Es war übrigens kein Aprilscherz: André verlässt Leipzig

Wie sagt man so schön? Alles hat ein Ende, nur die B2 ist unendlich. Für André führen Leipzigs bekannte Magistralen bald schon woanders hin. Wohin genau, das verrät er hier.

 

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da wollte ich eigentlich nach Berlin. Berlin mochte ich, dort war ich schon oft gewesen, dort kannte ich Leute und dort konnte man auch Montagnacht um 3 Uhr noch Döner kaufen.
In die Heldenstadt kam ich eigentlich nur, weil die Uni-Zusage aus der Hauptstadt erst eintrudelte, nachdem ich schon panisch in Leipzig zugesagt hatte. Und weil meine Mutter mir verboten hatte, nach Halle zu gehen (hat sie wirklich).

Leipzig und ich hatten nicht gerade einen Traumstart. Beim Abholen meiner Unikarte hatte ich Durchfall. Und weil ich derart spät zugesagt hatte, musste ich erstmal ins Wohnheim ziehen. Auf meinem Gang lebten nur Leute, die ängstlich wegrannten, wenn ich sie ansprach. Und mein Uralt-iBook weigerte sich, eine Verbindung zum Internet herzustellen. Allesamt Gründe, sofort wieder wegzuziehen.

Dass ich blieb, verdanke ich meiner Platzwahl bei der Einführungsveranstaltung für Politikwissenschaft. Normalerweise setze ich mich immer zuverlässig neben Leute, die beim Nachdenken popeln oder Tintenpatronen trinken, aber dieses eine Mal hatte ich Glück.

Ich lernte einige sehr tolle Menschen kennen, verbrachte viel Zeit in all möglichen Läden und fuhr bald nur noch in die Heimat, wenn es wirklich sein musste. Nach einem Monat stand ich zum ersten Mal auf der Bühne, von da an eigentlich andauernd.

Ich mochte dieses Zerschlissene, Raue und Unverbrauchte, das ich aus Berlin kannte. Dass die Stadt unübersichtlich und groß, aber gerade noch greifbar war. Dass ich in einer schönen Altbauwohnung wohnen konnte, diese aber gleichzeitig nicht viel teurer als das Zimmer im Wohnheim war. Und dass das Bier im Werk III nur 1,20 Euro kostete, war natürlich ein sehr großer Pluspunkt.

Ich bin ein ziemlich komischer Mensch. Einerseits vermeide ich es, Zugeständnisse zu machen. Ich binde mich an so wenig Abmachungen wie möglich. Das Gefühl, für eine bestimmte Zeit oder gar für immer („für immer“ klingt schon so schrecklich) festgelegt zu sein, ist mir unendlich unangenehm. Ich brauche immer die Möglichkeit, sofort alles abbrechen zu können, auch wenn ich es vielleicht nie mache. Am liebsten würde sogar ich meine Miete per Prepaidkarte bezahlen.

Andererseits bin ich sehr genügsam. Ich ändere Dinge eigentlich nur, wenn sie mich wirklich stören. Wenn hingegen etwas für mich passt, dann passt es. Ich habe beispielsweise seit fünfzehn Jahre dieselbe Handynummer. Seit neun Jahren führe ich mein Blog. Seit sieben Jahren bin ich Dinosaurierfan. Es passt.

In Leipzig wohne ich jetzt seit acht Jahren. Ich habe viel gemacht und erlebt, habe ein komplettes Studium hinter mir und bin nebenbei so viel aufgetreten und habe so viel geschrieben, dass ich jetzt sogar Steuern dafür zahlen muss.

Genau wie ich mich verändert habe, hat sich auch die Stadt verändert.
Das Werk III hat mittlerweile geschlossen. Vieles, was vor ein paar Jahren nach rau war, ist heute glatt. Vieles, was zerschlissen war, ist heute vintage. Über die illegalen Parties schreibt man mittlerweile in glänzenden Indie-Magazinen und es gibt sogar Leute, die offen zugeben, ein Modeblog zu führen. Mancher schöne Platz ist weg, mancher noch da, andere neue sind dazu gekommen. Leipzig ist nicht länger eine Stadt, in die man eher zufällig gerät und die dann begeistert, sondern eine Stadt, in die man kommt, weil man sich selbst davon überzeugen will, ob die überall grassierende Begeisterung gerechtfertigt ist.

