| André Herrmann

Leipzigs integrativer Westen: Fixie, Fair trade, Flüchtlinge

Seit Jahren kämpft man in Leipzig für die konsequent dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen und insbesondere die Schließung der desolaten Gemeinschaftsunterkunft in der Torgauer Straße. Diese soll nun jedoch sogar vergrößert werden. Dabei zeigt sich gerade der Leipziger Westen mit offenen Armen.

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da lebte ich im Wohnheim. Ich residierte zwischen einem rustikalen Maschinenbauer, der jeden zweiten Abend betrunken die Gemeinschaftsküche nach Süßwaren durchwühlte und einem Japanologiestudenten, den ich nie zu Gesicht bekam, wahrscheinlich, weil er gerade für seinen Abschluss als Ninja lernte. Es war mehr so geht so und schon nach einem halben Jahr zog ich wieder aus und begann, wieder Freude am Leben zu haben.

Was für mich ziemlich einfach ging, ist für die in Leipzig lebenden Flüchtlinge ein nahezu unüberbrückbares Hindernis. Noch immer leben 44% der Flüchtlinge in Leipzig in Gemeinschaftsunterkünften, wie jener gruseligen in der Torgauer Straße, die hauptsächlich für ihren desolaten Zustände bekannt ist.

Leipzig schrieb sich im Jahr 2012 nach jahrelangem Drängen auf die Fahne, die Flüchtlingsunterbringung maßgeblich dezentral zu organisieren. Das war sehr löblich, aber auch selbstverständlich. Nichtsdestotrotz explodierten kurz darauf die Flüchtlingszahlen und schwupps war beispielsweise von der zuvor verbrieften Schließung der Torgauer Straße keine Rede mehr. Schlimmer noch, die Unterkunft soll bei Zustimmung des Stadtrats Ende Februar 2015 sogar für knapp sechs Millionen Euro ausgebaut werden.

Zugegeben, es wäre ein wenig unfair, die Stadtverwaltung jetzt mit Hass zu überhäufen, denn immerhin hat sie keinen Einfluss darauf, dass allein im Jahr 2014 zu den 1.700 bis dato in Leipzig lebenden Flüchtlingen noch rund 1.300 hinzukamen. Auch bin ich zu müde, mich über die nebulösen Ängste der besorgten Leipziger BürgerInnen zu echauffieren. Und weil am Samstag gerade Valentinstag war, hier ein kurzer Liebesbrief:

 

Lieber Leipziger Westen,

seit langem giltst Du als Inbegriff der Leipziger Cool- und Hipness, auch wenn Dir Reudnitz gerade bei Ersterem den Rang abzulaufen scheint.

Sei’s drum: An dieser Stelle ein riesengroßes Küsschen für Deine neue Initiative namens „Willkommen im Kiez“, die sich ein Zusammenleben mit Flüchtlingen im Leipziger Westen wünscht. Was für ein grandioser Move, gerade jetzt, so kurz vor jener Stadtratssitzung, die über den Ausbau der Gemeinschaftsunterkunft in der Torgauer Straße entscheiden soll, damit um die Ecke zu kommen. Ich freue mich schon auf die Banner, quer über der Karl-Heine-, Zschocherschen und Georg-Schwarz-Straße: „Flüchtlings- statt Eigentumswohnungen“, „Integration statt Gentrification“ oder „Fixies, Fair trade, Flüchtlinge“.

Bitte trommele ganz laut für Dein Vorhaben, auf dass es tatsächlich gelingen mag, Wohnungen für Flüchtlinge im Kiez zu finden.

Daumen hoch für solch eine Werbung für Menschlichkeit, 

Dein Antreh

 

Aber noch einmal Butter bei die Fische:

Bis Mittwoch, den 25. Februar, sprich der nächsten Sitzung des Leipziger Stadtrates, kann man hier die Petition des Initiativkreises Menschen.Würdig. unterzeichnen, die sich für eine konsequente Umsetzung dezentraler Unterbringung in Leipzig einsetzt und zudem die Schließung der Unterkunft in der Torgauer Straße fordert. Machen wir uns nichts vor: Mit einer bloßen Unterschrift verändert man nicht direkt die Welt, aber immerhin artikuliert man sich erst einmal. Und warum nicht weitergehen und noch konkreter helfen? Wenn der Oberbürgermeister sich zu Gesprächen bereit erklärt, sobald man Alternativen aufzeigen kann, warum dann nicht solche suchen?

Nehmen wir uns ein Beispiel am Leipziger Westen:

Wer ein WG-Zimmer frei hat und ausnahmsweise mal nicht die übliche KuWi-Studentin aufnehmen will (ich darf mich darüber mokieren, ich hab das auch studiert), der meldet es einfach bei Flüchtlinge willkommen an und vielleicht redet man in der WG-Küche bald über Interessanteres als über die Kanonisierung westeuropäischer Operetten des ausgehenden 17. Jahrhunderts (keine Sorge, ich weiß, wovon ich spreche).

Wer bei sich im Haus eine freie Wohnung bemerkt, der fragt mal beim Vermieter/bei der Vermieterin, ob nicht Interesse daran besteht, diese von der Stadt als Unterbringung anmieten zu lassen.

Selbstredend darf man sich auch direkt beim Initiativkreis Menschen.Würdig. melden. Und ebenso darf man auch immer Briefe und Mails an die Fraktionen des Stadtrats schreiben. Das alles natürlich noch vor Mittwoch, dem 25. Februar.

Und bitte schreiben Sie jetzt nichts von wegen „Alles schön und gut, aber eben auch völlig utopisch“ in die Kommentare. Wer die Möglichkeiten der Politik nur am offensichtlich Erreichbaren bemisst, die/der macht eben auch kurzsichtige Politik. Politik ist dazu da, Realitäten zu schaffen. Sie formuliert ihre gesellschaftlichen Ziele nicht anhand ihrer möglichen Maßnahmen, sondern ergreift ihre Maßnahmen im Sinne eines gesellschaftlichen Ziels. 

Alles andere wäre auch wirklich schade.

Über den Autor:

Ja, André hat studiert. Sein Lieblingsseminar war „Sätze für die Ewigkeit I und II“.

Kommentare

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Was von wegen

Alles schön und gut, aber eben auch völlig utopisch.

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