Wachstumsschub für Leipzig: Chance oder Herausforderung?

Leipzigs Bevölkerungszuwachs bricht alle Rekorde. Das Wachstum liegt jetzt bereits vor der höchsten Prognose der Stadtverwaltung. Ist dieses Wachstum eher Chance oder Herausforderung?

 

Nils Oberstadt, CDU


Das Bevölkerungswachstum von Leipzig ist gewaltig. Mich freut es, dass es immer mehr Menschen nach Leipzig zieht, die hier eine neue Heimat finden wollen. Ich begreife das als Chance. Mehr Menschen in Leipzig bedeuten Wachstum, vor allem auch im wirtschaftlichen Bereich. Leipziger Unternehmen können mehr Leute einstellen und wachsen und vor allem neue Unternehmen werden gegründet. Der Wirtschaftsstandort Leipzig floriert und wächst. Natürlich bringt ein starkes Bevölkerungswachstum auch Herausforderungen mit sich. Es muss Wohnraum saniert und geschaffen werden. Für die Kinder müssen Kitas und Schulen gebaut werden, die Verkehrswege müssen für die Vielzahl von Menschen ausgebaut werden. Einfach gesagt, die Stadt muss mit ihren neuen Bürgern mitwachsen. Das bedeutet wir müssen sehr schnell investieren.

Trotz aller Herausforderungen zeigt das Bevölkerungswachstum aber vor allem eines: Leipzig ist eine lebenswerte und attraktive Stadt! Nun müssen wir daran arbeiten, dass das auch so bleibt und weiterhin Menschen anzieht, die hier eine neue Heimat finden möchten!

 

Juliane Nagel, Die Linke

Das Wachstum ist per se weder Chance noch Herausforderung. Es ist da und Verwaltung und Politik müssen damit umgehen. Denn Menschen kommen nach Leipzig, egal ob wegen dem Hypezig-Hype, der Uni, weil sie hier neu geboren werden, wegen Arbeitsmarktchancen, grünen Parks, weil sie verliebt sind etcpp.

Das Wachstum bedeutet, dass sämtliche Strukturen auf den Prüfstand müssen. Angefangen vom Wohnraum über ÖPNV, Kinder- und Jugendhilfestrukturen, Schule, Freizeitmöglichkeiten, Verwaltungsstrukturen/ Behörden, Freiräume und so weiter und so fort. In allen Bereichen muss es einen Aufwuchs geben.

Wie wir wissen, hat die Stadt in der Vergangenheit auf Grundlage richtig falscher Prognosen gerade im Bereich Kita und Schule dolle versagt, so dass der Platz hier immernoch knapp ist. Beim Wohnraum wurde noch vor nicht all zu langer Zeit vom immensen Leerstand und den Phantomdebatten um Verdrängung und Mietsteigerungen gesprochen. Jetzt kehrt sich die Situation deutlich um. Summa sumarum: Dass die Stadt nicht weiter pennt, dafür hat auch die Politik Druck gemacht. Darum wird derzeit z.B. das Wohnungspolitische Konzept fortgeschrieben. Auch bei Kita- und Schulausbau gibt es sachte Fortschritte. Die Bemühungen müssen auf Grundlage noch dichterer Prognosen fortgesetzt werden.

Wichtig erscheint dabei, nicht nur auf den Wachstumshype zu setzen, sondern auf eine sozial ausgewogene Politik, die versucht jedem und jeder in dieser Stadt ein gutes Leben zu verschaffen. Sprich: es braucht stadtweit bezahlbaren Wohnraum, kein Ortsteil darf infrastrukturell abgehängt werden, sozialräumliche Segregation muss vermieden werden (z.B. in dem der Lindenauer Hafen und der Stadtraum Bayerischer Bahnhof keine Luxusviertel werden) etcpp.

Wichtig außerdem: Die Veränderung der Stadt, die mit dem Wachstum unvermeidbar einher geht, muss mit den Menschen, die hier leben vollzogen werden. Es braucht sowohl kleinteilige als auch grundsätzliche Beteiligungsmöglichkeiten für alle, jenseits der Wahlen.

 

Katharina Schenk, SPD

Beides. Und damit ist eigentlich alles gesagt. Weil ein Wörtchen aber so hässlich wortkarg ausschaut, erlaube ich mir noch einen ergänzenden Dreizeiler.

Chance, weil dadurch kreative Energie, Trubel, Kinderlachen, Innovation, und all das was eine lebendige Stadt so mit sich bringt, nach Leipzig kommt. Schulen aufmachen ist ja immer schöner, als Schulen schließen. Herausforderung, weil wir darauf achten müssen, dass in der neuen Masse niemand verloren geht. Stichworte sind sozialer Wohnungsbau, entsprechende Infrastruktur, Kita-, Schul- und Arbeitsplätze und und und. Wir haben also künftig viel zu tun, damit Leipzig ein liebenswertes Weltnest bleibt.

