WG-International in Leipzig: Wohnprojekt von Studenten und Asylbewerbern

Die Initiative Stadt für Alle möchte, dass ein leerstehender Gebäudekomplex in Reudnitz nicht wie geplant abgerissen wird, sondern in ein Wohnprojekt für Asylbewerber und Studenten umfunktioniert wird. Dafür gibt es Vorbilder in Augsburg und München. Was halten Sie von der Idee?

Ute Elisabeth Gabelmann, Piraten

Super!

Alte Gebäude in unserer Stadt nicht abzureißen, ist grundsätzlich meine Tasse Tee. Schwierig wird natürlich die Entscheidung, ob man hergerichtete Wohnungen im städtischen Besitz nicht auch zum Beispiel Hartz-IV-Familien geben sollte. Gerade mit den jüngsten Meldungen über gigantische Zuzugszahlen wird es ein drängendes Problem, dass sich immer mehr Bevölkerungsgruppen (Finanzschwache, Flüchtlinge, Studenten etc.) um dasselbe Kontingent Wohnungen drängen, während Investoren mir lustig erklären, es liege nicht in ihrem Interesse, Sozialwohnungen zu bauen und wenn wir als Stadt welche haben wollen würden, dann müssten wir uns halt selbst kümmern - dieselbe Stadt, die diesen Investoren erst ihr Geldverdienen ermöglicht.

Also bitte ja, rettet unsere wunderschönen alten Häuser, richtet sie her und haucht ihnen Leben ein, damit ebensolches sich in deren Wänden abspielen kann. Ob das dann für die einen oder die anderen ein Zuhause wird - Hauptsache für Menschen, die unsere Stadt nicht als Monopoly-Brett betrachten.

 

Juliane Nagel, Die Linke

Das ist eine ganz super Idee und berührt die Spitze eines Eisberges.

Es scheint in dieser Stadt kein vernünftiges und auf Nachhaltigkeit setzendes Liegenschaftskonzept und -management zu geben. Genau so kommt dann der Verkauf einer stadteigenen Immobilie wie in der Friederikenstraße in Dölitz oder des Jahrtausendfelds zustande, obwohl ersteres 2012 ernsthaft als Atelierhaus in kommunaler Hand im Gespräch war und zweiteres dringend als Schulstandort gebraucht wurde bzw. wird. Der in Rede stehende Komplex Witzgallstraße 18, Riebeckstraße 37-47 und Stötteritzer Str. 43 in Reudnitz ist ein weiteres Beispiel. Die Gebäude waren vor drei Jahren zum Abriss vorgesehen, wovon aufgrund von Protesten abgesehen wurde.

Seit wenigen Jahren warnen ExpertInnen und AktivistInnen in Leipzig davor, dass der Leerstand schneller schmilzt als gedacht und die Mieten ordentlich anziehen. Beide Prozesse sind in vollem Gange, die Bevölkerung wächst, durch Geburten, Zuzug und auch Asylsuchende. Am wenig strategischen Umgang der Stadt mit eigenen Liegenschaften und Grundstücken hat sich trotz dieser Entwicklungen scheinbar nichts getan. Der Vorschlag von "Stadt für alle" war ein Bestandteil der Debatte um die vermeintliche Alternativlosigkeit des Ausbaus der Asyl-Massenunterkunft in der Torgauer Straße. Mit Beschluss des Stadtrats vom 25. Februar folgte die Mehrheit des Rates dieser gebetsmühlenartig vorgetragenen Position der Verwaltung und besiegelte den Mangel an Kreativität und menschenwürdigen Lösungen für die große Zahl an Asylsuchenden, die in der Torgauer Straße wohnen (etwas über 300, darunter 35 Familien!!!) und die neu in Leipzig ankommen. Die Sondierung eigener Liegenschaften, eine zielführende Verhandlung mit den Wohnungsgenossenschaften, die über mehr als 3.000 leer stehender marktaktiver Wohnungen verfügen oder ein WG-Modell - all das wurde vom Gros der StadträtInnen faktisch ausgeschlagen. Der Komplex in der Riebeckstraße hätte sicher mit einem Teil des Geldes, was nun in die Torgauer Straße im Gewerbegebiet gesteckt werden soll, auch wunderbar saniert werden können.

