Quo vadiz Connewitz?

In Connewitz ist die Hölle los. Beziehungsweise nicht mehr. Und das ist eben für viele Anwohner die Hölle. Graffiti-Flatrate und Polizeiposten zeigen tatsächlich Wirkung. Es soll ganze Straßenzüge ohne Bombings und Tags geben. Aber es kommt noch dicker.

 

Pro Tag werden drei Autos abgefackelt? Geschenkt! Aber sobald der erste Baum in Flammen aufgeht, steht das Viertel Kopf. Apropos Bäume: jetzt soll sogar ein Park verkauft werden, damit darauf gebaut werden kann. Wie kann Connewitz jetzt noch gerettet werden? Brauchen wir die "Bunte Hilfe", oder ist das genau die Entwicklung, die Connewitz braucht?

 

Ute Elisabeth Gabelmann, Piraten

Tja, nun haben wir das Desaster! Ab spätestens jetzt wird immer öfter der Punkt kommen, an dem die verschiedenen Wünsche und Bedürfnisse des Durchschnitts-Leipzigers gegeneinander ausgespielt werden. Will man einen Kindergarten, bleibt kein Platz mehr für ein Park. Wenn man bezahlbaren Wohnraum für alle will, kann man eben keine Schule bauen. So oder ähnlich werden künftig die Rechnungen lauten, die eröffnet werden, wenn man sich über die Folgen der Gentrifizierung in dieser Stadt beschweren will.

Wäre man ein bisschen hinterf***, dann würde man sagen: es braucht wieder mehr Graffiti und mehr brennende Autos in Connewitz, damit Stadtteilparks nicht für 2 Millionen Euro den Besitzer wechseln, um anschließend als exclusives und hochwertiges Quartiers-Wohnen zu enden. Derzeit mag im Connewitz vielleicht Ruhe sein, weil dort momentan keine größeren Konfliktherde sind. Dieser Zustand kippt jedoch spätestens dann, wenn bei den Tischtennisplatten im Park die ersten Bagger anrückenÂ….

 

Juliane Nagel, Die Linke

Ich bitte dich, Martin. Doch nicht schon wieder Connewitz, Und dann noch mit solchen infamen Wegweisungen!

Der Häuslerbesitzer-Verein Haus und Grund hat es im Sommer doch richtig konstatiert und die Linie vorgegeben: Connewitz alt schadet den InvestorInnen: "Die Grundstückspreise liegen  heute niedriger als in den Neunzigern. Jedes Verkehrsschild und jedes Haus ist mit Graffiti beschmiert. Man sieht eingeschlagene Fenster.  Selbst ein neuer Polizeiposten wurde attackiert. Offenbar hat die Stadt bei alledem schon resigniert." Jetzt endlich ist Connewitz auf dem richtigen Weg: Graffiti wird schnell weggemacht, Bäume brennen statt Autos, Parks werden beseitigt und damit auch das Lebensgefühl dieses Stadtteils. Connewitz wird endlich marktfähig. Yes!

Aber im Ernst: die Beispiele in der Fragestellung sind schief. Der Baum hat mich den Autos so wenig zu tun wie Graffitis mit dem Angriff auf den Polizeiposten.
Das Problem der Wahrnehmung an Connewitz ist, dass viel vermengt und wenig hinterfragt wird. Connewitz ist weder "Hort von ChaotInnen" noch "total krass linkes Viertel" und ich bin weder die Anführerin des einen, noch des anderen Mythos. Connewitz ist wunderschön, lebens- und liebenswert, mit seiner Geschichte und mit seiner Realität (wer braucht schon Autos, ... Scherz. Autos werden überall in der Stadt angezündet, in Connewitz wird ein politischer Hintergrund vermutet. Wenn es den gibt, dann gibts zumindest einen Grund darüber kritisch zu diskutieren.. und damit: ACHTUNG DISTANZIERUNG: will ich keine Straftat relativieren).

In Connewitz gibt es nachbarschaftliche Hilfe, Kiezläden, Kneipen, in denen Leute sich kennen und ins Gespräch kommen, werden Trinkerecken nicht kritisch beäugt, treffen Menschen zu allen Tages- und Jahreszeiten im öffentlichen Raum zusammen (und sind auch mal laut dabei, na und?) oder sorgen dafür dass öffentliche Freizeitanlagen nicht reglementiert werden. Menschen, die hier leben, widerstehen (aktiv) Gentrifizierungstendenzen und staatlicher Kontrolle, überdimensionierten Einkaufsmärkten, der Bebauung von Freiflächen etcpp. Nicht immer sind die Methoden dabei adäquat (präventiv für die üblichen Reflexe derer, die nicht verstehen, dass die Welt nicht zentral gesteuert wird), aber es lebt. Und wer ein Problem hat, soll kommen und diskutieren. Denn zu aktuellen, kiezbezogenen Fragen zog es in der Vergangenheit regelmässig über 200 Menschen.

Ergo: Ich wiederhole gern: Connewitz fetzt. In all seiner Unvollkommenheit, mit all seinen positiven und negativen Projektionen. Leipzig braucht mehr Bewegung von unten, Connewitz eher Entdämonisierung.