Ich bin nie mit der Absicht nach Leipzig gezogen, „für immer“ zu bleiben. Wenn überhaupt, dann vielmehr mit dem Ziel, einen Ort zu finden, an dem es sich lohnt, etwas länger zu bleiben als bisher. Das hat die Stadt phänomenal geschafft. Leipzig und ich, das hat immer gepasst.
Und dennoch bin ich mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem es mir manchmal so vorkommt, als passe das Ganze, anders als bei meiner Handynummer, vielleicht schon etwas zu gut.
Ich kenne so Vieles hier in und auswendig, dass ich mir hin und wieder wünsche, es gäbe auch mal wieder etwas anderes Neues als einen neuen Indie-Flohmarkt, ein neues Leipzig-Blog oder einen neuen Cupcake-Laden. Was für manche womöglich eine wärmende Form der Tradierung ist, wird mir mit der Zeit eher langweilig. Ich kann nicht „für immer“ in dieselben Kneipen gehen, dieselben Viertel sehen oder das Gleiche tun, auch wenn sie mit noch so vielen schönen Erinnerungen verbunden sind.

Und deshalb habe ich mich dazu entschieden, im Sommer nach Brüssel zu ziehen. Hatte ich ja eigentlich auch schon angekündigt. Hat nur niemand geglaubt. Hätte ich vielleicht nicht am 1. April posten sollen. Nunja.
Warum nach Brüssel? Weil es dort beispielsweise ein total cooles Dinosauriermuseum gibt. Weil die Stadt unglaublich schön ist und ich Lust habe, die ganze Zeit französisch zu sprechen (ich kann schon "Non" und "Putain", damit kommt man vermutlich ziemlich weit). Weil meine „Arbeit“ glücklicherweise nicht allzu oft an einen bestimmten Ort gebunden ist. Weil es für den Rest auch Bus, Bahn und Flugzeug gibt. Weil ich in Leipzig die besten acht Jahre der letzten acht Jahre verbracht habe. Weil ich dankbar für all das bin, was ich in Verbindung mit Leipzig entwickelt und ergeben hat. Weil ich auch ruhig mal nicht überall meinen Senf dazugeben muss. Und weil ich mich einfach wahnsinnig darauf freue, eine komplette Stadt neu entdecken zu können.

Und bevor Sie jetzt unken, ich wäre in sechs Monaten eh wieder da, ich hätte mir das alles gar nicht überlegt und hätte überhaupt keine Vorstellung davon, worauf ich mich da einließe, oder bevor sie jetzt fragen, wie das denn funktionieren soll, was ich denn da denn ganzen Tag lang machen will und wie ich denn denke, dort zurecht zu kommen, dann verweise ich sie gern auf meine Oma.

Meine Oma ist nämlich Gegenwartsphilosophin und eine sehr weise Frau. Eine zentrale Kernaussage ihrer Lehre ist: Wird schon.
Wurde es bisher nämlich immer.

Alles andere wäre auch wirklich schade.

Über den Autor:

André ist aber weiterhin jeden Monat bei seiner Lieblingslesebühne Schkeuditzer Kreuz, immer am dritten Freitag im Plan B, zu sehen. Wenn das mal nichts ist.

Kommentare

Sanni Sylvester kommentierte auf Facebook

welch Herztext. wie schön. und orrehwah, wa.. und grüße an die Oma.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Thomas Fieberg kommentierte auf Facebook

Vor 75 Jahren?

002 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Magnus Mötz kommentierte auf Facebook

Kommt hin.

