| André Herrmann

Der Späti und das heilige Wegbier: Ab 22 Uhr könnte bald Schluss sein

Wir alle lieben Spätis für sonntägliche Lebensrettung, nächtliche Chipsattacken und ganz besonders für das Wegbier. Doch damit könnte bald Schluss sein. Die CDU-Fraktion des Bundestages überlegt, den Außer-Haus-Verkauf für Alkohol ab 22 Uhr zu verbieten. Eine Schnapsidee, findet André.

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da lernte ich die vielen Spätis in der Stadt sofort lieben. Spätis, das sind die überteuerten Lebensretter, die man erst so richtig zu schätzen weiß, wenn die Leute beim Supermarkt um 21:59 Uhr schon wieder abwinken, obwohl man doch nur noch schnell ein paar Chips kaufen will. Und ich bin mir sicher: Wir haben alle Spätis schätzen gelernt, wenn es wieder einmal hieß: „Oh kacke, es ist Sonntag und wir haben keine Milch mehr!“ oder „Waaah, es ist 23.30 Uhr und ICH! BRAUCHE! JETZT! CHIPS!“

Aber sind wir ehrlich: Nach 22 Uhr kauft man sowieso nur noch Wegbier, das heißt jenes Bier, das man trinkt, während man irgendwo hin geht, um Bier zu trinken. Und ich wette, dass Spätis ihr Geld nachts ausschließlich mit dem Verkauf von Bier verdienen. Und Chips vielleicht. Chips gehen eigentlich immer. Gerade in Verbindung mit Wegbier.

Doch wenn es nach der CDU-Fraktion im Bundestag geht, dann könnten die Einnahmen der Spätis dieser Welt ab 22 Uhr bald rapide einbrechen. Denn die fortschrittliche Partei, deren Wähler hauptsächlich dafür bekannt sind, noch nie einen Späti betreten zu haben, versucht sich gerade wieder in heldenhaftem Aktionismus was den Alkoholkonsum junger Menschen betrifft. Genauer: Man sinniert öffentlich darüber, den Außer-Haus-Verkauf von Alkoholika von 22 Uhr bis 5 Uhr zu verbieten. Eine klasse Idee!

Ich gebe zu, ich habe auch lange mit mir gehadert, aber Anfang letzten Jahres habe ich es mir tatsächlich eingestanden. Ja, ich bin total kurzsichtig. Aber ich habe mich überwunden und bin zum Optiker gegangen. Und seit ich meine hübsche Bankangestellten-Brille habe, kann ich beim Fußball sogar wieder sehen, wenn Tore fallen.
Zwar bin ich mir nicht sicher, ob eine Brille beim Ausmaß der CDU-Kurzsichtigkeit helfen kann, aber halten wir uns doch einmal mal kurz vor Augen (haha!), warum das mal wieder eine völlig verrückte Idee ist, auf die eben nur Menschen kommen können, die CDU wählen.

 

1. Warum darf man bis weit nach Mitternacht saufen, wenn der halbe Liter aus einem vergoldeten Zapfhahn kommt und 4 Euro kostet, nicht aber aus der guten alten Hülse oder, besser noch, der Dose?

2. Wieso sollte der Jugendschutz ausgerechnet in Kneipen, Restaurants und Bars besser funktionieren als im Späti? Glauben Sie mir, ich kenne Kneipen, in denen trinkt der Barmann jeden Shot mit und ist daraufhin ab der zehnten Runde so kurzsichtig, dass er beinahe CDU wählen würde.

3. Wieso versucht man nicht erstmal, den Jugendschutz konsequent durchzusetzen, statt gleich die viel größere Keule zu schwingen? Ich bin sicher, diese verdammten Jugendlichen, die immer nach 22 Uhr Bier im Späti kaufen, haben auch schon verdächtig oft Brot konsumiert. Warum verbieten wir kein Brot nach 22 Uhr?

