Mit der Bevölkerung wächst in Leipzig auch die Kriminalitätsstatistik

Zurück in die Zukunft! In Leipzig hat die Kriminalität wieder den Stand von 1999 erreicht. Vor allem die Einbrüche machen den Leipzigern zu schaffen. Wie lässt sich dieser Trend aufhalten, wenn zwar die Zahl der Einwohner wächst, nicht aber die der Polizeibeamten?

Ute Elisabeth Gabelmann, Piraten

Eine wahrlich gute Frage! Dieser versuche ich auch seit einigen Wochen auf den Grund zu gehen, bin aber noch nicht wirklich weiter. Es ist ja nicht das erste Mal, dass uns das Land im Regen stehen lässt. Ich erinnere mich an die Worte des Oberbürgermeisters im Januar, dass er in einem Dringlichkeitsbrief den Innenminister um mehr Unterstützung für Leipzig gebeten hatte, da aber auf taube Ohren stieß, und ihm die Tatsache, dass nicht noch weiter bei der Polizei gekürzt werde, schon als Zugeständnis verkauft wurde. Im Gegensatz zu dem was viele glauben, bedeutet innere Sicherheit nicht, den Durchschnittsbürger weiter zu überwachen, sondern die Aufklärungsarbeit und vor allem die Prävention effektiver zu gestalten. Das geht eben nicht, wenn es an allen Ecken und Enden an Personal fehlt.
Wir können daher nur hoffen, dass die Gelder, die in Überwachungsdienste gesteckt werden, zumindest zu gleichen Teilen auch in die Aufstockung des Personals investiert werden.

Was kann man nun bis dahin tun? Neben den ganz üblichen Vorsichtsmaßnahmen empfiehlt sich vielleicht auch mal ein Beratungstermin bei der Polizei, um Anregungen zu erhalten, wie man die eigene Wohnung oder das eigene Haus besser schützen kann. Die Polizei versucht hier schon bei einigen Terminen, die in den letzten Tagen in der Presse standen, die Leipziger weiter aufzuklären.

Auch wird es sicher Zeit, mal zusammen mit anderen Mietern mit dem eigenen Vermieter ein Wörtchen zu reden und so vielleicht für das gesamte Haus einen verbesserten Schutz rauszuhandeln.

Unbedingt dran denken: wenn einem der Computer geklaut wird, sind immer auch gleich alle Daten weg. Dem Dieb nützen sie im Zweifelsfall nicht viel, euch wird der Verlust allerdings schwer schmerzen. Daher: ans Back-up denken und dieses in der Sockenschublade aufbewahren.

Als am effektivsten hat sich allerdings immer noch erwiesen, offene Augen und Ohren zu haben und lieber einmal öfter kleine Merkwürdigkeiten nachzuprüfen, als später festzustellen, dass man eine Straftat hätte verhindern können. Also: wenn man beim nächtlichen Klogang bemerkt, dass im Nachbarhaus im Keller Licht brennt, lieber mal der Polizei Bescheid sagen.

 

Nils Oberstadt, CDU

Die Kriminalitätsstatistik in Leipzig steigt. Dagegen muss etwas unternommen werden. Ein Zaubermittel dazu gibt es leider nicht. Aber man muss an verschiedenen Stellen anpacken und versuchen das Rad zurückzudrehen.

Zum einen muss die Polizei in Leipzig personell verstärkt werden. Als einer der Kriminalitätsschwerpunkte in Sachsen ist das auch keine ideologische, sondern realistische Forderung, so kann eine höhere Polizeipräsenz auf der Straße erreicht werden. Jedoch muss man in dem Bezug auch anführen, dass Polizei in Leipzig in den letzten Zeit, insbesondere im Bereich der Drogenkriminalität, einige große Festnahmen geglückt sind, wie zuletzt die Festnahme des Darknet-Versandhändlers.

Das zeigt, das ein weitere Ansatzpunkt, bei der Leipziger Polizei bereits vollzogen wird, der sich hoffentlich in Zukunft auswirken wird. Die Polizei spezialisiert sich und kann so effektiver Straftaten verfolgen.

Ein weiterer Abschreckungsfaktor ist die Überwachung im öffentlichen Raum, obwohl damit meines Erachtens vorsichtig vorgegangen werden muss. An besonderen Kriminalitätsschwerpunkten kann so ein abschreckender Faktor gesetzt werden.