001 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Daniel Böttner kommentierte auf Facebook

Da wird Leipzig etwas Hype verloren gehen.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Una Kringelnatz kommentierte auf Facebook

menno ;-(

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Karsten Werner kommentierte auf Facebook

Hauste nei André. Aber komm unhs doch wenigstens mal ab und an besuchen, hey? :) Aber de Omma hat scho Recht: Wird schon.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Sebastian Ganze kommentierte auf Facebook

kannste knicken, Nnamrreh Erdna! zieh nach dessau, sonst wohnt da bald niemand mehr. nur noch in den radnestern waldersee und mildensee, weil es näher an der autobahn ist und man schneller weg kann.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Martin Neuhof kommentierte auf Facebook

Ich bin jetzt traurig. :/

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Margarita Nikolaewna kommentierte auf Facebook

Wow, ein sehr schöner Text. Ich habe vor nem halben Jahr (Oh Gott, ein halbes Jahr schon! ...) einen ähnlichen verfasst. Mir fiel das auch schwer, aus Leipzig wegzugehen. Ich finds grad sehr schön, auch von anderen zu lesen, wie sie mit dieser Stadt zusammengewachsen und verbunden sind. Und dass du auch "vor dem Hype" (das zu sagen ist ja fast schon wieder so, als würde man selbst einen Hype ausrufen, aber es ist ja nunmal so) nach Leipzig gekommen bist und miterlebt hast, wie es cool wurde. Mir ging es letztes Jahr genauso: Ich lieb(t)e die Stadt sehr, fühlte mich da wohl, wollte irgendwie nicht weg. Aber irgendwie doch unbedingt. Weil ich das Gefühl hatte, dass da was stagniert, dass ICH stagniere, weil trotz der ganzen hochbejubelten Unvorhersehbarkeit doch alles sehr vorhersehbar war. Hach. Das musste ich jetzt kommentieren. Unbekannterweise. Leipzig-love-Grüße.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von kleokleo kommentierte

es gibt Journalisten

..um die es nicht schade ist, wenn sie meiner Stadt den Rücken kehren.

010 002
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von kleokleo kommentierte

nachtrag

bitte den Meißner mitnehmen, der ist noch nen Zacken schärfer. Danke !

005 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

André Herrmann kommentierte

Cool, ...

... du hast Journalist geschrieben!

000 001
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von kleokleo kommentierte

kleo

man muss jemanden hochloben, dass er weit weg ist.

005 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

kommentierte auf Facebook

Wo ging es denn hin?

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Margarita Nikolaewna kommentierte auf Facebook

Ans Ende (oder den Arsch) der Welt. Ravensburg.

000 001
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von EtienneEtienne kommentierte

...

Autsch!

000 001
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von Margarita.NikolaewnaMargarita.Nikolaewna kommentierte

Hä?

versteh ich jetzt nicht, die Reaktion. Da leider die Jobs nicht auf Bäumen wachsen oder morgens schön verpackt in der Post liegen, muss man zuweilen eben auch mal in Städte ziehen, die nicht auf der Beliebtheitsskala ganz oben stehen. Und ich hab gelernt: die Bodenseeregion ist wunderschön. Also nix Autsch.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Franziska Seidel kommentierte

Aldr!

Okay ich geb's zu: Ich war diejenige die es für einen Scherz hielt. Schade Antreh, schade! Zur Not kommen wir alle mit dem Bus zu dir. Irgendwo muss ja das Klassentreffen-Revival stattfinden. Viel Glück, Erfolg und Spaß in Brüssel!

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Toralf Herschel kommentierte auf Facebook

Caroline!

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von KlausKlaus kommentierte

Gute Reise

Ein Hipster und Selbstdarsteller weniger in unserer Stadt, niemand wird Dich vermissen.

007 001
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von WolfgangWolfgang kommentierte

omg

"Unsere Stadt" ?! Ich will ein Leipzig ohne Klaus.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Nutzerbild von PaulPaul kommentierte

hmm

ganz unironisch: Schade.

000 000
 
Angemeldet als anonymer Benutzer.

Eine neue Diskussion starten

Angemeldet als anonymer Benutzer.