Es wird jenseits dieser konkreten Debatte tatsächlich Zeit, den Umgang mit öffentlichem Eigentum an Immobilien und Grundstücken grundlegend und vor dem Hintergrund des boomenden Immobilienmarktes zu diskutieren. Kommunales Eigentum ist der Schlüssel für bezahlbares Wohnen und Freiräume für nicht-kommerzielle und soziale Projekte und Betätigungen. Es mag sein, dass es manchmal tatkräftige und kreative MacherInnen gibt, die aus unsanierten Gebäuden oder brach liegenden Grundstücken mehr oder schneller etwas machen können bzw. wollen. Für diesen Fall hat die Linksfraktion im vergangenen Sommer einen Antrag ins Verfahren gegeben, der bei einem Verkaufsvorhaben eine Konzeptvergabe statt Verkauf an den Meistbietenden vorsieht und Pachtverträgen immer den Vorrang gibt.

 

Christin Melcher, Die Grünen

Eine solche Idee ist grundsätzlich begrüßenswert.

Wir als Grüne stehen für die dezentrale Unterbringung von Zufluchtsuchenden und sind die einzige Fraktion im Stadtrat, die nicht für den Ausbau der Torgauer Straße gestimmt haben. Wir wollen, dass die Zufluchtsuchenden im Wohngebiet leben, wir wollen menschenwürdigen Wohnraum, dies bedeutet auch die Sicherstellung von Integrationsmöglichkeiten.

Leipzig hat ein Problem bei der Quartierung von Geflüchteten, oft werden diese in Randgebieten oder in sozialschwachen Wohngebieten untergebracht. Gleichzeitig erleben wir einen Ausverkauf der Stadt, Wohnhäuser und stadteigene Flächen werden an höchstbietenden Investoren veräußert, statt diese Flächen und Möglichkeiten für die eigenen Stadtentwicklung zu nutzen. Dieses Vorgehen rückt nicht erst seit der Herausforderung, das Konzept der dezentrale Unterbringung von Zufluchtsuchenden umzusetzen, in den Mittelpunkt einer Stadtentwicklung, sondern schon seit Jahren erleben wir die nicht Beachtung von Gentrifizierungsprozessen in einer wachsenden Stadt. Wir erleben das Auseinandertrifften von Stadtteilen und deutliche Segregationstendenzen.

Aber es braucht eine politische Lösung. Wir fordern seit geraumer Zeit die Einberufung eines ressort- und dezernatsübergreifendes Gremium, in dem zusammen mit den Akteuren des Wohnungsmarktes, mit Zufluchtsuchenden und allen Beteiligten die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind nach zeitnahen Lösungen gesucht wird. Ein Projekt wie in Reudnitz kann dabei ein wichtiger Baustein sein, aber eben nur einer. Wir brauchen Wohnungen und Flächen in der gesamten Stadt um die dezentrale Unterbringung zu fördern. Wir brauchen Projekte und kreative Integrationsmöglichkeiten an vielen Orten der Stadt.

Mit Wohlwollen beobachten wir daher die Entwicklung die von Willkommen im Kiez, als auch von Willkommen im Ost initiiert werden. Allerdings darf man auch nicht nur davon ausgehen, dass sich alle Zufluchtsuchenden politisch engagieren wollen, oder kreativ tätig sein wollen - auch Zufluchtsuchende haben verschiedene Interessen. Wir können auch bei Zufluchtsuchenden nicht nach dem Motto verfahren, wer redet, der hat Recht - da müssen wir weiter denken und auch Beteiligungsprozesse anstoßen, um allen Gehör zu verschaffen. Wir dürfen keine Debatte von oben herab führen, sondern müssen miteinander reden, insbesondere mit denen, die von der Unterbringung betroffen sind. Wir brauchen für alle, die zu uns kommen, Lösungen und eine Willkommenskultur. Diese Lösungen können wir nur gemeinsam erarbeiten und die Angebote schaffen.

Vor allem braucht es aber ein deutliches Zeichen der Stadt, die für eine echte Willkommenskultur steht. Willkommenskultur entsteht nicht im Ehrenamt, sondern brauch eine finanzielle und strukturelle Basis und nicht zuletzt eine Stadtpolitik, die mehr will als Lippenbekenntnisse. Unsere Vorstellung gedeihen insbesondere gerade in die Etablierung eines Willkommenszentrum, welches sowohl wohnungspolitische Aspekte, aber auch soziale und integrative Initiativen vernetzt und koordiniert, Ehrenamt und Profession vereint und vor allem in Hinblick auf die Bedürfnisse von Zufluchtsuchenden Antworten und Möglichkeiten findet.

