreibtisch sitzen und sich so das Aufräumen sparen möchte oder täglich umzieht? Ganz so einfach ist es nicht. Wer flexibel ist, spart zwar jeden Monat 50 Euro, darf dafür aber nur von 9 bis 18 Uhr arbeiten und hat begrenzten Zugang zu Meeting- und Schulungsräumen. Für 150 Euro wird der Unternehmer schließlich stolzes Schlüsselkind, kann rund um die Uhr ran und erhält neben einem eigenen Tisch auch ein eigenes Postfach.

Die Preise spricht André Nikolski noch Deutsch aus. Oft aber flechtet er unbewusst englische Begriffe in seine Sätze ein, spricht dann von Accelerator, Bootcamp oder Venture Capital. Das sei kein böser Wille, erklärt der 29-Jährige auf Nachfrage. Doch Berlin, wo er zuvor gearbeitet hat, sei nun mal sehr international. Gründer und Startups aus der ganzen Welt lieben die deutsche Hauptstadt. Wie ein Magnet ziehe sie kreative Köpfe an. „Im Vergleich zu London und Paris holt die Stadt unglaublich schnell auf. Wie bei den Mieten leider auch“, stellt André Nikolski fest.

Das merken auch die Leipziger. Pro Jahr ziehen bereits Tausende von der Spree an der Pleiße. Darunter sind viele Freigeister. Folgen als nächstes die Firmengründer? Jein. Berlin sei für Start Ups ein europäisches Zentrum, meint André Nikolski. „Leipzig ist davon noch ganz weit entfernt und wird auch nie aufschließen.“

Aber er wäre wohl nicht nach Leipzig gekommen, wenn er nicht von der Dynamik und dem Potential der Stadt überzeugt wäre. André Nikolski verlässt sich dabei nicht nur auf sein Bauchgefühl. Auch auf dem Papier passt vieles.

Leipzig verzeichne einen großen Zuwachs an Menschen im Alter von 20 bis 30 Jahren.

In keiner anderen deutschen Stadt seien zuletzt so viele sozialversicherungspflichtige Jobs neu entstanden.

Es gibt zudem viele Studenten in Leipzig und eine sehr hohe Akademikerquote.

Verkehrstechnisch ist die Stadt ohnehin sehr gut angebunden

Hinzu kommen die günstigen Mieten, die wie alle anderen Faktoren bei der Gründung eines Unternehmens wichtig sind.

Nicht mal in den Berliner „outskirts“ fände man so günstige Mieten wie in Leipzig, berichtet André Nikolski. Zugleich liege die Stadt nur knapp über eine Stunde Zugfahrt von Berlin entfernt. „Für ein Startup, das sich an Berlin orientieren will, ist Leipzig nicht schlechter als Spandau“, meint der Fachmann. Zumal die Stadt eigentlich für viel mehr Menschen ausgelegt sei. Dieses Schicksal teile sie übrigens mit Berlin in den Neunzigern.

Also doch das bessere Berlin? Werden aus Freiräumen irgendwann Filetstücke und folgen auf Freigeister bald Finanzinvestoren?

André Nikolskis erklärtes Ziel ist es, Leipzig für Gründer attraktiver zu machen. Das beginnt im Basislager. Sofas und Tischtennisplatte sind schon da, perspektivisch könnte im Erdgeschoss im Peterssteinweg 14 eine Bar für „das Bier nach dem Workshop“ entstehen. Der Coworking Space soll schließlich Gründer und Geldgeber zusammenführen. Derzeit belegt das Projekt zwei Etagen, in denen sich zuvor ein Callcenter befand. Falls die Online-Redaktion der Leipziger Volkszeitung irgendwann auf die andere Straßenseite umzieht, könnten im Basislager eines Tages bis zu einhundert Gründer arbeiten, kalkuliert der Leiter. Es wäre dann das größte seiner Art in Leipzig.