 

Ute Elisabeth Gabelmann, Piraten

Im Moment ist dieses Wachstum schlichtweg eine Katastrophe. Mir ist die über Jahre gepflegte wenig vorausschauende Planung innerhalb der Verwaltung immer noch ein Rätsel. Da wirbt man jahrelang mittels Stadtmarketing Veranstaltungen und Gäste aus aller Welt ein, versucht Arbeiter und Fachkräfte an Land zu ziehen und Leipzig zu Likezig umzuhämmern - und kaum fruchten die Bemühungen, steht man wie in Schockstarre da und beobachtet in einem Anflug heilloser Panik, wie Tausende Neuankömmlinge in die Messestadt ziehen.
Gleichzeitig hat offenbar auch niemand Weltnachrichten geschaut, denn ebenso haareraufend und verwirrt registriert man, daß es offenbar auch Menschen gibt, die weniger vom Stadtmarketing angelockt als vielmehr von Bürgerkrieg und bitterster Armut vertrieben ebenfalls hierher kommen.

Tja, und nun weiß offenbar keiner, was zuerst zu tun ist, denn den Fall, dass das ganze Marketing was nützt, hatte offenbar niemand ernsthaft einkalkuliert. In der freien Wirtschaft kennt man das Phänomen unter "Kunde droht mit Auftrag". Eben noch wurden Plattenbauten in rohen Massen abgerissen und Kindergärten planiert, schon muß man die mühsam zum Tiefstpreis verkauften Stadtgrundstücke schon wieder den armen Investoren entreißen, die doch gerade so herzensgute Dinge damit vorhatten.

Herrje, also DAS konnte ja nun wirklich niemand ahnen!!!

Eine nicht repräsentative Umfrage unter sehr vielen zugezogenen Leipzigern innerhalb der letzten 15 Jahre ergab, dass die meisten an Leipzig die Mischung aus Klein- und Großstadt am meisten schätzen: Kultur, Infrastruktur, Freizeitmöglichkeiten etc. wie eine echte Großstadt, dabei aber übersichtlich, heimelig und mit lauter netten Menschen gefüllt wie eine Kleinstadt. N' Weltnest eben.

Ob wir genau diese unwiderstehliche Mischung, die offenbar zu Leipzigs Reiz in ganz entscheidendem Maße beiträgt, jetzt zugunsten eines Spitzenplatzes im Ranking der am schnellsten wachsenden Städte aufgeben sollten? Nein.

 

Lorenz Bücklein, Die Grünen

Beides, ganz klar. Es ist natürlich eine Chance, da Leipzig damit weiter zu einem wichtigen Standort in der mitteldeutschen Metropolregion wächst. Die Anziehungskraft ist in der Tat überraschend –  so war Leipzig ja noch bis zu Beginn der 2000er-Jahre die Schrumpfende Stadt schlechthin. Das Wachstum Leipzigs kann eine Chance darstellen, wenn hier fernab von bloßer Industrieansiedlung und einer davon geleiteten Infrastrukturpolitik neue, intelligentere Wege gegangen werden. Ja, auch ich kann den Begriff von „Hypezig“ nicht mehr lesen, geschweige denn hören. Aber die Potenziale, die in einer Förderung beispielsweise der Kreativwirtschaft und ihrer eher verbrauchernahen, regionalen und kleinteiligen Strukturierung liegen, gilt es auf jeden Fall zu fördern.

Womit wir gleichzeitig bei den Herausforderungen wären: Wenn immer mehr Menschen in die Stadt kommen, schnellen die Mieten in die Höhe, Wohnraum wird knapper und gleichzeitig schwinden Freiräume für die oben erwähnten Kreativpotenziale. Da haben wir in der Stadt gemeinsam viel zu bewältigen, damit keine/r abgehängt wird. Die Auswirkungen des raschen Wachstums sind spürbar: Die enormen Herausforderungen im  Kita- und Schulausbau, die der Armutshauptstadt (auch wenn inzwischen nur noch Vize) aber auch beispielsweise eine Verkehrspolitik, die für alle förderlich ist und die Freiraum für BewohnerInnen und Naturräume lässt, ohne dass wir aufgrund des Bevölkerungswachstums die gesamte Stadt zuasphaltieren.

 

Martins Fazit

Am Ende landen wir wieder bei knapp werdenden Wohnraum. Wenn wir jetzt noch fünf Jahre darüber sprechen, wird vielleicht irgendwann über das Handeln nachgedacht. Denn was zuerst die Stimmung hebt (mehr Einwohner als Dresden!!!), schlägt mit sicherheit ins Gegenteil um, sobald die Mieten stärker steigen.

Über den Autor:

Martin kann sich noch an Zeiten erinnern, in denen ein Bevölkerungswachstum nur durch Eingemeindungen zustande kam.

Kommentare

Frech Le kommentierte auf Facebook

an sich eine tolle Sache für Leipzig und damit mehr Chance als Risiko...die Schattenseiten: Zuzug unfähiger Politiker (Vergleich Schmeißfliege), Mietsteigerung (ca.20% in 5 Jahren), Kungelei von Stadtpolitikern mit Immobilienfirmen (vorwiegend München/Augsburg), in den aufstrebenden Stadtteilen die Verdrängung von Projekten/alternativen Läden durch höhere Kosten.....trotzdem ich liebe meine Stadt ;)

001 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Ronny Schumann kommentierte auf Facebook

Also alles beim alten... nur größer.

001 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Eine neue Diskussion starten

Angemeldet als anonymer Benutzer.