Das Ende des Tatorts: Liebe Sophia Thomalla

Das war’s. Der Leipzig-Tatort ist aus und vorbei. Müssen wir jetzt traurig sein? Müssen wir uns freuen? Eigentlich ist es egal. Richtig witzig wird es aber, wenn die Tochter der Hauptdarstellerin einen wütenden Offenen Brief an das deutsche Fernsehen schreibt und diesen im Internet veröffentlicht. André hat einfach mal geantwortet.

Foto: Screenshot ARD

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, da wusste ich noch gar nichts davon. Erst als mir Jahre später mein damaliger Mitbewohner erzählte, er habe eines Nachts jene Waschsalon-Bar gefunden, in der Tatort-Ermittler Peter Sodann einst fröhlich Bier trank, da erfuhr ich von der Beliebtheit des Ganzen.
Ich hatte noch nie vorher einen Tatort geschaut. Klar, meine Eltern hatten immer Tatort geguckt. Was für mich so viel hieß wie: Tatort gucken? Niemals. Und als ich es dann endlich doch mal tat, ganz casual und ganz ironisch versteht sich, da war es schon längst die zweite Runde Ermittler, die sich da durch Leipzig filmte.

Ganz ehrlich, gekriegt haben mich Keppler und Saalfeld nie. Beim Tatort befällt mich eigentlich immer nur die Angst, dass mir beim Zuschauen plötzlich ein Bürojob wachsen könnte. Und Simone Thomalla, die Frau mit den eine Million Gesichtern, die aber wiederum alle gleich aussehen, kriegt mich schon gar nicht. Auch wenn sie nur das Sahnehäubchen auf den ewig gleichen, schrecklich überzeichneten, US-Serien nacheifernden, aber eben doch nur an WDR heranreichenden Geschichten zu gelten hat.

Und dann ließ der MDR im Januar 2014 die Bombe platzen: Der Leipzig-Tatort wird abgesetzt. Und in China fiel ein Sack Reis um. Ich zitiere mal: „Inhaltlich gehörten die Leipziger Folgen immer zu den schwächsten im "Tatort"-Verbund. Die Fälle waren oft haarsträubend konstruiert, und Boulevardsternchen Thomalla machte neben Theaterstar Wuttke meist eine etwas bemühte Figur.“

Letzte Woche nun lief die allerletzte Folge des Leipziger Tatorts. Dank Sensationslust des Publikums knackte diese sogar die 10-Millionen-Zuschauer/innen-Marke.

Es hätte ein so schöner, ein stiller, ein doch noch halbwegs würdiger Abgang werden können. Wenn es da nicht Sophia Thomalla, die Tochter hinter Hauptkommissarin Eva Saalfeld gäbe, die sich beim Stern mal schön Luft gemacht hat über das Gegangen-Werden ihrer Mutter. Ihr Fazit: Es lag einzig und allein am Alter.

Das verlangt nach einer Antwort:

 

Liebe Sophia,

mehr als ein Jahr hattest Du jetzt Zeit, Dich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Zeit Deiner Frau Mutter als Tatort-Kommissarin irgendwann in diesem Jahr enden wird. Und jetzt schreibt du so einen launigen Text. Ist das noch Punkrock? Meinst Du, so etwas hilft ihr?
Du schreibst:

„In jeder Firma dieser Welt ist es normal und üblich, dass Menschen, die erfolgreich arbeiten, belohnt werden, befördert werden, Boni kriegen etc. Aber warum ist das im Deutschen Fernsehen anders?“

Ich wette, mir fallen aus dem Stehgreif mindestens zehn Firmen ein, in denen das nicht so ist. Aber wir wollen nicht so kleinlich sein, denn darum geht’s ja eigentlich gar nicht. Weiter geht’s:

„[…]  spätestens seit der Kündigung eines erfolgreichen ‚Tatort‘-Teams, […] hab' auch ich mich dazu entschlossen, mir mal ein paar Gedanken zu machen.“

Willkommen in der Welt der Denkerinnen und Denker!

„10,5 Millionen Zuschauer an einem Abend! So schnell macht Muttern das erstmal keiner nach!“

Zwei Sekunden Google: Tatort Münster und Tatort Hamburg - durchschnittliche Zuschauerzahl 12,9 und 11,37 Millionen. Booya!