Muss sich die Konkurrenz fürchten? André Nikolski glaubt das nicht. Bemessen an den Einwohnern sei die Zahl der Leipziger Coworking Spaces im Vergleich zu Berlin oder Köln „unglaublich unterrepräsentiert“. Konkurrenz belebt in seinen Augen eher das Geschäft. „Wenn man das Angebot vergrößert, tut man etwas für das Ökosystem“, ist er überzeugt.

Und in Sachen Infrastruktur sieht der der junge Mann noch einigen Nachholbedarf in Leipzig. Woran fehlt es seiner Meinung nach?

Zuerst ist da der Stellenwert von „Entrepreneurship“. In Berlin stehen Gründer mehr im Fokus, meint André Nikolski. In Leipzig vermisst er noch wahrnehmbare Erfolgsgeschichten, die Vorbildfunktion haben. „Es fehlt an Leuten, die in Startups beschäftigt sind. Es fehlt an Events bei den Gründern über ihre Erfolge und Misserfolge sprechen und Erfahrungen austauschen“, stellt er fest.

Zugleich sei die Stadt noch nicht international genug. Wer in Leipzig Englisch spricht, riskiere komische Blicke. „Dabei gründest Du heute nicht mehr nur für den deutschen Mark“, sagt der Leiter des Basislagers.

 

Leipzig fehlt Internationalität.

Du gründest heute nicht mehr

nur für den deutschen Markt.

-André-

 

Sie wollen hoch hinaus im Peterssteinweg. Es soll verschiedene Workshops geben. André Nikolski möchte mit seinen Kontakten zudem aktiv dazu beitragen, dass sich die Leipziger Gründerszene stärker vernetzt. „Wir versuchen hier das richtige Umfeld zu schaffen“, sagt er. Vielleicht gelingt es irgendwann sogar, das Haus um einen Accelerator oder Inkubator zu erweitern. Was sich hinter diesen Begriffen verbirgt? Ein Beschleuniger will Jungunternehmern mit Mentoren und einem Experten-Netzwerk bei der Gründung zur Seite stehen, damit sie schnell auf die Beine kommen. Ein Inkubator, also Brutkasten, zielt auf ein längerfristiges Engagement von Investoren ab.

Zunächst muss aber das neue Baby von Madsack selbst auf die Beine kommen. Mit dem Spinlab, hat jüngst die Leipziger Handelshochschule einen Accelerator gemeinsam mit der Baumwollspinnerei auf den Weg gebracht. Da tut sich also was in Leipzig. Dass sich beide Projekte gegenseitig im Weg stehen, glaubt André Nikolski nicht. „Es wird ein Trend in Richtung Startups und Coworking geben“, prophezeit er. In Leipzig ist noch viel Platz für neue Ideen.

Auch privat geht André Nikolski unkonventionelle Wege. Er wohnt in der Ost-Apotheke und ist so Teil eines kreativen Kollektivs, das in der Wurzener Straße in Reudnitz ein ehemals leer stehendes Gründerzeithaus neu belebt. Ohnehin ist er begeistert, wie viele spannende soziale Projekte es in der Stadt gibt. Ganz gleich ob jemand nun umweltfreundliche Lastenräder baut oder ein alternatives Wohnprojekt startet.

Da er lange in Berlin gelebt hat und dort noch immer der Großteil seiner Freunde sind, bleibt Leipzig für André Nikolski zunächst ein Kompromiss. Aber einer, der sich gut anfühlt. Eine Sache gefalle ihm sogar besser als in seiner alten Heimat. Die Berliner Gründerszene fühle sich manchmal wie eine Blase an. Es gebe viel Hype, hat er festgestellt. „Leipzig ist nicht so aufgeblasen.“

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Über den Autor:

Alex kennt einige junge Menschen, die nach dem Studium Leipzig verlassen haben, um Arbeit zu finden. Er freut sich, wenn die Zahl der Firmengründungen steigen und mehr Menschen Mut zum Risiko haben.

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