Darüber hinaus muss weiterhin daran gearbeitet werden, dass Jugendliche gar nicht erst straffällig werden. Das ist Aufgabe des Sozialdezernates. Dort müssen effektive Maßnahmen angewendet werden, die genau das verhindern.

Ein entscheidender Gesichtspunkt ist in meinen Augen auch, politisch motivierte Straftaten nicht zu verharmlosen. Besonders hier sind die Politiker gefordert, Straftaten nicht zu beschönigen!

 

Christin Melcher, Die Grünen

Kriminalitätsstatistiken werden gerne auch politisch missbraucht. Gerade in Leipzig konnten wir vermehrt wahrnehmen, dass durch steigende Kriminalität Grundrechtsverletzungen Tür und Tor  geöffnet wurden: Kameraüberwachung, Kontrollbereiche, Handybeschlagnahmungen und vieles mehr. Im Namen von Sicherheit und Ordnung werden persönliche Freiheitsrechte immer wieder eingeschränkt. Dabei wird nach dem Motto verfahren: Der öffentliche Raum wird "sauber" gehalten.

Dass diese Strategie der Symbolpolitik nicht erfolgreich ist, sondern Straftaten sich nur  in nicht kontrollierbare Bereiche verlagern, ist seit Jahren bekannt. Daher verwundert auch der Anstieg der Straftaten nicht. Wir brauchen ein Umdenken in der Kriminalitätsbekämpfung, statt Repression brauchen wir Prävention.

Nehmen wir zum Beispiel die Delikte , die zum Bereich Beschaffungskriminalität zugerechnet werden: Drogenkonsum, Einbrüche, Diebstahl. Rein repressive Maßnahmen helfen mitnichten, den Alkohol- und Drogenkonsum und die damit verbundenen Straftaten zu verringern. Wesentlich wichtiger ist es, vor den Konsequenzen des Konsums aufzuklären sowie Verständnis für Abhängige zu entwickeln. Eine Verurteilung – ob moralisch oder strafrechtlich – hilft weder den Suchtkranken noch vermindert sie Straftaten noch senkt sie die Kriminalität. Aus diesem Grund unterstützen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN die Leipziger Suchtpräventionsstellen und deren Arbeit.

 

Juliane Nagel, Die Linke

Schwierige Frage, denn für einen fundierten Vergleich hiesse es Statistiken selbst auszuwerten und zu hinterfragen. Spätestens! seit der „Erfolgsmeldung“ über die Senkung der Kriminalität in Connewitz durch den Polizeiposten, die offensichtlich auf falschen zahlen beruht, bin ich vorsichtig geworden.

Die sächsische Polizeiliche Kriminalitätsstatistik sagt zum Jahr 2009: "Die  im Freistaat  Sachsen registrierte Kriminalität  ging weiter zurück. Nach Anzahl der erfassten Delikte war das Jahr 2009 damit eines der sichersten Jahre seit 1993.“ Seinerzeit gab es im Freistaat Sachsen 279.467 Straftaten. 2014 sind es 327.196. Aussagekräftiger sind jedoch die Häufigkeitszahlen (Kriminalität pro 100.000 EinwohnerInnen). Diese lag 2009 bei und 2014 bei 8086.
Nominell also klare Anstiege. Doch es gibt eine Reihe Faktoren, die hier hinzugezogen werden müssen: das Anzeigeverhalten ist gestiegen, es sind ganz neue Kriminaliätsarten und -formen hinzugekommen – Stichwort Internet - und auch die Präsenz und Einsatzstärke der Polizei muss betrachtet werden.