 

Katharina Schenk, SPD

Viel.

Es ist für mich stets nicht nachvollziehbar, was gegen die Idee spricht, Menschen mit Menschen zusammen wohnen zu lassen. Nicht nur die zahlreichen Initiativen in Leipzig zeigen: Das ist gewollt. Andere Städte zeigen: Das kann funktionieren. Was den konkreten Komplex betrifft, so habe ich läuten gehört, dass dort eine Art sozialer Komplex entstehen soll, der wohl so etwas wie Kindergarten, Schule, Senior/innenwohnstätte und so weiter umfasst. Wenn dem so ist, wird das sicherlich bald bekannt und es wäre eine gute Sache das gegebenenfalls bestehende Konzept um den Gedanken eines Wohnprojekts für Studierende und Asylsuchende zu erweitern. Ich wäre jedenfalls dafür.

Sollte an der Gerüchteküche nichts dran sein, dann gilt natürlich was die Initiative sagt: Es macht wenig Sinn abzureißen, wenn man aus dem Bestehenden noch so etwas sinnvolles machen kann.

 

Martins Fazit

Ich kenne das Objekt. Als André vor 75 Jahren nach Leipzig gezogen ist, stand es bereits leer. Ich bin begeistert, dass es dafür noch andere Ideen, als Abriss gibt. Aber mehr als eine Idee ist es nunmal nicht. Es gibt kein konkretes Konzept. Keine Ahnung, ob die Stadt mitspielen würde. Denn mal wieder geht es um viel Geld. Da die Verwaltung lieber Millionen in die Torgauer Straße pumpt, wird sie jetzt wahrscheinlich kein Geld für eine Alternative locker machen.

Über den Autor:

Martin würde sich freuen, wenn dieser besonders dunkel und dreckige Teil von Reudnitz ein wenig Farbe abbekommen würde.

Kommentare

Daniel Haase kommentierte auf Facebook

Erst verlässt die Stadt ein Haus und überlässt es Junkies zum Gelderwerb (Bumtmetall, Resteinrichtung) zum Hausen, fixen und dealen und nun soll es wieder hergerichtet werden für einen Multi wg Versuch. In den Erstauffangheimen gehen sie sich gegenseitig an die Gurgel... Das zur Kriminalität. Was ist mit der Finanzierung? Wir haben Schulen, Kindergärten, Altenpflegeheime in direkter Nachtbarschaft... Die sind jetzt schon überbelegt, wenn jetzt noch migrierende Großfamilien kommen... Die Idee ist sicher auf dem Papier gut, real allerdings nicht tragbar.

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Henning Wechsler kommentierte auf Facebook

Kommentar gelöscht.

Kommentar gelöscht. Bitte bleibe sachlich.

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René Loch kommentierte auf Facebook

Die CDU hat dazu (noch) keine Meinung?

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Weltnest Redaktion kommentierte

Angefragt

Lieber Herr Loch, wir hatten wir Nils Oberstadt von der CDU angefragt, aber keine Antwort erhalten.

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Nutzerbild von Anne K.Anne K. kommentierte

Überschrift

Spannendes Objekt (das wirkte auf mich immer rieeesig beim vorbeiradeln), coole Ideen - schade dass es bislang kein greifbares Konzept und somit auch keinerlei Finanzierungsperspektive gibt. Was mich noch interessiert: Habt ihr auch CDU (und AfD, ach wobei...) gefragt? Wenn nein, weshalb nicht und wenn ja, was haben die gesagt/warum haben sie nichts gesagt?

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Nutzerbild von Dirk NeumannDirk Neumann kommentierte

Finanzierbarkeit

Ja, alter Wohnungsbestand weckt schöne sentimentale Gefühle. Ich persönlich restauriere gerade einen alten Tisch. Herrlich. Nachhaltig, voller Geschichte. Aber: Oft scheitern diese Ideen schlichtweg am deutschen Baurecht oder den Kosten. Die Sanierung zu Wohnzwecken inkl. Brandschutz etc. kostet (leider) viel Geld. Das Geld muss man haben. Frau Nagel hat es nicht. In diesem Zusammenhang wird leider auch oft und schnell von "menschenunwürdiger Unterbringung" gesprochen. Ein Konzept der Umverteilung muss her. Also, welche Themen sollte die Stadt nicht mehr so stark finanzieren?

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