 

Aber ich möchte nicht unfair sein. Immerhin gibt es bereits erfolgreiche Experimente mit Alkoholverkaufsverboten:

In Dresden gibt es seit 2007 eine Polizeiverordnung, die in der Äußeren Neustadt (also dem einzig coolen Teil der Stadt) von Freitag bis Sonntag zwischen 22 und 5 Uhr den Außer-Haus-Verkauf von Alkohol untersagt. Das Verbot funktioniert so dermaßen gut, dass um Punkt 21:59 Uhr nochmal alle kollektiv in die Supermärkte und Spätis rammeln, um kästenweise Bier auf die Straße zu schleppen, damit es auch ja für die bevorstehende Nacht reicht. Blinder Aktionismus made in Sachsen.

Auch im für seine übelste Coolness bekannten Bundesland Baden-Württemberg funktioniert das Verbot laut Tagesspiegel geradezu bestens:

 

„Dort gilt schon seit März 2010, was an der Spree noch erwogen wird: Zwischen 22 Uhr und 5 Uhr darf Alkohol nicht über den Verkaufstresen gehen. […] Nach einer Auswertung des Hamburger Centers for Health Economics und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ging die Zahl der in Kliniken gebrachten betrunkenen Jugendlichen in den vergangenen vier Jahren um rund sieben Prozent zurück.“

 

Na sehen Sie! Sieben Prozent! Das ist so viel wie beim Bockbier! Das Verbot wirkt also! Im Vergleich dazu Berlin:

 

„Die Zahl der Jugendlichen in Berlin, die mit Alkoholvergiftungen in Kliniken gebracht wurden, ging […] in den vergangenen drei Jahren um rund ein Viertel zurück.“

 

Nanu? Ich dachte, in Berlin gäbe gar kein Verkaufsverbot? Moment. Öh, tja, das ist jetzt schwierig zu erklären. Egal! Wir brauchen das Verbot!

Nein, natürlich ist das hier kein Plädoyer für Alkoholkonsum. Wenn es überhaupt ein Problem gibt, dann ist es jenes, dass Alkohol in Deutschland gesellschaftlich so sehr integriert ist, dass  man für verrückt gehalten wird, wenn man mal nichts, oder, schlimmer noch, überhaupt nicht trinkt. Dass man überall mit stapelweise Alkohol konfrontiert wird, man aber als halber Terrorist gilt, wenn man Zigaretten mit mehr als Tabak raucht. Wenn ein Alkoholverkaufsverbot wenigstens Karneval verhindern könnte, dann wäre ich dabei. Aber wer letzte Woche wieder diese schrecklichen Bilder aus Mainz gesehen hat, der/die weiß, dass Rheinland-Pfalz nichtsdestotrotz wieder einmal dem Terror machtlos gegenüber stand.

LEGIDA- Das Original, bitte übernehmen Sie.
Alles andere wäre auch wirklich schade.

Über den Autor:

Dieser Text entstand mit freundlicher Unterstützung vom Späti um die Ecke, ohne den André schon wieder verhungert und verdurstet wäre.

Kommentare

Chris Mamsch kommentierte auf Facebook

vor 75 Jahren?

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Erdna Nnamrreh kommentierte auf Facebook

Ja!

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Nutzerbild von SchorchSchorch kommentierte

Wow

ein sehr schönes, rundumfassendes Statement. gefällt sehr gut! Allerdings eine Frage: Ist das Wort "Außerhausverkauf-Verbot" (mit dem ich überhaupt nichts anzufangen wüsste) als solches nur gefallen, oder gab es die unmissverständliche Erklärung, das davon spätis so negativ betroffen sind, dazu?

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Froilein Pilz kommentierte auf Facebook

Satire ist nicht so deine Stärke, hm?

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Agnes Be kommentierte auf Facebook

Tja in Bayern wird ja auch schon vor dem Mittag das Weißbier getrunken. Vielleicht sollte der Bierkonsum zeitlich nach vorne geschoben werden. ;D

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Nutzerbild von kommentierte

Ist der "Späti" eine linke Erfindung ?

...warum in diesem Artikel CDU Wähler defamiert werden weiß sicher nur der Autor...

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