Festzuhalten ist, dass Kriminalität in der langen Rückschau rückläufig ist, ExpertInnen meinen, dass Deutschland noch nie sicherer war. Der Hamburger Kriminologe Birger Antholz arbeitet in einer Untersuchung der Kriminalitätsentwicklung heraus, dass die Straftatenbegehung in den vergangenen 20 Jahren um über 40 Prozent zurückgegangen sein soll. Zudem ist ein Anstieg von Diebstahl und anderen Vermögensdelikten zu konstatieren. Dies spiegelt auch der hohen Anteil von Eigentumsdelikten in Leipzig (jede 2. Straftat ist ein entsprechendes Delikt). Eine geringen Anteil im Gesamt-Kriminalitätsaufkommen nehmen schwere, z.B. Gewaltstraftaten, ein. Diese werden jedoch medial meist am meisten beleuchtet, was zu einer Verfälschung der Wahrnehmung führen kann. Zum Thema politisch motivierter Kriminalität (PKM) und den schiefen Vergleichen zwischen rechts und linksmotivierter Kriminalität ließe sich auch einiges beitragen. An dieser Stelle vielleicht nur so viel: Selbst aus dem BKA wurde im vergangenen Jahr auf die Verfälschung der Zahlen im Phänomenbereich PKM links hingewiesen. Vor allem der Bereich der Verstöße gegen das Versammlungsgesetz bläht die entsprechende Teil-Statistik auf. In zahlreichen Fällen stehen dahinter friedliche Sitzblockaden. Auch eine „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ hat man sich schnell eingehandelt, bspw. wenn man sich in einer Stresssituation reflexhaft gegen behelmte BeamtInnen schützen will.

Ausgehend von dieser Betrachtung ist eine Beschränkung auf die Forderung nach mehr Polizei etwas dünn. Es liegt ja auf der Hand, dass die eigene beschissene soziale Situation viele Menschen dazu drängt zu stehlen, auch bzw. vor allem in einer der Armutshauptstädte Deutschlands. Soll Kriminalität wirksam bekämpft werden, muss ein grundlegender sozialpolitischer, ja gesellschaftlicher Paradigmenwechsel eingeleitet werden: Eine garantierte soziale Sicherung für alle, zum Beispiel durch ein Grundeinkommen, Entkriminalisierung bzw. Legalisierung von Drogen, aber auch eine Wiederaneignung des öffentlichen Raumes und der öffentlichen Infrastruktur, die End-Anonymisierung des Miteinanders und die Zurückdrängung des Konkurrenzdrucks fallen mir da ein.

Wenn Menschen ihr Umgebung, ihre Stadt etc. als gestaltbar wahrnehmen, so meine optimistische These, steigt auch das Verantwortungsgefühl.
Und genau darüber – Hintergründe und nicht repressive Gegenstrategien – muss vielmehr gesprochen und daraus abgeleitet auch gehandelt werden. Das ist allerdings nix was im Stadtrat oder Landtag zu beschließen ist.
 

Martins Fazit

Klar, an der Zahl der Polizeibeamten lässt sich zumindest von Leipzig aus nicht so viel ändern. Und wie sollen die vorhanden Beamten eingesetzt werden? Die einen fordern mehr Überwachung, die anderen das Gegenteil. Was das Thema Sicherheit angeht, werden sicherlich nie alle zufrieden sein. Die gefühlte Kriminalitätsstatistik ist noch stärker gestiegen als die echte. Wobei man eben auch an der echten seine Zweifel haben darf. Denn ob ein Anstieg der Statistik, auch einen Anstieg der Kriminalität bedeuten muss ist durchaus fraglich.

Ob die Kriminalität steigt oder nicht, ist für den von allen präferierten Ansatz egal. Sie muss bekämpft werden bevor sie entsteht. Prävention bleibt das Zauberwort der Stunde.

Über den Autor:

In Martins Stadtteil ist die Kriminalität gesunken. Zumindest laut der Statistik.

Kommentare

Nutzerbild von das grauendas grauen kommentierte

Wieviele noch?

Hunderttausende Ausländer reinholen ist auch eine Form der organisierten Kriminalität; fehlt in der Statistik,....

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Nutzerbild von RichardRichard kommentierte

Wie kommen sie darauf?

Weil alle Ausländer kriminell sind? Nebenbei? Worin holen? Werden Deutsche, die ins Ausland abwandern, weil sie sich dort ein besseres Leben versprechen, auch kriminell? Soltte man diese als Wirtschaftsflüchtlinge Brandmarken? Sollte eine Partei in Deutschland an die Macht kommen, die Menschen mit ihrer Ansicht verfolgt, sind sie dann berechtigt ins Ausland zu flüchten? Oder würden sie hier bleiben? Schließlich gehört es sich ja nicht zu flüchten? Wenn ihre Wohnung ausgebrand ist und sie Unterschlupf in irgend einer inrichtung suchen, sind sie dann automatisch ein krimineller?

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