„Neun Jahre hat meine Mutter nun die "Tatort"-Kommissarin Eva Saalfeld aus Leipzig gegeben. […] Die Quote stimmt nicht nur, sie ist hervorragend. Die Resonanz ist top. Besser geht es doch eigentlich gar nicht.“

Doch, siehe oben. Und die Resonanz ist top? Okay, 10,5 Millionen Zuschauer/innen bei der letzten Folge sind gut, obwohl ich glaube, dass die meisten Leute nur eingeschaltet haben, weil sie wissen wollten, ob der MDR die cojones besitzt, Keppler und Saalfeld am Ende von einem Bus überfahren zu lassen. Aber mal ehrlich: Liest Du ab und zu bei Twitter? Außerdem solltest Du wissen, dass Tradition kein Garant für das Fortbestehen bestimmter Verhältnisse ist. Warum auch? Wenn Du schon auf Marktprinzipien (Quote) pochst, dann bleib bitte auch dabei. Sonst könntest Du ja gleich …

„Dann gibt es ja nur eine Erklärung für diese Entscheidung: Der Jugendwahn hat also auch die Bastion ‚Tatort‘ erreicht.“

… ins Lager der Verschwörungstheoretiker/innen wechseln, quod erat demonstrandum.

„Jung ist erfolgreich - wie Til Schweiger im Hamburger ‚Tatort‘.“

Häh? Til Schweiger ist sogar zwei Jahre älter als deine Mutter!

„Ich bin sicherlich nicht immer die Angepassteste und politisch Korrekteste mit meinen Entscheidungen und Äußerungen. Und ich bin gerne auch mal anders. Aber ich bin in einigen Dingen konservativer, als man sich vorstellen würde. Gewisse Werte und Vorstellungen haben eben neben allem Rock 'n' Roll und Rebellion immer und trotzdem bei mir Bestand. Dazu gehört auch, dass das Alter etwas Ehrenwertes ist, etwas zu Respektierendes, auch Beruhigendes für mich. Nennen wir es anstatt Alter einfach mal Erfahrung.“

Schön, dass Du so flippig und manchmal sogar ein bisschen crazy bist, liebe Sophia. Auch ich verstehe nicht den Sinn von Snapchat und Segways halte ich ebenfalls für eine der sinnlosesten Erfindungen seit der Slackline. Aber ich sag es noch einmal: Til Schweiger ist sogar zwei Jahre älter als deine Mutter!

„Wenn Frodo Beutlin zum Beispiel auf seine Reisen geschickt wird, so wird er dies mild und erfahren von einem älteren Gandalf mit langem Bart und endloser Weisheit und Erfahrung. Man vertraut ihm, man glaubt ihm, dem Erfahrenen.“

Wie heißt es in Samuel Becketts „Warten auf Godot“ doch so schön? „Nun wird es wirklich sinnlos.“

„Die Rolle wäre doch mit einem/einer 25-Jährigen vollkommen falsch besetzt. Egal, wie gut der Schauspieler ist.“

Aha! Sind da vielleicht doch leise Zweifel an den schauspielerischen Qualitäten der Frau Mutter? Oder wenigstens ein Funken von Kritikbewusstsein? Hast Du doch mal heimlich auf Twitter gelunzt? War der Leipziger Tatort vielleicht manchmal doch nicht so gottgleich, wie du eben noch behauptetest? Wirkten die Bilder vielleicht doch oft gestelzt und ein bisschen „Wir können auch so cool sein wie die bei HBO“-trotzig? Und war dort, wo man das mit der Bildgewalt sogar ganz gut hinbekam, nicht oft genug das Drehbuch hässlich klischeebeladen, vorhersehbar und „Na, wenn ihr meint, dann machen wir es eben wie die bei CSI“-trotzig? 