 

Lorenz Bücklein, Die Grünen

Als ehemaliger Connewitzer habe ich in den vergangenen zehn Jahren ziemlich hautnah miterleben dürfen, wie sich der alternative und bunte Stadtteil so langsam aber sicher gewandelt hat. Ob man das jetzt unbedingt an den (nicht) vorhandenen Graffiti festmachen muss, ist die andere Frage. Aber: Schon heute fehlt in einem immer noch alternativeren Stadtteil wie Connewitz der Freiraum für Kreativeres, Spontanes und muss den ganz normalen Marktmechanismen weichen. Als Symptom dafür stehen die Stadthäuser die für eine "Aufwertung" sorgen sollen. Der mögliche Verkauf des Parks an der Leopoldstraße ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs.

Man sieht in Connewitz sehr deutlich, welche Themen unsere Stadt ja nicht erst seit gestern beschäftigen: Debatten über Folgen von Gentrifizierung und damit die Veränderung ganzer Milieus und Stadtteile, Debatten über eine „Stadt für alle“, über Wohnungsbau und eine gerechte Stadtentwicklung, ohne dass ganze Bevölkerungsgruppen aufgrund steigender Mietpreise sich attraktiven und lebenswerten Wohnraum nicht mehr leisten können.

Der Druck auf den Wohnungsmarkt nimmt zu. Wir brauchen deshalb ein Konzept für sozialen Wohnungsbau. Hier steht das Land Sachsen in der Pflicht, die Mittel dafür ausreichend zur Verfügung zu stellen. Auch Menschen mit geringem Einkommen oder diejenigen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, müssen bezahlbaren Wohnraum finden können. Und das bitteschön nicht am Rande der Stadt, sondern gerade in solch lebendigen Stadtteilen wie Connewitz. Ziel einer gesunden Stadtentwicklung kann es nicht sein, dass nun überall schicke neue Stadthäuser mit hohen Mieten entstehen, sondern, dass alle Bewohner_innen eines Stadtteils wie Connewitz ein bezahlbares Zuhause finden. Nicht die Interessen von Investor_innen sollen über die Entwicklung der Stadt bestimmen, sondern deren Einwohner_innen. Dazu braucht es ein wohnungspolitisches Konzept, das breit in der Bevölkerung diskutiert wird und Raum für alle Interessen und Bewohner_innengruppen schafft.

Ehrlich gesagt vertraue und hoffe ich dabei aber auch auf all die engagierten Menschen, die in Connewitz leben – wir als Partei müssen für die politischen Beteiligungsmöglichkeiten sorgen. Mir persönlich hat es immer imponiert, wie sich hier alle gemeinsam stark gemacht haben für eine engagierte Stadtviertelentwicklung. Als Beispiel sei nur einmal der vormals geplante Bau eines ach so wichtigen Einkaufszentrums an der Ecke Koch-/Scheffelstraße genannt. Die Begründung, dass die Connewitzer_innen zu wenig Einkaufsfläche hätten, hat damals zumindest nicht verfangen.

 

Katharina Schenk, SPD

Ich mag Connewitz, schon allein für die Wolfgang-Heinze-Straße und das Haus der Demokratie mit MONAliesA und Kinobar. Zerstörungswut mag ich nicht. Gute Läden und Vandalismus gibt es aber nicht nur in Connewitz. Mir scheint Connewitz genau wie die Eisenbahnstraße ziemlich auseinander zu fallen zwischen Medienberichten und Wirklichkeit. Natürlich ist in Connewitz nachts mehr los - aber hier reihen sich auch Bars und Spätis und Veranstaltungsorte aneinander wie anderswo die parkenden Autos. Es wäre darum schade, wenn man nun versuchen würde, dem individuellen Flair des Stadtteils durch Grundstücksverkäufe und Luxuslofts bei zu kommen. Das führt im Zweifel nur zu mehr Problemen. Und Probleme gibt es natürlich: Es gibt die Menschen, die einfach aus Lust an der Zerstörung ausflippen und die, die mehr oder weniger ahnungslos mitlaufen. Für beide Gruppen kann man etwas tun. Ein erster Schritt wäre es, sie nicht als "typisch Connewitz" abzutun. Vandalismus ist kein Stadtteilproblem, sondern ein Problem der Stadt.

 

Martins Fazit

Ganz ehrlich? Ich denke nicht, dass Stadtteile irgend eine Entwicklung "brauchen". Es gibt natürlich immer eine Entwicklung, die ich mir als Bewohner wünschen würde, aber ob diese "richtig" ist, weiß ich eben nicht.

Die Sache mit dem Park wurde beim Kreuzer gut zusammen gefasst. Zu den Grafitti und dem brennenden Baum, empfehle ich die Stadtteilblogs Connewitz statt Leipzig und Mein Connewitz.

Über den Autor:

Martin ist erleichtert, dass in Reudnitz keine Parks zum verkauf stehen. Es gibt ja auch kaum welche.

Kommentare

Nutzerbild von Connekein WitzConnekein Witz kommentierte

Was soll das?

Ist das jetzt Qualitätscontent, zusammengefasst aus den letzten Ereignissen und ein paar Print- sowie Onlinequellen? Was will uns der Autor damit sagen??? Ganz furchtbar!

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Nutzerbild von gnadenlosgnadenlos kommentierte

kleriker

Je eher diese Punks und Asozialen rausgemobbt werden und ordentlichr, arbeitende Menschen in Connewitz ihre Heimstatt finden, desto besser. Da ist jedes Mittel recht. Und... die Kapitalisten siegen immer.

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