„Zuschauer generell bekommt man immer mit guten Geschichten, und was nicht gut geschrieben ist, wird durch den Dreh auch nicht besser. Wenn man also modernisieren will, frage ich mich, warum man nicht einfach bessere oder modernere Bücher schreibt, als den bequemeren und den absurden Weg zu gehen und die Schauspieler auszutauschen.“

Wenn das so wäre, dann hieße das, dass jede/r Schauspieler/in alles spielen kann. Ich sehe es schon vor mir: Simone Thomalla als Gandalf der Graue. Simone Thomalla als Vin Diesel in Fast & Furious 8. Simone Thomalla als Julianne Moore in Still Alice. Ich übertreibe? Du auch, meine liebe. Sei doch froh, dass Deine Mutter, jahrelang und Folge für Folge ohne eine Miene zu verziehen (hihi), einen hohen fünfstelligen Betrag (schätze ich einfach mal) für ihre Tatort-Auftritte bekommen hat. Und das, obwohl sie eben keine Julianne Moore war und auch nicht mehr werden wird. Auch wenn Du ihren „Rauswurf“ als Fall interpretieren willst, so wette ich, dass sie ausschließlich nach oben fallen wird. Ob mir das nun lieb ist oder nicht.

„Das kommt mir so vor, als würde man ein Haus modernisieren wollen und einfach bunte Farbe auf die Fassade klatschen, statt mal darüber nachzudenken, dass eine Kernsanierung keine schlechte Idee wäre.“

Na sag das bloß nicht Deiner Frau Mutter.

„Ich sage es mal gerade raus: Was für eine Scheiße! Denn auch wir, die sogenannte "jugendliche Zielgruppe", wollen gar keine Verjüngung. Wir wollen glauben können und gut unterhalten werden. Authentisch ist uns wichtig - egal wie alt.“

Recht hast Du. Und genau deshalb ist es gut, dass der Leipzig-Tatort vorbei ist. Also außer mit diesem „Wir“-Quatsch. Und dieser jugendlichen Zielgruppe. Sophia, du bist bald 26. Ich zitiere mal Fettes Brot: An Dir nagt nicht der Zahn der Zeit, er hat richtig Hunger.

Aber es ist gut, dass der Leipziger Tatort mit allem Drum und Dran vorbei ist. Auch wenn Du das vielleicht nicht siehst oder sehen kannst. Sei beruhigt: Es lag wirklich nicht nur an deiner Mutter. Und doch eben auch an ihr. Denn wenn der Leipziger Tatort genau eines nicht war, dann authentisch. 

Mal gucken, ob die Dresdner/-innen es besser machen werden. Die Konstellation von weiblichen Ermittlerinnen mit männlichem Polizeichef lädt ja immerhin schonmal richtig gut zum Verbocken ein. Aber manchmal bringen ja schon ein paar verschiedene Gesichtsausdrücke etwas.
Alles andere wäre auch wirklich schade.

Über den Autor:

Andrés höchstselbst kreierte Tatort-Folge gibt’s übrigens hier.

Kommentare

Ulf Simons kommentierte auf Facebook

"Gandalmone die Weise"

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Rene Leipzig kommentierte auf Facebook

ich kenne welche dir mit ihr gearbeitet haben beim Set....sie war arrogant, von sich selbst eingebildet und hat andere von oben herab abgefertigt....danke das diese Person endlich verschwindet !

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Ulf Simons kommentierte auf Facebook

Es heißt AM Set! ;)

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Daniel Hofmann kommentierte auf Facebook

nach dem letzten Tatort müssen wir froh sein ...

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Rene Leipzig kommentierte auf Facebook

danke für die Berichtigung mit der herablassenden Art...sind sie zufällig verwandt mit ihr ?

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Nutzerbild von Mathias KuschelMathias Kuschel kommentierte

Habt Ihr keine Themen mehr ?

Hätte man in zwanzig Sätzen zusammenfassen können. Ich fand Tatort Leipzig Scheisse und Simone würde ich nie ins Bett kriegen. Mein Fazit: Simone würde das hier nie lesen. Hat als Tochter selbstverständlich ihre Mama verteidigt. Ist das verwerflich ? Obwohl mir Thomalla auch nicht gefiel, ist das der schlechteste Beitrag seit langem.

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Nutzerbild von AndréAndré kommentierte

Okay Trainer ...

... zehn Runden um den Platz als Strafe.

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